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«Ich brauche Zuckerbrot und Peitsche»
30. Jan 2007 10:00

Christian Zeitz
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Foto: dpa
Ihm wäre im Viertelfinale ein anderer Gegner lieber gewesen als Spanien, sagt Handball-Nationalspieler Christian Zeitz im Interview mit Netzeitung.de. Der Internetfreak hat bei der WM kaum Zeit zum Surfen, zum neuen Paris-Hilton-Video hat er sich aber eine Meinung gebildet.
 
Christian Zeitz wirke immer so unbeteiligt, heißt es oft. Weil sein Gesichtsausdruck immer gleich sei. Stimmt aber gar nicht. Als der Kieler beim Interview mit Netzeitung.de das Diktiergerät des Reportes sieht, sagt er lachend: «Ganz schön altes Modell, was?» Cooler Typ, dieser Zeitz. Und sehr sympathisch.

Bei Brand gesetzt

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  • Der in Heidelberg geborene Linkshänder ging einst schludrig mit seinem Talent um. Deswegen war für ihn der Sprung von der A-Jugend in die 1. Mannschaft des Zweitligisten TSV Östringen einst nicht ganz einfach. Bei einer Körpergröße von 1,85 Meter brachte er sage und schreibe 107 Kilogramm auf die Waage. Aber Zeitz begriff, dass sich etwas ändern muss, wollte er im Handball zu den Besten gehören und sein Name nicht nur für einen strammen Wurf stehen. 2001 trimmte er sich in drei Monaten auf 86 Kilogramm, und Bundestrainer Heiner Brand belohnte den Spieler «mit Perspektive» (Brand) mit einem ersten Länderspieleinsatz.

    Bei Brand ist der 26 Jahre alte Zeitz mittlerweile gesetzt. Obwohl er weiterhin unorthodox spielt und unberechenbar ist in seinen Leistungen. Aber «weil Heiner Brand damit klar kommt, bin ich dabei», sagt Zeitz lapidar, der gegen Tunesien mit sieben Toren seine beste Turnierleistung bot

    Hobby Internet

    Beim THW Kiel, wo er seit 2003 spielt, saß Zeitz zuletzt oftmals auf der Bank. Bei der Weltmeisterschaft in Deutschland ist er aber die Nummer eins auf der halbrechten Position. Der Nordhorner Holger Glandorf ergänzt ihn dort.

    Zeitz ist ein Computer- und Internetfreak. Für sein Hobby bleibt bei der WM zwar wenig Zeit, aber wie allen Bundesbürgern ist auch ihm das neueste Video mit Paris Hilton nicht entgangen.

    Zeitz wagt eine Prognose für das Viertelfinale gegen Weltmeister Spanien (Dienstag, 17.30 Uhr, Köln): «25:25. In der Verlängerung hält Fritz zwei Bälle und wir gewinnen», sagt Zeitz.

    Netzeitung.de: Mit Spanien wartet heute ein sehr schwerer Gegner. Hätte einfacher kommen können, oder?

    Christian Zeitz: Ja, ich persönlich spiele gegen andere Mannschaften lieber. Russland wäre mir entgegengekommen. Gegen die Russen habe ich immer - oder fast immer - gut gespielt. Auf der anderen Seite haben die Spanier schon bei Olympia 2004 in Athen gesehen, dass man mit uns immer rechnen muss.

    Netzeitung.de: Nun fällt ausgerechnet Spielmacher Markus Baur aus. Lässt sich ein solcher Ausfall verkraften?

    Zeitz: Markus Baur ist nur schwer zu kompensieren. Er ist der Kopf der Mannschaft. Aber wir haben ja gesehen, wie Michael Kraus bereits gegen Frankreich voll in die Bresche gesprungen ist und das Kommando übernommen hat. Das hat er sehr gut gemacht. Wenn ich Bundestrainer wäre, würde ich auch mich auf die Mitte stellen.

    Netzeitung.de: Tatsächlich?

    Zeitz: (lacht) Nein. Für mich wäre es nur eine große Sache, weil ich mehr Bälle kriegen würde.

    Fritz ist Franz Beckenbauer

    Unberechenbar: Zeitz im Spiel gegen die Franzosen
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    Foto: dpa
    Netzeitung.de: Sicher ist eigentlich nur, dass Henning Fritz nicht Mitte spielen wird.

    Zeitz: Solange wir nicht Fußball spielen, kommt Henning nicht in Frage, richtig.

    Netzeitung.de: Fritz und Fußball?

    Zeitz: Henning Fritz wird bei uns auch Franz Beckenbauer genannt. Weil er gerne Franz Beckenbauer sein möchte, glaube ich. Wenn wir Fußball spielen und er schießt ein Tor, was selten vorkommt, jubelt er und sagt immer: Franz Beckenbauer.

