«Wie könnten wir überheblich sein?»
03. Feb 2007 10:16
 |  Heiner Brand (l.) und Markus Baur. | | Foto: dpa |
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«Wir wissen nur zu genau, dass die Polen uns einmal geschlagen haben», sagt Spielmacher Markus Baur vor dem Finale am Sonntag im Interview.
2004, im letzten EM-Gruppenspiel gegen die Franzosen, zog sich Markus Baur einen Meniskuseinriss zu. Er musste sich in Deutschland operieren lassen, setzte sich aber gleich wieder ins Auto, um nach Slowenien zurückzufahren. Dort wollte er das Endspiel, das die deutsche Mannschaft gegen den Gastgeber gewann, wenigstens auf der Tribüne verfolgen.
Brand treu geblieben
Als nach dem olympischen Handball-Turnier 2004, das mit der so tragischen Finalniederlage gegen Kroatien endete, zahlreiche Leistungsträger wie Stefan Kretzschmar, Volker Zerbe und der für das WM-Turnier in Deutschland zurückgekehrte Christian Schwarzer ihre Auswahlkarriere beendeten, war Baur einer der wenigen Routiniers, auf die Bundestrainer Heiner Brand weiter bauen konnte. Probleme mit dem Sprunggelenk ließen jedoch einen Einsatz des Meersburgers lange Zeit nicht zu. Letztes Jahr bei der EM fehlte er: «Er soll in Ruhe richtig fit werden und bei der WM 2007 wieder eine feste Größe in unserem Team darstellen», begründete Brand die Nicht-Nominierung. Erst im Juni kehrt der 36 Jahre alte Spielmacher des TBV Lemgo wieder in den Kreis der DHB-Auswahl zurück. Für den Bundestrainer ist Baur seit jeher der «unumstrittene Kopf im Team».
Gelungene Rückkehr Auch bei dieser WM verletzte er sich. In der Hauptrunde. Die Wade war gezerrt. Baur, der seit zwölf Jahren in der Nationalmannschaft spielt, konnte erst wieder im Halbfinale gegen die Franzosen mitmischen. Es hat sich gelohnt. Er warf per Siebenmeter den Siegtreffer. Auch bei der Revanche gegen Polen am Sonntag (16.30 Uhr in Köln) ist Baur mit dabei. In der Vorrunde unterlag die DHB-Auswahl den Polen 25:27, «weil wir viele Sachen nicht gemacht haben», wie Baur im Interview erklärt. Für ihn seien die Polen eine «Weltklasse-Mannschaft».Bei der EM vor drei Jahren warf er beim 41:32-Erfolg gegen Polen zwölf Tore. So viele werden es am Sonntag (16:30 Uhr) nicht sein, allein, weil er sich die Spielzeit mit dem 23 Jahre alten Michael Kraus teilt, seinem potenziellen Nachfolger. Frage: Herr Baur, die deutsche Mannschaft hat sich im Verlaufe des Turniers immens gesteigert. Der Europameister wurde zwei Mal besiegt, auch der Weltmeister von Tunesien 2005 musste sich geschlagen geben. Besteht die Gefahr, dass mancher einer jetzt sagt, die Polen putzen wir weg? Markus Baur: Nur die, die mit dem Handball nichts zu tun haben, sagen das. Die anderen nicht. Die Polen haben das Finale bei einer WM erreicht, sie haben eine Weltklasse-Mannschaft, Spieler, die in der Bundesliga allesamt wichtige Rollen einnehmen, in Topklubs tätig sind. Wie könnten wir da überheblich ins Spiel gehen? Wir wissen nur zu genau, dass die Polen uns einmal geschlagen haben, wissen also, dass sie zu allem in der Lage sind.
Entscheidende Video-Sitzung Frage: War die Niederlage gegen die Polen in der Vorrunde Voraussetzung für die Leistungssteigerung im Turnier?Baur: Man könnte vielleicht vereinfacht sagen, dass es nach dem verlorenen Spiel gegen die Polen aufwärts ging. Ich glaube aber, dass dafür viele Dinge eine Rolle gespielt haben. Für mich war die 45-minütige Video-Sitzung am nächsten Morgen, am 23. Januar, entscheidend. Wir haben gegen die Polen ja gar nicht so schlecht gespielt. Aber wir haben eben viele Sachen nicht gemacht, die wir hätten tun sollen. Das haben wir alle im Team gesehen und daraufhin versucht, einiges zu ändern. Und jetzt wollen wir am Sonntag noch mal einen draufpacken. Frage: Was waren die Erkenntnisse aus dem Videostudium? Baur Dass wir am Sonntag mehr Bewegung ins Spiel bringen müssen. Länger auf die Chance warten. Wir müssen die großen Kerle in der polnischen Abwehr in Bewegung bringen, um sie zu Fehlern zu zwingen und dadurch in bessere Wurfpositionen zu kommen. Frage: Alles Erkenntnisse von Bundestrainer Heiner Brand? Baur: Der Heiner Brand war beim Videostudium zunächst gar nicht dabei. Er hat uns das Video eingelegt, hat uns schauen lassen, und danach hat er uns alle in die Diskussion mit eingebunden. Es stellte sich heraus, dass wir alle das Gleiche gesehen hatten.
