Schön war's - Bussi und baba:
Glosse: Fehler in der Matrix
29. Jun 2008 12:10
 |  Halbfinale Deutschland – Türkei: Bildausfall | Foto: dpa |
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Das Sahnehäubchen fehlt zwar noch, aber eigentlich ist die EM gelaufen. Nur an den Rückblicken wird noch gearbeitet: Welches sind die erinnerungswürdigen Momente und was bedeuten sie für die Zukunft, fragt sich Nico Laubisch abschließend in Wien.
Wenn man die wichtigsten Szenen der EM Revue passieren lässt, fällt auf, dass sie wie Fehler in der Matrix daherkommen – meist scheinen es nämlich Augenblicke zu sein, in denen es menschelt: Adrian Mutu, der nach dem verschossenen Elfmeter vollkommen verstört im Mittelfeld hin und her wankt, Jogi Löw mit Fluppe, Panzerbrigadier Peter Cech, der kurz vor Ende des Spiels einfach einen Ball fallen lässt, Fatih Terim, der mit tellergroßen Schweißflecken unter den Achseln Himmelsmächte beschwört, und Bälle, die trotz Weltraumforschung und Windkanal einfach immer noch in Regenpfützen liegen bleiben. Auf Platz eins: der jetzt schon legendäre Bildausfall zum Halbfinale.
Das Leben ist doch kein Spiel
Wir können also aufatmen. Die offenbar von den Verantwortlichen angestrebte Spielkonsolenperfektion, in der 22 mit Reklame bedruckte Maschinen, angeleitet von unfehlbaren Überwachungsprogrammen makellose Spielzüge auf die Bildschirme bringen, liegt noch immer in der Zukunft. Es ist wie reibungsfreien Bewegungen in der Physik oder der reinen Vernunft – theoretisch mag es sie geben, aber in der Wirklichkeit wird sich immer das zauberhaft fehlerhafte Wesen der Natur einschalten. Nichtsdestotrotz schreitet die Virtualisierung des Fußballs unaufhaltsam voran, nicht zuletzt aufgrund der weit verbreiteten 3D-Animationen, die entweder aus rechtlichen oder analytischen Gründen zum Einsatz kamen.
Der vierte Offizielle
Dass die Bildregie für die Spiele erstmalig von der Uefa kam, war sicher kein Zufall: Ganz unauffällig hat man zum Beispiel den so genannten vierten Offiziellen eine größere Nebenrolle als sonst eingeräumt. Nicht erst beim Löw-Hickersberger-Platzverweis sondern von Anfang an waren die Kameras regelmäßig auf die Dispute des vierten Schiedsrichters mit den Trainern gerichtet. Soll heißen: Er wird wichtiger. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft wird er vermutlich gar nicht mehr auf dem Feld zu finden sein, sondern als Hauptschiedsrichter in einem Raum voller Bildschirme sitzen. Während er dann eine strittige Abseitsentscheidung in Superzeitlupe millimetergenau überprüft, kann dann über die Lautsprecher und Fernsehbildschirme bekanntgegeben werden: «Diese Schiedsrichterentscheidung wird ihnen präsentiert von Opa-Kola, dem offiziellen Fangetränke der Seniorenstiftung für demente Uefa-Mitarbeiter.»Bis es soweit ist, sollte man also Pleiten, Pech und Pannen der Realität genießen, auch wenn sie bedeuten sollten, dass unser Kapitän als Vize-Michi in die Geschichte eingeht. In diesem Sinne: Gutes Spiel und ein letztes Küss-die-Hand aus Wien.
Ihr Nico Laubisch