15.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Umschwärmt: Sebastian Vettel in Monza
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Die Formel 1 hat ein neues Wunderkind, Experten und Motorsportfans schwelgen nach dem Sieg des deutschen Sebastian Vettel beim Großen Preis von Italien in Superlativen. Der Heppenheimer selbst bleibt dagegen erstaunlich gelassen.
Die ehemaligen Weltmeister überhäuften ihn mit Lob, die Medien überschlugen sich. Aber der neue Formel-1-Überflieger Sebastian Vettel blieb auch nach seinem phänomenalen Triumph von Monza auf dem Boden. «Ich glaube nicht, dass sich mein Leben ändert. Ich bin immer noch der, der ich vorher war», versicherte der jüngste Grand-Prix-Sieger der Geschichte bescheiden nach dem Sensationserfolg von Italien.
Angst, dass der aufziehende Hype um seine Person sein bislang relativ beschauliches Leben wie einst beim damaligen Jung-Star Michael Schumacher komplett umkrempeln könnte, hat der Toro-Rosso-Pilot nicht: «Das wird sich alles wieder legen.»
«Herr Vettels Gespür für Tempo»Schumacher schwärmte: «Das, was Sebastian vorgeführt hat, war 1A.» Der Rekord-Weltmeister und heutige Ferrari-Berater bescheinigte seinem Kumpel das Potenzial, eines Tages den Titel holen zu können. Dreifach-Champion Niki Lauda lobte die Leistung des Senkrechtstarters als einzigartig: «Er hat ein Riesentalent, aber er denkt auch.» Weltmeister Keke Rosberg garantierte: «Das war mit Sicherheit nicht sein letzter Erfolg. Da kommen noch mehrere.»
Im internationalen Blätterwald rauschte es gewaltig. Die englische «Times» titelte: «Ein Star ist geboren.» Die italienische «Tuttosport» schwelgte: «Vettel - das goldene Baby von Monza.» In der österreichischen Heimat der Toro-Rosso-Besitzer Dietrich Mateschitz und Gerhard Berger feierte die «Kronen-Zeitung» den «Wunderknaben» und «neuen Publikumsliebling», der «Kurier» rühmte «Herrn Vettels Gespür für Tempo».
Ohne Glück oder ZufallDer neue Kronprinz der Königsklasse konnte sein Glück nach seiner Doppelpremiere mit Pole-Position und Sieg kaum fassen: «Ein Traum ist wahr geworden. Ich werde wohl einige Tage brauchen, bis ich das richtig realisiert habe.» Trotz aller Freude schätzte das für sein Alter äußerst reif und abgeklärt wirkende Super-Talent den Triumph richtig ein. «Ich bin realistisch genug. Man kann nicht erwarten, dass wir die nächsten Rennen gewinnen.»
Toro Rosso kann mit den Top-Teams nicht mithalten. Monza dürfte bis auf weiteres eine «Eintagsfliege» bleiben, was die einzigartige Leistung aber nicht schmälert. Toro-Rosso-Teilhaber Berger, vor 20 Jahren selbst Monza-Sieger, betonte zurecht: «Der Sieg war absolut herausgefahren. Da war kein Glück oder Zufall dabei. Es war einfach eine super starke Leistung von Team und Fahrer.»
Nach dem Rennen ist vor dem RennenEine spontane Feier mit dem italienisch-österreichischen Underdog- Team am Rennabend, zwei Tage Ausspannen in seiner Schweizer Wahlheimat Walchwil am Zugersee mit Freundin Hanna - dann folgt schon wieder die Alltagsroutine. «Ich bereite mich bei den Tests in Jerez auf den nächsten Grand Prix vor und fliege am Samstag nach Singapur», schilderte der sympathische Jungspund aus dem hessischen Heppenheim sein Programm dieser Woche.
Vettel ist der sechste deutsche Formel-1-Sieger. Vor ihm gewannen Wolfgang Graf Berghe von Trips (2), Jochen Mass (1), Rekordhalter Michael Schumacher (91), Heinz-Harald Frentzen (3) und Ralf Schumacher (6) Grand Prix. In der 59-jährigen Formel-1-Geschichte ist Vettel der 101. Sieger.
Ein Top-Team als ZielObwohl erst 21 Jahre alt und erst 22 Rennen gefahren, hat der Champion in spé schon einige Bestmarken aufgestellt: Er holte als jüngster Pilot eine Pole-Position, ist der jüngste Sieger, der jüngste Debütant mit einem WM-Punkt, der jüngste Spitzenreiter bei einem Grand Prix und auch der jüngste Teilnehmer an einem offiziellen Training. Vettel aber misst dem keine Bedeutung bei: «Ich weiß nicht, wie viele Rekorde ich jetzt halte.»
Vettel verfolgt völlig andere Ziele. «Den Ehrgeiz, Weltmeister zu werden, gibt es. Aber ob ich der jüngste werde, ist mir egal», sagte er. «Mein Ziel in der Zukunft ist es, zu einem der drei Top-Teams zu kommen.» Wird die Formel-1-Hierarchie nicht komplett auf den Kopf gestellt, bietet nur ein Cockpit bei McLaren-Mercedes, Ferrari oder BMW eine echte Titelchance. Nach seinem Wechsel zu Red Bull 2009 muss der «Jungbulle» aber zumindest in den beiden nächsten Jahren versuchen, im A-Rennstall des Energy-Drink-Milliardärs Mateschitz seinen Aufstieg fortzusetzen. (dpa)