20.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Jogi Löw hat alles fest im Griff.
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Im Fußball geht es nicht nur um Tore und Abseitsfallen, sondern auch um viel Geld - und selbst ausgewiesene Wirtschaftssender sind während der EM gezwungen, sich mit der Kickerei zu beschäftigen. Den Analysen zugeschaut hat Elke Wittich.
Weil es anscheinend etwas schwieriger ist, Aktienhändler und Banker für Fußball zu interessieren, näherte sich N24 ab Mittag dem Thema Deutschland gegen Portugal auf Umwegen. Zunächst durfte ein Psychologe Kicker-Tattoos analysieren und zu einem erstaunlichen Ergebnis kommen: Die eingestochenen Bildchen sind «Aussagen über die eigene Identität», dazu kommt der «Schönheitsaspekt» und außerdem ist es dem Träger wichtig, damit «Aufmerksamkeit zu bekommen».
ExplorationsfantasieDas war langweilig, deswegen versuchte N24 es anschließend mit harten Fakten: In welche portugiesischen Werte lohnt es sich, zu investieren? «Portugal ist ein kleines Land, wirtschaftlich betrachtet», begann der Experte, der Aktienindex PS120 wird entsprechend von drei großen Unternehmen dominiert, zwei Banken und einer Telekommunikationsfirma. Bevor sich nun aber das Klientel, bodenlos gelangweilt, wieder Warentermingeschäften zuwenden konnte, fiel das entscheidende Wort: Explorationsfantasie. Die gibt es nämlich in der Versorgerbranche, weil zum Beispiel portugiesische Energieunternehmen auch in den portugiesischsprachigen Ländern Brasilien und Kongo aktiv sind.
Durchdachte RatschlägeDer Run auf diese Versorgeraktien dürfte allerdings jäh gestoppt worden sein, denn kurz darauf begann man auch beim Konkurrenzsender n-tv mit der Vorberichterstattung zum großen Spiel. Nachdem einige Hamburger Kinder dem deutschen Team durchdachte Ratschläge wie «Lehmann soll flache Abstöße, nicht so lange nach vorne, sondern kurze an die Seite machen» gegeben hatten, wäre es nun an der Zeit gewesen, ein sehr ernsthaftes Gespräch mit den Analysten der Schweizer Großbank UBS zu führen.
Tschechien ItalienDie hatten nämlich bereits vor der EM Finalteilnehmer und Vorrundenverlierer auf der Basis bisheriger Europameisterschafts-Ergebnisse und jetzigem Teamwert sowie wirtschaftlicher Daten berechnet und vorausgesagt, dass das Endspiel Tschechien Italien lauten werde. Portugal, so die Prognose der Banker, die den Weltmeister 2006 richtig vorhergesehen hatten, würde nicht ins Viertelfinale kommen. Das deutsche Team werde zwar in die Runde der besten Acht kommen, sich dort dann aber den Schweizern geschlagen geben müssen, die wiederum das Halbfinale gegen die Tschechen verlieren würden.
«Die Situation Polen»So ein Interview mit einem zerknirschten UBS-Banker hätte eine feine Sache sein können, mit vielen vorwurfsvollen Fragen und hämischen Bemerkungen, aber bedauerlicherweise gab es keines. Stattdessen kündigte eine fröhliche n-tv-Moderatorin an, dass es nun an der Zeit sei, «die Situation Polen (sic!) gegen Deutschland aus wirtschaftlicher Perspektive zu betrachten».
Vorbildlich: Raucher LöwUnd so schalteten die von Explorationsfantasien erschöpften und von unpräzisen Analysen verwirrten Finanzspezialisten an diesem Abend wahrscheinlich gar nicht den Fernseher ein. Und verpassten damit nicht nur den Sensationssieg der deutschen Elf gegen Portugal, sondern auch das Versagen der Uefa-Zensur. Die vom Europäischen Fußballverband selbst produzierten Spiel-Filme sollen das Image eines sauberen Sports für die ganze Familie transportieren, entsprechend sind abgeschossene Böller oder Raketen nur zu hören, aber nicht zu sehen. Dann aber geschah etwas, womit die Zensoren ganz sicher nicht gerechnet hatten: Der in der Endphase des Matches supergestresste Jogi Löw zündete sich in seinem VIP-Räumchen eine Zigarette an, und die Welt konnte ihm dabei zugucken.
Weder portugiesische Versorgerunternehmen noch deutsche Zigarettenhersteller konnten heuten nennenswerte Steigerungen ihrer Aktienwerte verbuchen. Und die Analysten der UBS haben immer noch kein zerknirschtes Statement abgegeben.
Falls sie es rechtzeitig bis zur nächsten TV-Kritik am Sonntag tun, werden wir zur Strafe allerdings nicht darüber berichten.