Abwehr einmal mehr gefordert Frage: Vergleichen Sie einmal die polnische Auswahl mit der deutschen Auswahl.Baur: Die Polen haben super Leute Im Rückraum. Damit haben sie die Möglichkeit, aus großer Entfernung Tore zu machen. Deshalb müssen wir in der Abwehr die gleiche Aggressivität an den Tag legen wie in den letzten Spielen auch und sie unter Druck setzen. Dann werden sie schneller den Abschluss suchen und vielleicht auch aus Situationen werfen müssen, aus denen sie nicht so gerne werfen. Frage: Sind die Polen im Rückraum von der Wurfkraft her stärker besetzt als die deutsche Auswahl? Baur: Wenn man Bielecki und mich vergleicht, kann Bielecki aus 11 Metern ein Tor machen, ich kann das nicht. Dafür haben wir andere Vorzüge. Frage: Worauf gründet die Stärke der deutschen Mannschaft? Baur: Wir sind sehr charakterstark, sehr gefestigt. Sicher haben wir unterschiedliche Typen dabei, aber das braucht eine Mannschaft auch. Wichtig ist, dass jeder dem anderen alles gönnt. Man kann sich absolut auf jeden im Team verlassen und weiß, was man an jedem Einzelnen hat. Ob einer den Ball mal zwei Meter übers Tor schmeißt oder ins Tor, es ist immer klar, dass er alles geben wird. Wir brauchen jeden, der im Team ist. Frage: Nun hat die Mannschaft große Verletzungssorgen gehabt, auch Sie mussten wegen einer Wadenzerrung pausieren. Wie sind Sie mit dieser Misere umgegangen? Baur: Das war ja schon die ganzen letzten Jahre so, leider auch diesmal wieder. Vielleicht stehen wir dadurch noch einen Tick enger zusammen. Ich habe sicher auch mal kurz gezweifelt, habe gedacht, das kann ja wohl jetzt nicht wahr sein. Aber letztendlich war es so, dass wir uns mit dem ganzen Team vor eineinhalb Jahren zusammengesetzt und überlegt haben, was wir erreichen können. Und jetzt sind wir auf einem sehr guten Weg. Frage: Es sind viele junge Spieler im Team, die nun bereits die Weltmeisterschaft gewinnen können. Sie werden im Fall des Titelgewinns am Sonntag 36 Jahre alt sein. Ist das gerecht? Baur: (lacht) Ich finde es eine absolute Unverschämtheit, dass unsere teilweise erst 23 Jahre alten Spieler das vielleicht jetzt schon erleben dürfen.
“Henning hat mich nicht überrascht“ Frage: Gibt es einen Spieler, der sie im Turnier besonders überrascht hat, von Henning Fritz einmal gesehen?Baur: Henning hat mich nicht überrascht. Henning hat ja solche Leistungen schon mal gezeigt. Ich möchte keinen herausheben. Das wäre den anderen gegenüber nicht fair. Alle bringen großartige Leistungen, auch die, die nicht so im Fokus stehen. Sie sind für uns lebenswichtig. Frage: Ist Michael Kraus Ihr Nachfolger? Baur: Ich habe schon gehört, dass vom König und seinem Prinzen die Rede ist. Frage: Wer ist der König, wer der Prinz? Baur: (lacht) Vielleicht verdreht sich das jetzt gerade. Frage: Sie verhelfen der Mannschaft mit sicher verwandelten Siebenmetern in entscheidenden Situationen immer wieder zum Sieg. Gegen Frankreich war es sogar der Siegtreffer. Wann entscheiden Sie, wohin Sie werfen? Baur: Ich schaue den Torwart so lange wie möglich aus. Bis er irgendeine Regung macht. Ich versuche, die Reaktion des Torwarts auch hervorzukitzeln, um dann dementsprechend zu handeln. Frage: Wann entscheiden Sie, wohin Sie genau werfen? Baur: Wenn ich mich gut fühle, wenn ich sicher bin, entscheidet sich das erst mit dem Loslassen des Balls. Wenn ich mal mich nicht so sicher fühle, kann es auch passieren, dass ich die Augen zuhabe und schnell schieße. Es gibt genug Schützen, die nicht hingucken, wohin sie werfen.
Zeitmaschine wegen „Blacky“ Frage: Wie wichtig ist die Nachnominierung von Christian Schwarzer gewesen?Baur: Blacky ist natürlich unheimlich wichtig für uns. Wir sind froh, dass er eingehalten hat, was er immer gesagt hat. Dass er kommen werde, wenn Not am Mann ist. Das er helfen werde, mit allem was er habe. Er ist enorm wichtig für uns. Ich bin froh, dass er da ist. Aber ich kann nicht beantworten, was passiert wäre, wenn Blacky nicht dabei gewesen wäre. Da müsste man eine Zeitmaschine bemühen. Frage: Macht Ihr Körper das Spiel gegen die Polen noch mit? Baur: Ich habe ja zwei Spiele weniger gehabt. Andere haben permanent 60 Minuten gespielt. Aber es ist das Finale am Sonntag. Da spielen irgendwelche Wehwehchen, Müdigkeit, ohnehin keine Rolle mehr. Wenn wir am Sonntag in der Kölnarena auf der „Platte“ einlaufen werden, wird keiner mehr irgendein Zimperlein spüren. Frage: Wie geht das Finale aus? Baur: Wenn wir am Sonntag unser Spiel machen, dann werden es die Polen sehr schwer haben, uns noch einmal zu schlagen. Frage: Wissen Sie schon, was nächste Woche sein wird? Baur: Erstmal habe ich noch ein Spiel hier, ja, und dann ist schon wieder Bundesliga. Das Interview mit Markus Baur wurde von Markus Wanderl aufgezeichnet
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