Baur & Co. voller Ehrfurcht vor Polen
22. Jan 2007 09:40, ergänzt 10:18
 |  Pascal Hens hält dagegen | | Foto: dpa |
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Weil die deutsche Handball-Auswahl «die Zahl der groben Fehler reduziert», gewinnt sie ihr zweites WM-Spiel souverän. Beim heutigen Duell gegen einen furchteinflößenden Rivalen ist nun doch Altstar Schwarzer mit dabei.
Von Marc Ellerich, Halle
Argentinien, hmmmh? Viel wusste Heiner Brand nicht zu berichten, als er vergangene Woche von den Journalisten zum zweiten, vermeintlich schwächsten Vorrundengegner bei der Handball-Weltmeisterschaft befragt worden ist. Über die Mannschaft aus Südamerika wolle er erst mehr sagen nach dem Video, das er sich auf der Zugfahrt zwischen Berlin und Halle ansehen wollte – dorthin ist die Mannschaft des Deutschen Handball Bunds (DHB) am Tag nach der mühseligen Turnier-Eröffnung gegen Brasilien (27:22) umgezogen.
Weniger Fehler
Die zweieinhalb Stunden im Intercity Express waren offenbar ausreichend Zeit, um den deutschen Bundestrainer und seine Mannschaft besser ins Bild zu setzen. Am gestrigen Sonntag fertigte das DFB-Ensemble den Gegner vom Rio de la Plata beschwingt ab im vollbesetzten Gerry-Weber-Stadion von Halle. 32:20 (17:11) Treffer wies der Match-Report schließlich für Brands Mannen aus, der zweite Sieg in Gruppe C und mithin ein gelungener Start ins Turnier.So konnte sich Brand jovial geben nach einem Sieg über einen Gegner, der eigentlich nur eine knappe Halbzeit lang vollwertig dagegenhielt. Er müsse ja als Trainer etwas Kritisches sagen, scherzte Brand und prangerte nach dem Sieg einige verworfene Pässe an und berichtete von misslungenen Spielzügen im Angriff. Aber eigentlich hatte der Mann aus Gummersbach nichts Wesentliches auszusetzen, und so ließ er sich zu seinem ersten Lob bei dieser Weltmeisterschaft hinreißen, die seine Trainerkarriere krönen könnte: «Es war wesentlich besser als im Auftaktspiel», sagte er also: «Aber irgendwann war der Druck auch nicht mehr so da.» Jedenfalls: «Wir haben die Zahl der groben Fehler reduziert.»
«Ein bisschen feiern» Als dann aber jemand von einem Befreiungsschlag sprach, der gegen die Argentinier gelungen sei, da wehrte sich der vorsichtige Brand. Nein, eine Befreiung sei das Spiel nicht gewesen. «Davon spreche ich erst, wenn wir im Viertelfinale sind.»Seine Spieler haben das naturgemäß etwas lockerer gesehen. «Endlich ist die Leichtigkeit zurückgekehrt», jubelte Rückraumspieler Michael Haaß. Torhüter Johannes Bitter, den Brand im zweiten Durchgang spielen ließ, um Henning Fritz Ruhe zu gönnen, befand, in der zweiten Spielhälfte «konnten wir sogar ein bisschen feiern.» Auch Markus Baur, der Kopf der Mannschaft, der seine Mitspieler durch das Turnier führen soll, war hinterher gutgelaunt.
