Die Analyse der Analyse:
TV-Kritik: Die Deutschland-Frage
08. Jun 2008 10:52, ergänzt 10. Jun 2008 11:53
 |  Mehr Show als Fußball im ZDF "EM-Studio" | Foto: dpa |
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Genau 105 Minuten vor dem Anpfiff des Eröffnungspiels der Europameisterschaft 2008 ging das ZDF «EM-Studio» auf Sendung. Ganz schön viel Zeit, um eine einzige Frage zu klären - meint
Elke Wittich.
Warum die ZDF-Show «EM-Studio» leicht irreführend EM-Studio und nicht «Dauersendung über die deutsche Nationalmannschaft, in der wir unter anderem andauernd hoffnungsvoll Leute fragen, ob Deutschland Europameister wird» genannt wurde, ist klar: Der weit zutreffendere Titel wäre zu lang für die gedruckten TV-Programme geworden.
Die D-Frage
Und dass die Reporter und Moderatoren in den nächsten Wochen die sie bewegende Frage aller Fragen, meist vorgetragen mit dem bangenden Unterton eines Kindes, das vor dem ersten Zahnarzttermin alle Viertelstunde wissen will, ob es denn weh tun wird, stellen werden, kann sich der erfahrene Zuschauer auch ohne Ankündigung denken.
Die EM-Studio-Experten Urs Meier und Jürgen Klopp können entsprechend auch nur ein paar Minuten lang das tun, was sie immer tun, nämlich Johannes B. Kerner die Antworten des jeweils anderen auf seine Fragen – in diesem Falle über die schweizerische Nationalmannschaft - zu erklären, und dann müssen sie auch schon sagen, ob sie denn glauben, dass die deutsche Elf...
Vor dem Spiel ist immer auch vor dem D-Spiel
Rund anderthalb Stunden vor dem Eröffnungsspiel ist nämlich auch rund 27 Stunden vor dem ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft, und deswegen ist jetzt Schluss mit Schweiz. Und ein Porträt des Nationaltrainers Löw dran, der, so teilt das ZDF mit, «für Fortschritt durch Beständigkeit» steht. Achso. Und schon naht ein weiterer Höhepunkt. Michael Steinbrecher kann live aus Klagenfurt berichten, dass die deutsche Nationalmannschaft unbeschadet am Spielort gelandet ist. Und über die Aufstellung fürs erste Gruppenspiel der Löw-Jungs spekulieren, wobei der erstaunte Zuschauer nicht nur erfährt, «dass Mario Gomez, der bester deutscher Torhüter (sic!) der letzten Saison war,» sondern auch, dass im Klagenfurter Stadion «nicht die gleiche Atmosphäre wie in Dortmund bei der WM» herrschen wird.
Gut zu wissen, aber jetzt wäre es eigentlich nett, ein bisschen was über die möglichen Aufstellungen im in rund einer Stunde beginnenden Eröffnungsspiel und vielleicht sogar auch Näheres über die Atmosphäre im Basler Stadion zu erfahren.
Wäre, geht aber nicht, denn es folgt, von Kerner weihevoll angekündigt, ein Gespräch mit «jenem großen Spieler, jenem sehr großen Spieler», und weil es schon tausende Interviews mit Ballack gibt, hat sich Michael Steinbrecher für dieses etwas ganz besonderes ausgedacht.
Auch Ballack kommt nicht drum herum
«Pokern und Kartenspielen soll ja bei Fußballspielern immer noch sehr populär sein», beginnt er seine erste Frage. die natürlich darauf hinausläuft, ob das deutsche Team bei der EM ... Da Ballack aber nun einmal ebenso wenig hellsehen kann wie all die anderen Spieler, Trainer, Experten, Promis und Passanten, die in den nächsten Wochen diese Frage gestellt bekommen werden, besteht seine Antwort auch grob darin, was all diese Spieler, Trainer, Experten, Promis und Passanten antworten werden: Keine Ahnung, schön wärs schon, muss man halt mal abwarten und das Beste hoffen…
Damit hätte das Gespräch nun eigentlich auch zu Ende sein und zurück ins Studio zu einer Fachdiskussion über die tschechische und die schweizerische Aufstellung geschaltet werden können. Das geht aber leider nicht, denn wer anderes als Michael Ballack könnte folgende brennende Frage ein für allemal klären: Bergtour 2008, «ist das nur ein Bild oder steckt da mehr dahinter, also auch ein aufeinander angewiesen sein wie im Bergsteigen?»
Die Antwort kommt prompt: «Ja, ich denke es hat natürlich auch eine symbolische Wirkung, weil die EM natürlich in Österreich und der Schweiz stattfindet und sie natürlich viele Berge haben.»
Tjo.Und dann, nach endlosen weiteren Minuten EM-Studio, wird die Europameisterschaft endlich angepfiffen ...