    Netzeitung.de: Nach einem eher schwachen Turnierbeginn haben Sie sich gesteigert. Wie beurteilen Sie Ihre bisherige Leistung?

    Zeitz: Im ersten Spiel gegen Brasilien habe ich drei, vier Würfe verworfen. Markus Baur hat mich dann ein bisschen geschnitten, das ist jetzt keine negative Kritik, aber ich habe das schon gemerkt. Ich denke, das hat sich jetzt gebessert, er weiß damit zu leben, wenn ich mal drei, vier verwerfe. Mal sehen, wie’s weitergeht. Ich hoffe, dass wir gegen Spanien gewinnen.

    Netzeitung.de: Rechtsaußen Florian Kehrmann zog sich im Spiel gegen Island eine Knieprellung zu und drohte auszufallen. Nun kann er doch spielen. Glück gehabt, oder?

    Zeitz: Florian wird sich das Spiel gegen Spanien nicht nehmen lassen. Aber wenn er sich schwer verletzt hätte, wäre ich natürlich auf Rechtsaußen gegangen. Ich kann die Position spielen, ich habe ja da einst angefangen und auch in der Juniorenauswahl Außen gespielt.

    Netzeitung.de: Ihr Stil ist manchmal recht unorthodox. Das gefällt nicht jedem.

    Zeitz: Jeder hat seine Art zu spielen. So zu spielen ist eben meine. Heiner Brand kommt damit klar, deswegen bin ich dabei.

    Netzeitung.de: Bei der Weltmeisterschaft in Tunesien 2005 sahen Sie sich starker Kritik ausgesetzt. Besonders Erhard Wunderlich, mit Heiner Brand 1978 Weltmeister, attackierte sie. Haben Sie sich mit ihm jemals ausgesprochen?

    Zeitz: Ich hatte mit ihm vorher noch nie ein Wort gewechselt, und ich habe mich auch nicht mit ihm ausgesprochen. Für mich ist das Thema gegessen. Er wird weiter seine Sprüche machen. Ich kann damit leben. Irgendwann sieht man sich nochmal im Leben.

    Netzeitung.de: Wenn Sie Trainer wären, wie würden Sie mit Christian Zeitz umgehen?

    Zeitz: Mit Zuckerbrot und Peitsche.

    Nur ein Ritual

    Netzeitung.de: Pflegen Sie Rituale vor einem Spiel?

    Zeitz: In der Kabine nicht, nein. Aber ich dusche vorher im Hotel, um schon ein bisschen warm zu werden. Sonst habe ich keine Rituale.

    Netzeitung.de: Ihr Gesichtsausdruck, zumindest auf dem Feld, ist eigentlich immer der gleiche. Muss der Frust nie raus?

    Zeitz: Ich zeige es nur nicht. Äußerlich wirke ich cool, innerlich ist es wie ein Vulkan.

    Netzeitung.de: Wutausbrüche haben Sie also schon?

    Zeitz: Innerlich ja. Äußerlich auch, aber nicht beim Handball. Oder nur selten. Bei der Aktion von Polens Trainer Bogdan Wenta war ich allerdings kurz davor einen Wutausbruch zu haben. Als der versucht hat, den Ball abzufangen - ich glaube, es war in der 58. Minute - da hätte ich ihm am liebsten eine reingehauen, aber das habe ich mir dann doch verkniffen. Es hätte sich nicht gelohnt.

    Netzeitung.de: Was lässt Sie privat ausrasten?

    Zeitz: Wenn es mit meinem Computer nicht so klappt, wie ich es haben möchte.

    Netzeitung.de: Das geht uns allen so.

    Zeitz: (lacht) Ja.

    Pokern aufgegeben

    Bild vergrößern
    Foto: AP
    Netzeitung.de: Was machen Sie während der WM in der wenigen Freizeit?

    Zeitz: Ich habe angefangen zu Pokern, aber ich war nicht so erfolgreich und hab’s dann gelassen.

    Netzeitung.de: Ging’s um Geld?

    Zeitz: Um Geld, ja. Deswegen bin ausgestiegen. Das Portemonaie ist nicht leer, aber es ist auf jeden Fall eine Lücke entstanden.

    Netzeitung.de: Sie sind ein Computerfreak.

    Zeitz: Ja, nach dem Pokern habe ich mich wieder auf meinen neuen Apple konzentriert. Ich habe mir dazu auch ein Buch gekauft und finde mich gerade rein.

    Netzeitung.de: Auch ein Internet-Fan?

    Zeitz: Ja.

    Netzeitung.de: Das Nackedei-Video mit Paris Hilton schon gesehen?

    Zeitz: Habe ich mir angeguckt, ja.

    Paris Hilton lieber live

    Netzeitung.de: Ist ja nicht so dolle.

    Zeitz: Nee, ist nichts Besonderes. Live wär’s besser.