«Wir sind angekommen» Man habe ein anderes Auftreten gehabt, fand der Lenker aus Lemgo, sicht- und zählbar in einer geringeren Fehlerquote und verbessertem Passspiel verglichen mit dem unsicheren Brasilienspiel, als viele seiner Nebenleute damit beschäftigt waren, ihre Nerven in den Griff zu kriegen. Gegen Argentinien wies die Statistik bessere Quoten aus: Christian Zeitz (50 Prozent Trefferquote), Torsten Jansen (100 %), Dominik Klein (100%), Sebastian Preiß (83%), fast jeder zielte besser. «Man hat gemerkt, es geht ein bisschen bergauf», stellte Baur fest und resümierte schließlich: «Wir sind im Turnier angekommen.» Nur sollte man den Beitrag des Gegners dabei nicht unterschlagen. Zwar traten die Blau-Weißen anfangs aggressiv auf mit ihrer 3-2-1-Deckung und bereiteten den Deutschen so Probleme. Aber gut zu verteidigen reichte nicht für 60 Minuten. Es waren zehn Minuten gespielt, da glich der Argentinier Juan Ojea zum 4:4 für die Mannschaft von Trainer Mauricio Torres aus. Nach zwanzig Minuten hatten die Spieler in blau-weiß erst zwei Tore Rückstand. Doch danach verloren sie das Spiel. Konter-Tor, Konter-Tor, so machten das die Deutschen immer wieder. Und bereits zur Halbzeit führte die DHB-Equipe mit sechs Toren. Im zweiten Abschnitt wuchs der Vorsprung weiter, das Spiel der Argentinier löste sich immer mehr in Wohlgefallen auf.
Körperliches Problem Es wurde sichtbar, was Torres hinterher in treffende Worte kleidete: Am Ende sei «der Verlust an Energie» für die Niederlage des dreimaligen Panamerika-Meisters verantwortlich gewesen. «Gegen die Deutschen gibt es immer ein körperliches Problem», befand der Trainer. Wenigstens für diese Partie stimmte seine Sicht der Dinge – vorher haben sie nämlich noch nie bei einer WM gegen die Deutschen ihre Kräfte vergeudet.Lange werden sich die ungleichen Gegner ohnehin nicht aneinander erinnern. Für beide stehen heute Spiele an, in denen nicht nur das Endergebnis stimmen muss. Es geht ums Prestige. Die Argentinier treffen in Halle auf Panamerika-Meister Brasilien (19.30 Uhr), das nicht nur im Fußball der große Rivale ist: Im Juli wollen sie dem Nachbarn den Titel wieder abluchsen, weshalb sie die WM als eine bessere Art der Vorbereitung betrachten.
28 zu 15 Und die Deutschen treffen um 17 Uhr auf einen alten Bekannten, der ihnen nicht ganz geheuer ist: Polen. Der östliche Nachbar flößt Brands Mannen wenn nicht Furcht, so doch Respekt ein. Den Grund verraten die Zahlen: In 48 WM-Spielen siegten die Deutschen 28 Mal, es gab fünf Unentschieden, 15 Mal behielt der unangenehme Gegner die Oberhand. Der letzte Vergleich gegen Polen endete am 24. September 2006 in Kielce mit einem knappen 28:27-Sieg der Brand-Truppe. Man kann von einem Klassiker sprechen.Die Deutschen sprechen voller Ehrfurcht von den polnischen Rückraumschützen, man kennt sich ohnehin aus der Bundesliga. «Top-Shooter» hat Brand unter den Männer von Trainer Bogdan Wenta ausgemacht, der zugleich Vereinscoach in Madgeburg ist. Gegen «die Maschinen» (Brand) soll es sich auszahlen, dass Brand sein junges Team gegen die Argentinier munter durchwechselte, und sogar Fritz, Baur und Rechtsaußen Florian Kehrmann in der zweiten Hälfte draußen ließ, um ihnen Erholung zu gönnen. Einer blieb unfreiwillig draußen: Kreisläufer Andrej Klimovets zog sich einen leichten Muskelfaserriss in der rechten Wade zu, weshalb der 37 Jahre alte Christian Schwarzer nun doch noch nachnominiert wurde. Brand & Co. fürchten die Männer aus dem Osten, wegen ihrer Größe und ihrer Wucht. Und doch freut sich der deutsche Spielmacher Markus Baur auf den wohl schwersten Vergleich, den er und seine Kollegen in ihrer Gruppe C zu bestehen haben. «Wir wissen, was die Polen spielen, und die wissen, was wir spielen», sagt Baur und deutet an, was er damit meint: «Beide werden defensiv spielen, 6-0-Deckung. Das wird ein Handballspiel, wie wir es gewohnt sind.» Dem Lemgoer gefällt diese Art zu spielen offenbar, er konnte mit dem nervösen Handball der Südamerikaner nichts anfangen. Nun werde Sport von anderer Qualität geboten, glaubt der deutsche Kapitän.
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