Schmerzhaftes Wegzappen:
TV-Kritik: Deutschland-Gebaumel in Großaufnahme
14. Jun 2008 12:49, ergänzt 15. Jun 2008 14:13
 |  Zähne zusammenbeißen: Deutschland-Gebaumel gibt es nicht nur in den Fanzonen. | Foto: AP |
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Was während der EM beim jeweils übertragenden Sender läuft, ist klar: Viel Unfug. Aber auch bei TV-Stationen, von denen man es nicht vermutet, wird die nackte Tatsache Fußball-EM zelebriert.
Elke Wittich hat Erstaunliches gefunden.
Eigentlich, so sollte man annehmen, ist die Arbeitsteilung während der Fußball-EM allen Beteiligten bekannt: Spieler spielen, Teamchefs chefen. Und der Job der akkreditierten Journalisten besteht nicht darin, hingerissen neben Bundestrainer Löw zu stehen und sich vor lauter Verzückung darüber, dass der sich «am Tag nach dem Debakel gegen trotzdem zum Interview zur Verfügung» stellt, gar nicht mehr beruhigen zu können, bis es selbst dem derart Angeschleimten zuviel wird und er seine Interviewerin schwäbisch-behäbig darauf hinweist, dass Rede und Antwort zu stehen ja wohl eine Selbstverständlichkeit ist.
Sollte Monika Lierhaus verstanden haben, was Löw ihr damit sagen wollte – nämlich grob, dass er natürlich bereits zum Interview sei und dass sie deswegen endlich anfangen sollte, ihren Job zu tun und kritische Fragen zu stellen – so ließ sie sich das nicht anmerken, sondern konnte sich auch weiterhin kaum über die ihr zuteil gewordene Gnade beruhigen, was prima zu einem Sendetag passte, bei dem man sich als Zuschauer eigentlich pausenlos «Was, zur Hölle, machen die eigentlich da?» fragte.Dabei hatte alles so nett angefangen. Mehmet Scholl und Reinhold Beckmann präsentierten ihre Anmerkungen zum Spiel Rumänen – Italien gewohnt kompetent, unaufgeregt und uneitel und Scholl verdiente sich einen fetten Pluspunkt damit, dass er als einziger Fernsehschaffender an diesem Abend besorgt fragte, ob zwischenzeitlich Einzelheiten über den Gesundheitszustand des erkennbar schwer verletzt vom Spielfeld getragenen Mirel Radoi bekannt geworden seien.
Kompensation mit Fußball-Themen
Dann aber nimmt das Grauen seinen Lauf: Komplett humor- und charmefrei spulen Delling und Netzer ihre gequälten Gags ab und versemmeln einen ohnehin schon schwachen Witz zum Thema Fußballer-Briefmarken, dass kurzfristig nur noch Umschalten Erlösung bringt. Keine gute Idee, denn auf RTL sitzt Rainer Calmund als fetter Bestandteil einer komplett unerträglichen Fußball-Hits-Chartshow. Denn auch das gehört zur Arbeitsteilung während der EM: Fernsehsender senden, und wer keine Senderechte hat, versucht die Euro-Begeisterung wenigstens mit Fußball-Themen zu kompensieren.
 |  Euro 2008 im DSF: "Automarke mit O" | Foto: Elke Wittich |
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Besonders schwierig ist die Sache mit dem Fußball-Fans abgreifen allerdings für die Sender, deren nächtliches Programm aus Gewinn-Shows besteht. Bei diesen Sendungen, in denen es grob darum geht, dass man als Zuschauer von den Moderatoren so lange angeschrien wird, bis man entnervt aufgibt und zum Hörer greift, um sich am Ratespiel «Gesucht wird eine Automarke mit O» zu beteiligen, ist einfach kein Platz für EM-News.Beim DSF hatte man sich deswegen nach dem Spiel Deutschland – Kroatien etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Die dortige nach Mitternacht zum Dienst eingeteilte Moderatorin erledigte ihren Job nackt. Fast nackt, denn neben einem weißen Höschen trug die barbusige Dame als Reminiszenz an das Löw- Team deutschlandfarbene Schweißbänder an den Handgelenken. Und zwischen ihren Brüsten baumelte eine der schwarz-rot-goldenenen Plastikblüten-Ketten, die es vor dem Anpfiff der Euro für rund zweifuffzich bei Kik zu kaufen gab.
Mehr EM-Bezug geht nicht
Als Extraservice für Menschen mit Sehschwierigkeiten wurde die linke Brust der Moderatorin inklusive dem Deutschland!!!!-Gebaumel hin und wieder in Großaufnahme als Hintergrundbild eingeblendet – mehr EM-Bezug, so muss man anerkennen, wäre beim besten Willen nicht unterzubringen gewesen.Einen Tag später gibt es im DSF-Nachtprogramm allerdings nur wieder ganz normale nackte Frauen zu gucken. Vielleicht hatte man vergessen, Plastikblumen in den Farben der EM-Gruppe C zu besorgen, vielleicht hatte man Sorge, dass das Klientel nichtdeutsches Gebaumel übel nehmen würde. Vielleicht hatte sich aber auch nur erwiesen, dass Kundschaft, die hypnotisiert auf eine von einer überlebensgroßen Hintergrunds-Brustwarze umrahmten Deutschland-Kette starrt, keinerlei Sinn mehr für Automarken mit O hat und entsprechend auch nicht zum Hörer greift.
Zu den ganz großen Verlierern des Sendetages dürfte jedenfalls Eurosport gehören. Nach dem Ende der offiziellen EM-Berichterstattung in der ARD Fans, die immer noch nicht genug Fußball geguckt haben, ausgerechnet die Niederlage der deutschen Elf gegen Kroatien anzubieten, war ganz sicher kein besonders smarter Schachzug.