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Fußball EM 2008 Kolumne

Warum sich Fußball und Politik am besten aus dem Wege gehen: 

Glosse: Kicker, Kanzler und Kalküle

26. Jun 2008 10:51
Angela Merkel jubelt: EM-Halbfinale Deutschland-Türkei in Basel
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Merkel, Schröder, Kohl. Wie sich deutsche Kanzler des Fußballs bedienen, ist eine lehrreiche Geschichte. Am klügsten, findet Martin Krauß, macht es die aktuelle Kanzlerin. Sie nimmt sich nämlich zurück.

Frau Merkel hat gejubelt. Und zwar so, wie die Kanzlerin immer jubelt: die Arme ein bisschen angewinkelt, die Mundwinkel ein bisschen hochgezogen, die Finger ein bisschen zum Fäustchen geformt.

Die Siege der alten Kanzler

So hätte Gerhard Schröder nie gejubelt. Der hätte den Rasen gestürmt wie ein Flitzer. Kein Stadionordner hätte den früheren Kanzler bodychecken können. Dann hätte Schröder sich genommen, was ihm, dem Bundeskanzler der Bundesrepublik, zusteht, den Bundestrainer nämlich, und den hätte er gedrückt, gepresst, gewrungen, gedrosselt, bis Schröder sich sicher gewesen wäre, dass nun auch das gesamte Wählervolk die Fotobotschaft begriffen hätte, wem dieser Sieg zu verdanken ist: ihm nämlich.

Auch Helmut Kohl stürmte nach dem Europameistertitel 1996 die Kabine der Mannschaft und drückte den armen Berti Vogts an sich, dass der beinah im massigen Kohlschen Körper zu verschwinden drohte.

Ist die Kanzlerin verklemmter als ihre männlichen Vorgänger? Oder hat sie bloß bessere Manieren? Oder traut sie sich nicht, weil sie nicht so viel von Fußball versteht wie der frühere Mittelstürmer des TuS Talle und der frühere Mittelläufer von Phönix Ludwigshafen?

Ja! Jede Frage lässt sich mit Ja beantworten. Sie ist verklemmter und hat bessere Manieren und versteht weniger von Fußball. Doch vor allem dürfte Angela Merkel, was man aufgrund des ersten Augenscheins sowohl von Schröder als auch von Kohl nicht glauben möchte, dieses sein: machtbewusster.

Die Euro hilft politisch

Angela Merkel reklamiert gleichermaßen zurückhaltend wie selbstbewusst ihr Recht, «mit meiner Laienmeinung» über Fußball zu sprechen. Dass der Fußball auch ohne Direktiven aus dem Kanzleramt gut läuft, weiß sie. Und sie ahnt auch, dass er mit solchen Direktiven schlechter liefe. Angela Merkel weiß, dass ihr der Erfolg des Teams von Jogi Löw dann besonders zu pass kommt, wenn sie nicht so tut, als sei es ihr Erfolg.

Im Schatten des «Sommermärchens» 2006 brachte die von Merkel angeführte große Koalition viele Projekte durch, die man ja gemeinerweise heutzutage immer «Reformen» nennt. Das wäre nicht nur ohne «Sommermärchen» schwieriger gewesen. Nein, das hätte auch dann kaum funktioniert, wenn das Wahlvolk geahnt hätte, dass die Regierung dieses «Sommermärchen» nur initiiert hätte, um ihren Sozialabbau durchzubekommen.

Funktionalisierung scheitert immer

Die politische Vereinnahmung des Fußballs gelingt dann am besten, wenn der Fußball als eine kaum bis gar nicht politische Veranstaltung präsentiert wird. Große Staatenlenkerkunst zeigt sich darin, der Versuchung, fußballerische Erfolge als Regierungserfolge auszugeben, zu widerstehen. Und wer es mit der Funktionalisierung des Fußballs am dollsten getrieben hat, ist auch am schnellsten untergegangen: Erich Mielke, der Stasiminister der DDR, wollte durch Bevorzugung seines BFC Dynamo die Liebe des Fußballvolkes erzwingen. Der Versuch war zu und zu plump.

Als die deutsche Nationalmannschaft unter Sepp Herberger 1954 das «Wunder von Bern» vollbrachte, war kein Bundespräsident, kein Kanzler und kein Minister im Stadion. Gerade mal ein Staatssekretär war hingereist, um die Bundesrepublik so zu repräsentieren, wie man sie beim Finale der Bundesjugendspiele auch repräsentieren würde. Das Ergebnis war «die Gründung der Bundesrepublik im Wankdorf-Stadion zu Bern», wie der Historiker Arthur Heinrich schreibt. Der Mythos des Wir-sind-wieder-wer, des Wiedereintritts der bundesrepublikanischen Gesellschaft in die Gemeinschaft der Nationen hätte vermutlich nie funktoniert, wenn man auch nur den leisesten Verdacht gehabt hätten, dass er politisch erzwungen werden sollte.

Aufgrund der Art, wie die Kanzlerin jubelt, lässt sich ein solcher Verdacht nicht begründen. Frau Merkel weiß, wie Politik funktioniert. Vermutlich weiß sie sogar auch, wie Fußball funktioniert. Doch das lässt sie lieber den Jogi Löw sagen.



 
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