    Netzeitung.de: Aber Paris ist schon Ihr Geschmack?

    Zeitz: Die kommt ein bisschen dumm rüber, aber optisch ist sie anziehend.

    Netzeitung.de: An Klatsch interessiert?

    Zeitz: Paris Hilton googeln tue ich nicht. Ab und an gucke ich mir die Bilder in der Gala an. Da kommt man ja schon fast nicht mehr drum herum.

    Netzeitung.de: Holger Glandorf und Lars Kaufmann sind Fans von Doppelzimmern. Eine Nacht haben die beiden sogar in einem Doppelbett geschlafen, ehe es ihnen doch zu eng wurde. Sie haben ein Einzelzimmer. Warum?

    Zeitz: Ich brauche meine Ruhe.

    Netzeitung.de: Apropos Glandorf. Sie sollen sich mit ihm auf der halbrechten Position ergänzen, was bisher ja auch gut klappt. Wie gehen Sie mit dem Konkurrenten um?

    Zeitz: Wir sind keine Konkurrenten, wir sind Mitspieler und versuchen für unser Team das Beste zu geben. Ob er zehn Tore macht oder ich spielt keine Rolle. Wir wollen gemeinsam gewinnen.

    Von Freibrief kann keine Rede sein

    Netzeitung.de: Sie haben bei Ihren Mannschaftskameraden eine Sonderstellung. Sie dürfen mehr riskieren als andere, weshalb Sie an manchen Tagen acht von neun Würfen im Tor unterbringen, an anderen Tagen nur zwei von sieben. Wie erklären Sie sich Ihren Ausnahmestatus?

    Zeitz: Vielleicht wissen meine Mitspieler, was sie an mir haben. Aber einen Freibrief habe ich nun auch nicht, weil ich ja bei einem schlechten Spiel von der Presse zerrissen werde. Ich würde lieber von der Mannschaft einen blöden Spruch abbekommen als von der Presse. Die Presse hat vom Handball weniger Ahnung als die eigenen Mitspieler.

    Netzeitung.de: Auffällig ist, dass Sie sich nach einem Spiel nie in der Pressezone blicken lassen. Nur an spielfreien Tagen gibt es die Chance, mit Ihnen zu sprechen.

    Zeitz: Das stimmt, ich spreche nicht nach dem Spiel. Ich finde das blöd, direkt vom Hallenboden zu kommen und dann direkt zur Presse zu gehen. Ich sage dann vielleicht Sachen, die mir danach Leid tun, die nicht so gemeint waren. Deswegen bin ich der Meinung, dass man erst eine Nacht drüber schlafen sollte. Dann kann man immer noch über alles reden.

    Netzeitung.de: Was sind die Vorzüge des deutschen Teams im Vergleich zur spanischen Auswahl?

    Zeitz: Die Unberechenbarkeit. Und wir spielen im eigenen Land vor 19.000 Zuschauern in Köln. Und wir haben jetzt wieder einen Torhüter, der bärenstark hält. Henning Fritz wird ihnen alles weg halten.

    Hamburger Halle in Gunst vorn

    Netzeitung.de: Hätten Sie lieber in Hamburg gespielt?

    Zeitz: In Köln sind die Zuschauerränge viel zu weit weg. Ab dem zweiten oder dritten Rang erkennst du als Zuschauer keinen Menschen mehr. Im Hamburg sind sie näher dran am Spielfeld. Ist auch einfach die schönere Halle dort, finde ich.

    Netzeitung.de: Wie lange benötigen Sie, um «runterzukommen», wie es immer so schön heißt. Geschieht das schon am Abend bald nach dem Spiel oder erst am nächsten Tag, nach dem Aufwachen?

    Zeitz: Bei einem Sieg ist es einfacher runterzukommen als bei einer Niederlage. Einen Sieg hake ich eher ab und gehe an die nächste Sache ran. Aber bei einer Niederlage überlege ich schon, was die Mannschaft, was ich besser machen kann.

    Netzeitung.de: Es heißt, dass Sie bei Bundesligist Kronau-Östringen wieder auf dem Wunschzettel stehen.

    Zeitz: Ich glaube, ich bin da noch nie vom Wunschzettel gestrichen worden, aber bis jetzt gab’s noch keine Gespräche. Mal abwarten, wie die WM verläuft. Ich habe ja gesagt, als ich von Kronau-Östringen weggegangen bin, dass ich irgendwann wieder für diesen Verein spielen möchte. Aber ob später in der Altherren-Mannschaft oder in der ersten Mannschaft, das weiß ich noch nicht.

    Netzeitung.de: Wie geht das Spiel heute aus?

    Zeitz: 25:25. In der Verlängerung hält Fritz zwei Bälle und wir gewinnen.

    Das Interview mit Christian Zeitz führte Markus Wanderl





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