Finalphantasien und mehr:
Glosse: Kontinentalverschiebung
24. Jun 2008 11:03
 |  Die Türkei zwischen Europa und Asien - verbunden durch die Bosporus-Brücke | Foto: AP |
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Ein gar nicht so richtig europäisches Euro-Finale ist möglich: Türkei vs. Russland.
Martin Krauß glaubt, dass damit beide Länder aus Asien nach Kerneuropa rutschen. Es sei denn, sie kommen gar nicht ins Finale.
Diese Glosse muss ganz schnell gelesen werden! Ehe der Michi Ballack mit einem von eisernem Willen verzerrten Gesicht wieder ein Freistoßtor erzielt und das Thema dieser Glosse kaputtmacht.
Europameister aus Asien
Türkei-Russland! Darum geht’s nämlich heute. Genauer gesagt: um die Möglichkeit, dass diese zwei Mannschaften das Finale um die Europameisterschaft bestreiten. Rechnerisch beträgt die Wahrscheinlichkeit 25 Prozent, also mehr als, sagen wir: die SPD bestimmt kriegt, und die stellt ja auch den Außenminister.
Darum geht es nämlich auch: Weder Russland noch die Türkei gehören zur EU, beide Länder gehören auch geografisch betrachtet nicht so ganz zu Europa. Durch Russland zieht sich das Uralgebirge, es markiert die Grenze zwischen Europa und Asien. Durchs türkische Istanbul zieht sich der Bosporus, der Grenze zwischen Europa und Asien darstellt.
Politische Prioritäten
Gut, könnte man sagen, Russland und die Türkei sind immerhin noch europäischer als andere Mitgliedsländer des europäischen Fußballverbandes Uefa. Armenien, Georgien und Kasachstan gelten als europäische Fußballnationen. Ebenso, wenn auch aus anderen Gründen, Israel. All diese Länder liegen geografisch in Asien. Und ob Malta wirklich so ganz zu Europa zählt oder nicht doch zu Afrika, könnte man ja mal gründlich diskutieren.
Nur halt nicht mit der Uefa. Denn der europäische Fußballverband präsentiert sich nicht viel anders als der europäische Staatenverband: Wer zur EU und wer zur Uefa gehören darf, ist vor allem eine politische Entscheidung, keine geografische. Doch eine Mitgliedschaft begründet noch nicht, dass sich das Land bzw. der Fußballverband auch wirklich, wie man so sagt: auf Augenhöhe mit den Platzhirschen messen kann.
Respekt auf dem Rasen wie auch Respekt auf dem politischen Parkett muss jeweils erkämpft werden, er wird nicht gewährt. Womit man wieder bei der Türkei und bei Russland wäre.
Kreisklasse oder Champions League
Russland wäre, wollte es das sein, eine führende asiatische Fußballnation. Einziger nennenswerter Gegner wäre – die Türkei. Doch, um es in fußballerischen Kategorien auszudrücken, wer will schon Serienmeister der Kreisklasse bleiben, wenn er die Chance hat, in der Champions League zu spielen, selbst wenn es da gegen den Abstieg geht?
Für den russischen und den türkischen Fußball gab es nie eine andere als die europäische Option. Es stellt sich also nicht die Frage nach der einfachen, sondern die nach der erfolgreichen Teilnahme: Holland, Frankreich, Italien sind aus dem Turnier draußen, England war gar nicht dabei – jetzt können diese halbasiatischen Länder ihren souveränen Anspruch, zumindest fußballerisch zu Kerneuropa zu zählen, demonstrieren. Sie sollten nur ins Finale kommen.
So gesehen wäre eine Finalpaarung zwischen Deutschland und Spanien, die ja auch theoretische möglich ist (das wird gerade in Deutschland und Spanien ja völlig vergessen!) richtig langweilig.