«Toto» Jansen behält die Nerven
31. Jan 2007 09:18
 |  Torsten Jansen | | Foto: dpa |
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Torsten Jansen verwandelt den wichtigsten Siebenmeter seines Lebens und führt seine Mannschaft ins Halbfinale, in dem es zu einem erneuten Duell mit dem Europameister kommt. Der spanische Coach wittert nach der Niederlage Betrug.
Von Markus Wanderl, Köln
In der 41. Minute, die deutschen Handballer führten im WM-Viertelfinale gegen Spanien mit 21:19, schnappte sich Torsten Jansen den Ball. Nach einem gewieften Pass von Spielmacher Michael Kraus auf Kreisläufer Christian Schwarzer hatte das norwegische Schiedsrichter-Duo auf Siebenmeter entschieden. Einmal mehr war die schwerfällige spanische Defensive mit dem zumeist quirligen Angriffsspiel der Deutschen nicht klargekommen und hatte dafür die Quittung kassiert. Und was machte Jansen, der Hamburger? Scheiterte an Javier Hombrados, Spaniens Keeper. Ausgerechnet Jansen. «Ich bin ja nicht so überhäuft mit Siebenmeterschützen», klagte Bundestrainer Heiner Brand später. «Aber Jansen ist wegen seiner Erfahrung und Ruhe dafür prädestiniert.» Die mögliche Drei-Tore-Führung für die Deutschen war jedenfalls dahin. Spanien gelang bald darauf der Anschluss zum 20:21. Das Bangen um den Einzug ins WM-Halbfinale ging weiter.
Nerven wie Drahtseile
«Für Euch vielleicht», sagte Schwarzer zu den Journalisten. Denn es sei ja so gewesen: «Wir haben immer unser Ding weitergespielt. Wir wissen, was wir in solchen Situationen zu tun haben und haben eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass wir nicht die Nerven verlieren. Das zeichnet uns im Augenblick als Mannschaft aus», lobte der Mann, der neben dem noch maladen Markus Baur dafür verantwortlich ist, dass der Bundestrainer die Weltmeisterschaft mit überproportionierten Gliedmaßen verbringt. Wie oft sind die beiden dienstältesten Spieler im Team in den letzten zehn Tagen als Brands verlängerter Arm bezeichnet worden? Hundertmal, vielleicht auch tausendmal.Dass den Spaniern, dem Weltmeister von Tunesien von vor zwei Jahren, der Anschluss gelang, schien tatsächlich kein Weltuntergang zu sein. Nur einmal, beim 3:3, hatte es Unentschieden gestanden, die Spanier hatten nie geführt, sondern immer mit ein, zwei, oder drei Toren zurückgelegen. Einmal sogar mir vier Treffern, als dem Nordhorner Holger Glandorf (5 Tore) mit einem seiner berühmt-berüchtigten Aufsetzer aus dem Rückraum das 13:9 gelungen war. Zur Halbzeit lagen die Deutschen 15:12 vorn. Doch geschlagen gaben sich die Spanier nie. Nein, nie, da konnte Schwarzer erzählen, was er wollte. Aber halt, auch Brand hatte zum Thema dezidiert etwas zu sagen: «Dass ich empfunden habe, dass das Spiel kippen würde, ist nicht der Fall gewesen», schlug sich der Gummersbacher auf die Seite Schwarzers. «Das es mal auf der Kippe stand, das ist klar», machte Brand es kompliziert. «Im Handball kann sehr schnell etwas passieren, ein, zwei Hinausstellungen und schon ist das Ergebnis umgedreht», erklärte er.
Brand wundert sich Kippe hin, Kippe her. Wenn seine Spieler nicht allzu viel Blödsinn machten, gewönnen sie das Spiel, war sich Brand während der Begegnung eigentlich immer sicher. «Wir hatten die spanische Abwehr im Angriff, haben immer unsere Chancen bekommen», analysierte Brand. Er sei verwundert gewesen, dass der Weltmeister seine Defensive nicht umgestellt habe, wo er doch hätte merken müssen, dass seine Spieler kontinuierlich zu Toren gekommen seien. Bis auf den einen oder anderen Moment, als zu hektisch abgeschlossen worden sei, durch Kraus oder auch Pascal Hens, der sich in der zweiten Halbzeit aber steigerte und drei wichtige Treffer erzielte.Eines seiner Tore gelang Hens zum 23:21 (49.). Besser wäre es noch gewesen, hätte «Pommes», so wird Hens seiner dünnen Arme wegen in der Mannschaft genannt, beim Stand von 23:22 nicht den Pfosten getroffen, sondern ins Gehäuse. Denn die Spanier konnten daraufhin zum zweiten Mal in dieser Begegnung ausgleichen (23:23), und es begann die Phase ab der 51. Minute, welche die 19.000 Zuschauer, Reporter inbegriffen, als Drama empfanden, eben als Spiel, das auf der Kippe stand.
