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Polens Wucht überrascht Brands Team
23. Jan 2007 09:22

Heiner Brand (l.) mit einem Schiedsrichter
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Foto: dpa
Wie Kanonenschüsse schlugen die Torwürfe der Polen im Gehäuse der DHB-Auswahl ein. Dass «Kleinigkeiten« die Partie entschieden, wie Rechtsaußen Florian Kehrmann behauptete, stimmte so ganz nicht.
 
Von Marc Ellerich, Halle

Bogdan Wenta tanzte, als wäre der Leibhaftige in ihn gefahren. Er schrie, er stritt mit den Schiedsrichtern, er ruderte mit den Armen. Er konnte sich einfach nicht beruhigen. Das letzte Vorrundenspiel der Handball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und dem von ihm trainierten Team aus Polen war ein sehr spannendes Spiel. Eine umkämpfte Partie, wie man im Sport sagt. Das Publikum schrie, die Spieler verausgabten sich auf dem Feld. Wenta tat es am Spielfeldrand. Was der polnische Trainer unten in der Arena des Gerry-Weber-Stadions aufführte, umtost vom Lärm der 11.000, grenzte an Wahnsinn, er wirkte besessen. Es kam einem der Fußball-Trainer Christoph Daum in den Sinn.

«Sehr emotional»

Mehr in der Netzeitung:
Eines war klar: Wenta wollte unbedingt gewinnen gegen das Land, das er seine zweite Heimat nennt. Früher hatte er ja selbst einmal das Trikot der deutschen Nationalmannschaft getragen, fünfzig Mal. Heute trainiert er den SC Magdeburg in der Bundesliga. «Sehr emotional» sei das Treffen mit den Deutschen gewesen, sagte Wenta nach der Partie: «Vielleicht bin ich mehr mitgegangen, als mancher meiner Spieler.»

Aber auch die hatten sich angestrengt und die Deutschen in einer hart geführten Partie schließlich mit 27:25 (14:12) bezwungen. Wer will, kann das als Erfolg von Wentas Siegeswillen werten - oder seiner ungewöhnlichen Methoden. Vor dem Treffen mit der Auswahl des Deutschen Handball-Bunds hat der polnische Coach seinen Spielern das leere Stadion gezeigt. Sie sollten sehen, dass deutsche Spielfelder auch nicht anders aussehen als die zuhause in Polen. So wollte Wenta seinem Team die Angst nehmen. Es ist ihm geglückt.

Hart wie Kanonenschüsse

Denn seine Männer gaben nicht einen Zentimeter nach im erbitterten Duell mit der deutschen Mannschaft. «Hart und schmerzhaft» nannte Wenta den Vergleich, der den Polen schließlich die ersten zwei Punkte für die am Mittwoch beginnende Hauptrunde bescherte. Wobei sich beide Teams weh taten. Aber besonders die polnischen Rückraumschützen waren für die deutschen Abwehrspieler einfach nicht zu fassen.

Die Deutschen hatten die Würfe der polnischen «Top-Shooter» gefürchtet, nun wurde deutlich weshalb. Hart wie Kanonenschüsse kamen die Würfe von Karol Bielecki, Mariusz Jurasik und Grzegorz Tkaczyk aufs deutsche Tor zugeflogen, egal ob nun Henning Fritz darin stand oder sein Kollege Johannes Bitter. 15 Treffer von jenseits der 9-Meter-Linie verzeichnete die Statistik später für Polen. Die Spieler von Bundestrainer Heiner Brand trafen nur sechs Mal aus der Distanz.

Offenes Visier

Brands Männer schienen überrascht von der polnischen Wucht, obwohl sie allein neun ihrer Gegner regelmäßig in der Bundesliga treffen. Es half aber nichts, das man einander gut kennt, wie der deutsche Kapitän Markus Baur vor dem Aufeinandertreffen berichtete («Die wissen, was wir spielen, wir wissen, was die spielen»). Als dann gegen die Polen mit «offenem Visier gekämpft wurde» (Baur), waren die Deutschen dennoch überrascht: «Sie haben sehr diszipliniert auf ihre Chancen gewartet».

Bei den Deutschen bemängelte der Bundestrainer die fehlende Geduld: Oft hätten seine Spieler den Ball zu hastig aufs polnische Tor geworfen und zu ungenau, fand Brand. Die Polen hingegen: groß, stark, einen Tick aggressiver hinten, etwas präziser vor dem deutschen Tor. «Kleinigkeiten haben entschieden», glaubte Rechtsaußen Florian Kehrmann. Aber so ganz stimmte das nicht. Brands Team brachte nur 44 Prozent seiner Angriffe im Tor des starken polnischen Schlussmanns Szmal unter, die Quote der Polen lag bei 61 Prozent.

«Richtige Brocken»

Und Kleinigkeiten waren es auch nicht, die das Spiel endgültig entschieden. Zehn Minuten vor Schluss sah Abwehr-Mann Oliver Roggisch nach einem Foul die Rote Karte und musste für den Rest des Spiels vom Feld, fünf Minuten nach ihm ging dann auch noch Baur - ebenfalls zwei Minuten, ebenfalls mit Rot bestraft. Danach trafen ihre Mitspieler auf einmal das Tor nicht mehr - fünf Minuten lang. Aus einer Zwei-Tore-Führung wurde ein Zwei-Tore-Rückstand. «Das hat uns den Knacks gegeben», sagte Brand. Das Spiel war verloren.

Wichtig ist nun, wie sie mit der Niederlage umgehen, sonst kann es böse enden. «In dieser Woche entscheidet sich, ob wir weiterkommen.», sagte der Bundestrainer mit Blick auf den weiteren Turnierverlauf. Das erste Spiel der Hauptrunde bestreitet die Mannschaft am Mittwoch gegen Slowenien. Frankreich, Polen, Island und Tunesien sind weitere Gegner. «Richtige Brocken», sagt Baur. Vielleicht auch deshalb versuchten er und seine Mitspieler die Gram der Niederlage eilig abzuschütteln.

Nichts sei geschehen durch die Niederlage gegen die Polen, versicherten Kehrmann und der reaktivierte Kreisläufer Christian Schwarzer, den Brand für den verletzten Klimovets nominiert hatte. Und Brand sieht seine Mannschaft «auf dem Weg nach oben». «Das Positive überwiegt», behauptete auch Kehrmann und bemühte sogar einen historischen Vergleich, der belegen sollte, dass weder er noch seine Kollegen zweifeln. Auch im grandiosen Jahr 2004 hätten er und seine Kollegen ein Match in der Vorrunde verloren. Sein Team sei abgeschrieben gewesen, vor allem bei den Beobachtern. 30 Journalisten hätten seinerzeit die Heimreise angetreten, behauptet der deutsche Rechtsaußen. «Und wir sind nachher Europameister geworden.»





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