Brand redet nichts schön
20. Jan 2007 10:32, ergänzt 15:46
 |  Henning Fritz (r.) und Heiner Brand an der Seitenlinie. | | Foto: dpa |
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Die deutsche Handball-Auswahl offenbarte beim mühevollen WM-Auftaktspiel in allen Belangen Schwächen. Die Analyse von Bundestrainer Heiner Brand fällt offen und ehrlich aus.
Von Markus Wanderl, BerlinDer für die Pressekonferenz in der Berliner Max-Schmeling-Halle vorgesehene Raum gleicht einem Hörsaal. Steil führt die Treppe hinauf zu den in einer Vielzahl von Reihen angeordneten Pulten, wo am Freitagabend allerdings nicht Studenten einer Vorlesung harren, sondern Journalisten der Analyse des mühevollen 27:22 (12:10)-WM-Auftaktsieges der deutschen Auswahl über Brasilien.
In sich versunken
Vorn sitzt Bundestrainer Heiner Brand auf dem Podium, stumm, den Blick nach unten gerichtet, in einen Zettel vertieft. Brand ist kein Professor, auch wenn seine Lebensleistung für den Handballsport diesen Titel längst zuließe. Brand lässt sich Zeit, und «cum tempore», das akademische Viertel, zählt hier nicht, weshalb er das Papier studieren kann, solange er möchte. Vielleicht will Brand auch nur noch ein wenig entspannen, für sich sein, denn bis eben hat er zahlreiche Fernseh-Interviews gegeben, war aufgewühlt, hat sich verausgabt. «Das war ein hartes Stück Arbeit», brüllte er dem Interviewer vom öffentlich-rechtlichen Sender entgegen. Es ist so kurz nach dem Spiel noch laut gewesen in der Halle, weil die 10.000 Zuschauer «tierisch Alarm machen», wie es Kapitän Markus Baur bald nach Spielende formuliert. Den sechsfachen Torschützen, der zwei Siebenmeter verwandelte, einen aber vergab, hat diese Stimmung beflügelt. Er wurde prompt zum «Player of the Match» gewählt und fragt sich nun, wie die Atmosphäre erst im Viertelfinale sein wird, in der Köln-Arena vor 20.000 Zuschauern.
Steigerung erwünscht Bis dahin ist es aber noch ein «ungemütlicher Weg». Das weiß Baur und das wird auch aus der Statistik deutlich, die sich der Bundestrainer dort unten zu Gemüte führt. Er liest, dass sein halbrechter Rückraumspieler Christian Zeitz, bekannt für Aktionen zwischen Genie und noch mehr Wahnsinn, keinen guten Abend erwischt hat. Der 26 Jahre alte Linkshänder vom THW Kiel, der Gegner und Mitspieler in loser Folge um den Verstand bringen kann, gab sechs Torwürfe ab und traf dabei nur einmal. Das ergibt eine Trefferquote von knapp 17 Prozent, und wenn Zeitz so weiter spielt, wird das mit der K.o.-Runde nichts. Denn auch Torsten Jansen, Linksaußen im Angriff – und in der Abwehr eigentlich auf der halblinken Position gesetzt – ist noch nicht in WM-Form. Zwei Torwürfe, ein Tor, lautet seine Bilanz am Ende. Im Laufe des Spiels ersetzte ihn der vor allem in der zweiten Halbzeit bei Tempogegenstößen effektive Dominik Klein. Der kann aber in der Abwehr nur auf der Position des Linksaußen eingesetzt werden, weil 85 Kilo und 1,87 Meter für einen zentralen Abwehrrecken einfach nicht genügen. Am Kreis sorgte Andrej Klimovets kaum für Gefahr, weshalb der gebürtige Weißrusse gegen den Panamerika-Meister, dessen beste Platzierung bei einer WM ein 16. Rang ist, viel Zeit auf der Bank verbringen musste. Auch Pascal Hens und Florian Kehrmann blieben unter ihren Möglichkeiten, weil sie für ihre jeweils sechs Tore 13 bzw. elf Versuche benötigten. Vor allem Kehrmann kann das besser.
Weder sauer noch zufrieden Als der brasilianische Trainer Ribera kommt – Brand hat den Zettel beiseite gelegt – nimmt die Pressekonferenz doch noch ihren Lauf. Ribera sagt: «Das Resultat hätte noch knapper ausfallen können.» Brand sagt: «Ich bin keineswegs sauer, aber ich kann auch nicht zufrieden sein.» Er ist natürlich froh, das Auftaktspiel schadlos überstanden zu haben, zumal er sich des Sieges «bis 57:30», wie Brand es ausdrückt, also bis zur drittletzten Minute nicht sicher gewesen ist. Da führte seine Auswahl zwar mit fünf Toren (26:21), hatte aber gerade eine Zwei-Minuten-Strafe kassiert (Klimovets) und Klein eine glasklare Chance vergeben. «Das kann manchmal schnell gehen», unkt Brand, «so wie die Mannschaft sich auch präsentiert hat, wie angespannt sie war.»
Zunächst in Rückstand Unerklärlich viele Fehler leistete sich sein Team in diesem Eröffnungsspiel, ungewöhnlich fahrig trat es auf. Mit zwei Toren lag es sogar zurück, ehe Kehrmann nach einer knappen Viertelstunde die erstmalige Führung gelang (6:5). Für Brand alles eine Folge des Drucks, der sich in den letzten Wochen aufgebaut habe und nicht erst beim Einmarsch in die Halle. Unisono sind sich (der gute) Torwart Fritz, Kapitän Baur und Brand einig, dass die Mannschaft sich zwar viele Bälle erkämpft, sie aber dann auch wieder schnell hergegeben hat. «Wir haben den Ball zu oft schnell wieder weggeworfen», so die Formulierung des Bundestrainers, «das kostbarste Gut.» (Baur)Wegen zu früh abgeschlossener Angriffe, mangelndem Kurzpassspiel, technischen Fehlern beim Gegenstoß und «weil jeder meinte, in der Abwehrarbeit mindestens einmal spekulieren zu können und sich nicht an die Vorgaben halten zu müssen», sei deshalb ein relativ enges Spiel zustande gekommen. Und dass Abwehrchef Oliver Roggisch «auf einmal auf zehn Meter gegangen» sei und somit «Lücken in der Defensive hinterlassen» habe, empfindet Brand auch nicht als Augenschmaus.
Nun gegen Weltmeister-Bezwinger Am Sonntag trifft die deutsche Auswahl in Halle in Gruppe C auf einen weiteren Gegner aus Südamerika, mit dem Brand sich «noch nicht beschäftigt» hat. Argentinien hat 2003 den späteren Weltmeister geschlagen, Kroatien. Eine Niederlage wäre für die deutsche Auswahl ein gutes Omen.
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