Zum Schluss der Fußball-EM gab es sprachlichen Hochgenuss:
TV-Kritik: Der Lehmannsche Konjunktiv
30.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Wie schön also, dass der Fußball bei ARD angesiedelt war. Deren Rasenreporter Jügen Bergener begann die große Liveübertragung kurz vor dem Anpfiff fachlich-kompetent mit einem Triumph. Die spanischen Spieler hätten eindeutig sehr ängstlich auf den wundersam genesenen Ballack geschaut, konnte er atemlos vermelden, was als klares Zeichen für Schwäche und mangelndes Selbstvertrauen interpretiert werden konnte. Und außerdem gab es noch ein mehr Grund für Optimismus: «Interessant, die spanische Mannschaft kam fast sechs Minuten nach der deutschen auf den Rasen.»
Denn das, was er zuvor noch als Synonym für erfolgloses Schönspielen «die Magie der tausend Pässe, die Leichtigkeit des Beins» genannt hatte, erwies sich unvorhergesehenermaßen als der müden deutschen Spielweise deutlich überlegen.
Und so nahm Bartels statt seines anfangs so optimistischen Tonfalls den eines vom unwilligen Nachwuchs äußerst genervten und angesichts so viel gezeigten Unvermögens leicht ratlosen Vaters an. «Was macht er denn da?» rief er fassungslos nach einer verdümpelten Podolski-Chance, «er hat doch diese großartige Technik...»
Ein Tag, an dem es nicht sehr viel Grund zu Hoffnung gab, fast jedem «Na also, es geht doch» nach einem halbwegs gelungenen Pass schloss sich ein tiefer Seufzer an, und dann blieb nur noch, die Minuten zu zählen: «Die Zeit verrinnt, es läuft alles gegen Deutschland, der Titel, der Gipfel aus den Händen geglitten, aus den Händen gerutscht, weil die Kraft für den letzten Aufstieg nicht da war, weil die Kraft gefehlt hat, diesen Gipfel zu erklimmen.»
Vielleicht hätten sich die deutschen Kicker ja mehr angestrengt, wenn ihnen vor dem Spiel jemand klargemacht hätte, dass sie nach einer Niederlage die Höchststrafe erwartet: Ein Interview mit Monica Lierhaus.
Die deutliche Abfuhr beeindruckte Lierhaus allerdings nicht, und deswegen versuchte sie sich auch weiterhin als Fachkraft fürs Kicker-Trösten zu etablieren. Beim deutlich geknickten Lehmann hatte sie schließlich immerhin ein wenig Erfolg, und so erlebte die Nation statt eines neuen Titels dann halt die Geburt eines neuen, ganz sicher noch in 50 Jahren gebrauchten Fußballer-Spruchs.
Jens Lehmann sagte nämlich nicht nur, dass er sehr down sei, sondern antwortete auch auf die vielen Lierhaus´schen Wenns und Hättes: «Der Konjunktiv ist der Feind des Verlierers.»