Tollhaus dank Fritz Sicher, auf Henning Fritz war auch in diesem Viertelfinale Verlass, mindestens. Als er bei einer neuerlichen Zwei-Tore-Führung (25:23) seines Teams vier Minuten vor Spielende den siebten Wurf vom verzweifelten Alberto Entrerrios entschärfte (56.), verwandelte sich nicht nur die Kölner Arena endgültig in ein Tollhaus, sondern auch auf der deutschen Bank sprang jeder auf wie von der Tarantel gestochen, die Fäuste gestreckt, die Münder zum Schrei geformt.Aber wieder verkürzten die Spanier (25:24), und als der unglücklich agierende Florian Kehrmann rechts außen zum Sprung ansetzte, wusste niemand nicht so recht, was nun das kleinere Übel wäre, Kehrmanns zehnter missglückter Wurfversuch (!), der vielleicht mit viel Glück wieder in den eigenen Reihen landen würde oder ein durchs unsichere Schiedsrichter-Duo verhängter Siebenmeter. Denn wer sollte den werfen, eine Minute und acht Sekunden vor Schluss? Jansen? Brand schilderte die sich abspielende Szene so: «Es gab Blickkontakt. Ich habe auf ihn gezeigt. Da hat er sofort genickt. Er hat also vorher zu mir geguckt. Fand ich gut», sagte er.
Jansen unbeeindruckt Und wieder schnappte sich Jansen das Spielgerät, umschlang es fest, machte einige wenige Schritte zur Siebenmeterlinie, schaute den Torwart an, zögerte kurz, täuschte an und schlenzte schließlich den Ball am spanischen Keeper mit einem Aufsetzer vorbei. Weil Jansen - wie meistens - die Nerven behielt, stand es nun 26:24. Zum Spieler des Spiels – zwar nicht offiziell, dazu wurde der von der deutschen Abwehr nicht zu bändigende spanische Kreisläufer-Koloss Rolando Urios bestimmt (acht Tore bei acht Wurfversuchen) –, machte sich Jansen wenige Sekunden vor Schluss. Als sich die schwerfälligen Spanier zur offensiven Deckung entschlossen, war Jansen auf Linksaußen schnell frei gespielt. Sicher gelang ihm sein sechstes Tor und damit der Endstand von 27:25, nachdem den Spaniern zuvor, als die Uhr noch 31 Sekunden Spielzeit anzeigte, noch einmal der Anschlusstreffer gelungen war – per Siebenmeter, dem Symbol dieses gewonnenen Viertelfinals, weshalb die deutsche Mannschaft weiter vom Gewinn der Weltmeisterschaft träumen kann.
«Toto» Superstar Sogar Baur, der noch verletzt fehlte, ließ es sich nicht nehmen, später in der Pressezone aufzutauchen und Jansen, genannt «Toto», ein längst fälliges Kompliment zu machen: «Toto hat eine sensationelle Leistung gebracht, wie in allen anderen Spielen auch. Nur keiner hat von ihm bisher geredet, von seiner sensationellen Quote», beschwerte er sich. «Denn», erinnerte Baur an die engagierten Leistungen von Jansen auf der halblinken Abwehrposition, «nebenbei stellt Toto ja noch alle gegnerischen Linkshänder kalt.»Kaltgestellt fühlte sich nach der Partie vor allem Juan Carlos Pastor. Für den Coach der Spanier stand fest: «Wir hatten keine Chance das Spiel zu gewinnen.» Nicht etwa, dass er die Stärke der Deutschen rühmen wollte. Nur der «exzellente» Torwart Fritz erhielt ein Lob. Für Pastor gründete die Niederlage allein auf der angeblichen Parteilichkeit der Referees. Die beiden Norweger «haben vor allem ab der 51. Minute einige Entscheidungen gegen uns getroffen, sie haben das Spiel entschieden», sagte der stocksaure Coach. Während seiner Mannschaft zahlreiche Stürmerfouls angekreidet worden seien, hätten die Deutschen tun und lassen können, was sie wollten.
Im Sieg gelassen Brand störte diese Analyse. Auf ein verbales Duell mit Pastor ließ er sich aber nicht ein. Er ließ ihn einfach reden. Im kleinen Kreis gab er später schmunzelnd zu: «Wenn man gewonnen hat, ist es ja nicht so schwer sich zurückzuhalten.» Für Brand war der Sieg «aufgrund des Spielverlaufs verdient» zustande gekommen. Er lobte einmal mehr «den großem Kampfgeist, die Bereitschaft in der Abwehr, richtig zu arbeiten». Und auch «im Angriff haben wir durchaus vom taktischen her viele Dinge richtig gemacht», sagte er.In dieser Siegeslaune fiel es Brand auch nicht schwer, Kehrmann in Schutz zu nehmen. Hätte es mit dem Halbfinal-Einzug nicht geklappt, wäre der Lemgoer wohl wegen der Vielzahl an vergebenen Chancen als Hauptschuldiger ausgemacht worden. «Wenn das Spiel gekippt wäre, wäre das zwar traurig gewesen. Aber letztlich hätte ich die Verantwortung gehabt, ich hätte ihn ja rausnehmen können», sagte Brand. Schon am Donnerstag (17.30 Uhr, Köln) hat Kehrmann die Möglichkeit es besser zu machen. Europameister Frankreich, das sich am späten gestrigen Abend in Köln gegen Olympiasieger Kroatien durchsetzte (21:18), fordert die deutsche Auswahl im Halbfinale zur Revanche. «Ich erwarte da noch mal eine Steigerung. Wir wollen Weltmeister werden», sagte Kehrmann.
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