09.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Die Doppelsieger: Heidfeld und Kubica
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Nach dem weiß-blauen Triumph von Montreal scheinen sich die Machtverhältnisse in der Königsklasse des Motorsports früher als erwartet zu verschieben. Ganz heimlich hat sich Robert Kubica zum Titel-Anwärter gemausert.
Lobeshymnen für Triumphator Robert Kubica, Spott und Strafe für Pannen-Pilot Lewis Hamilton: Nach dem Premieren-Erfolg der Weiß-Blauen beim Großen Preis von Kanada fährt das BMW-Sauber- Team in der Erfolgsspur. Dagegen musste Hamilton einen herben Dämpfer für seine Formel-1-Titelambitionen hinnehmen.
Der Silberpfeil-Pilot wurde sogar in der Heimat kritisiert. «Hamilton musste sich das Prädikat «dämlich» gefallen lassen», höhnte die «Daily Mail» nach dem peinlichen Boxengassen-Auffahrunfall des 23-Jährigen mit Weltmeister Kimi Räikkönen. Sieger Kubica wurde dagegen mit Lob überschüttet. «Kubica ist groß», jubelte die polnische «Gazeta Wyborcza» und vergaß darüber fast die EM-Niederlage der Nationalelf gegen die deutsche Auswahl.
«Ein Meilenstein für das gesamte Team»«Das ist offenbar eine starke Kombination, Polen und Deutschland», witzelte BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen nach dem Triumph in Montréal, den Nick Heidfeld mit seinem zweiten Platz perfekt machte. «Dass es ein Doppelerfolg wird, war nicht geplant.» Bei seinem Projekt «Weltmeisterschaft» liegt der junge Rennstall voll im Plan.
Den WM-Titel 2008 nimmt Theissen aber noch nicht ins Visier. «Das wäre nach den Sternen zu greifen. Wir schauen von Rennen zu Rennen», sagte er nach der Triumphfahrt beim Großen Preis von Kanada. «Das war ganz entscheidend für unseren weiteren Weg. Das war ein Meilenstein für das gesamte Team», meinte er weiter. Erst 2009 jedoch ist in der «Roadmap» zum WM-Titel der große Angriff auf Ferrari und McLaren-Mercedes vorgesehen.
Heidfelds gedämpfte FreudeDass der erste Sieg für BMW-Sauber im 42. Grand Prix ein «geschenkter» war, konnte die Stimmung im Team nicht trüben. Der peinliche Aussetzer von Hamilton und das Aus für sein «Opfer» Kimi Räikkönen im Ferrari hatten Kubica erst den ersten Sieg eines Osteuropäers in der Königsklasse des Motorsports ermöglicht. Beinahe im Sekundentakt erhielt Theissen Glückwunsch-SMS. Kurzfristig wurde in Montréal eine Party organisiert.
Nur Nick Heidfeld sah bei der Krönung von «Kanada-König» Kubica trotz seines zweiten Platzes wie ein «Bettelmann» aus. Der 31-Jährige war seit Beginn des Projekts vor drei Jahren dabei. Ihm war die Ehre des ersten Sieges zugedacht. Doch der Gladbacher ist in dieser Saison von seinem acht Jahre jüngeren Kubica abgehängt worden und wartet auch nach 139 Rennen auf seinen ersten Erfolg. «Ich muss auf die Situation schauen, in der ich in den letzten Rennen war», tröstete er sich.
Nationalheld KubicaDie polnische Presse erhob am Montag Kubica indes zum nationalen Sporthelden, die spanische «As» urteilte: «Kubica fährt ein fehlerloses Rennen». Und im «Corriere della Sera» hieß es lobend: «Kubica triumphiert, der richtige Mann am richtigen Platz.»
Sogar der sonst so coole Krakauer hatte beim Ausstieg aus seinem Dienstwagen einen Anflug von Begeisterung gezeigt. «Es war ein fantastisches Rennen, fantastisch für mich, für mein Land und für die Fans», sagte er auf dem Circuit Gilles Villeneuve. Ausgerechnet hier hatte er vor einem Jahr einen der schlimmsten Unfälle in der jüngeren Formel-1-Vergangenheit fast unverletzt überstanden.
Arrivierte Teams unter DruckFür McLaren-Mercedes war Kanada hingegen ein Debakel, bei Ferrari herrschte Wut und Frust. «Lewis Hamilton nimmt Kollisionskurs zur Katastrophe», schrieb die britische «Times». Weltmeister Räikkönen klagte: «Mein Rennen wurde durch Hamiltons Fehler ruiniert.» Hamilton erhielt von Rennleitung die Quittung: Im nächsten Rennen in zwei Wochen in Magny Cours wird der 23-Jährige in der Startaufstellung um zehn Plätze nach hinten versetzt. Gleiches gilt für Nico Rosberg, der mit seinem Williams Hamiltons McLaren-Mercedes touchierte.
McLaren-Mercedes und Ferrari, die erstmals seit anderthalb Jahren nicht den Grand-Prix-Sieger stellten, müssen BMW-Sauber allmählich fürchten. Noch kann der deutsche Rennstall mit Schweizer Wurzeln nicht aus eigener Kraft gewinnen, doch er macht derzeit die wenigsten Fehler.
Favorit mit BodenhaftungWenn es nach Kubica ginge, könnte schon in diesem Jahr die Krönung folgen. Immerhin steht er nun nach sieben von 18 Rennen an der Spitze der Fahrerwertung mit 42 Zählern vor Hamilton (38 Punkte) und dem punktgleichen Felipe Massa im Ferrari. Heidfeld ist hinter Weltmeister Räikkönen (35) mit 28 Punkten weiter Fünfter. Bei den Teams hat Ferrari (73) noch die Nase vorn vor BMW-Sauber (70) und McLaren-Mercedes.
Dass Kubica nun abhebt, ist kaum vorstellbar. «Für Robert wird es definitiv nicht bedeuten, dass er morgen anders aufsteht als gestern. Der hat für sich gewusst, er ist soweit, er kann Rennen gewinnen. Und das wird passieren. Jetzt ist es passiert. Ab Morgen denkt er an Magny-Cours», beschreibt Theissen seinen schnellsten Angestellten. «Er ist aus dem Holz geschnitzt, aus dem Champions gemacht werden.» (dpa)