Zum Schluss der Fußball-EM gab es sprachlichen Hochgenuss:
TV-Kritik: Der Lehmannsche Konjunktiv
30. Jun 2008 13:13
 |  "Der Konjunktiv ist der Feind des Verlierers." Lukas Podolski bei der Ehrung des Vizeeuropameisters | Foto: AP |
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Die Party ist vorbei. Bei der ARD-Liveübertragung des Finales konnte
Elke Wittich nicht nur viel deutsches Unvermögen erleben, sondern auch, wie aus einem optimistischen Kommentator ein trauriger wurde.
Wie es an diesem EM-Final-Wochenende hätte auch zugehen können, deutete «RTL Exklusiv Weekend» an. Anläßlich eines Berichts über die große Geburtstagsshow für Nelson Mandela fasste man dort zusammen: «Das ist nur ein Vorgeschmack darauf, was uns erwartet, wenn Deutschland Europameister wird.»Wie schön also, dass der Fußball bei ARD angesiedelt war. Deren Rasenreporter Jügen Bergener begann die große Liveübertragung kurz vor dem Anpfiff fachlich-kompetent mit einem Triumph. Die spanischen Spieler hätten eindeutig sehr ängstlich auf den wundersam genesenen Ballack geschaut, konnte er atemlos vermelden, was als klares Zeichen für Schwäche und mangelndes Selbstvertrauen interpretiert werden konnte. Und außerdem gab es noch ein mehr Grund für Optimismus: «Interessant, die spanische Mannschaft kam fast sechs Minuten nach der deutschen auf den Rasen.»
«Die Leichtigkeit des Beins»
Zehn Minuten lang konnte sich Kommentator Tom Bartels über das Spiel der Löw-Jungs freuen. Danach ahnte wohl auch er, dass die Sache mit der Trophäe im Begriff war, gründlich schief zu gehen.Denn das, was er zuvor noch als Synonym für erfolgloses Schönspielen «die Magie der tausend Pässe, die Leichtigkeit des Beins» genannt hatte, erwies sich unvorhergesehenermaßen als der müden deutschen Spielweise deutlich überlegen.
Und so nahm Bartels statt seines anfangs so optimistischen Tonfalls den eines vom unwilligen Nachwuchs äußerst genervten und angesichts so viel gezeigten Unvermögens leicht ratlosen Vaters an. «Was macht er denn da?» rief er fassungslos nach einer verdümpelten Podolski-Chance, «er hat doch diese großartige Technik...»
«Der Gipfel aus den Händen geglitten»
Die nach längerem Lamento folgende Erklärung, der Kicker sei «in Polen geboren» wirkte in diesem Zusammenhang wie die Androhung einer Ausbürgerung, allerdigs hatte nicht nur Podolski einen ausgesprochen düsteren Tag erwischt.Ein Tag, an dem es nicht sehr viel Grund zu Hoffnung gab, fast jedem «Na also, es geht doch» nach einem halbwegs gelungenen Pass schloss sich ein tiefer Seufzer an, und dann blieb nur noch, die Minuten zu zählen: «Die Zeit verrinnt, es läuft alles gegen Deutschland, der Titel, der Gipfel aus den Händen geglitten, aus den Händen gerutscht, weil die Kraft für den letzten Aufstieg nicht da war, weil die Kraft gefehlt hat, diesen Gipfel zu erklimmen.»
Vielleicht hätten sich die deutschen Kicker ja mehr angestrengt, wenn ihnen vor dem Spiel jemand klargemacht hätte, dass sie nach einer Niederlage die Höchststrafe erwartet: Ein Interview mit Monica Lierhaus.
«Der Konjunktiv ist der Feind des Verlierers»
Im Stil einer Kindergärtnerin machte sie sich daran, sensible Seelchen zu streicheln, statt kritische Fragen zu stellen. Unermüdlich versuchte sie, emotionale Geständnisse aus Jogi Löw herauszukitzeln, der aber gewohnt trocken blieb und erklärte: «Ich war vorher schon ein paar Jahre Trainer», da habe er durchaus schon vorher Niederlagen erlebt und wisse, wie damit umzugehen sei.Die deutliche Abfuhr beeindruckte Lierhaus allerdings nicht, und deswegen versuchte sie sich auch weiterhin als Fachkraft fürs Kicker-Trösten zu etablieren. Beim deutlich geknickten Lehmann hatte sie schließlich immerhin ein wenig Erfolg, und so erlebte die Nation statt eines neuen Titels dann halt die Geburt eines neuen, ganz sicher noch in 50 Jahren gebrauchten Fußballer-Spruchs.
Jens Lehmann sagte nämlich nicht nur, dass er sehr down sei, sondern antwortete auch auf die vielen Lierhaus´schen Wenns und Hättes: «Der Konjunktiv ist der Feind des Verlierers.»