Theorie und Praxis des Autokorsos:
Glosse: Vom Sinn des Hupens und Kreischens
19.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Auch besonders Gebildete, die auf die Beschreibungen des römischen Korsos bei Goethe verweisen, haben das Pech, die Theorie und Praxis des Autokorsos nicht so ganz begriffen zu haben. Die Antwort liegt vielmehr, man hätte es ahnen können, auf der Straße.
Und zwar nicht auf der geteerten oder gepflasterten länglichen Fläche. Nein, gemeint ist die Straße, das Kulturphänomen. Die Straße ist, je nachdem, welche Position man zu ihr einnimmt, ein Synonym fürs Volk oder für den Pöbel, für den Souverän in der demokratischen Gesellschaft oder für den diese bedrohenden Mob. Wer die Straße hat, hat die Macht.
«Der Autokorso ist», schreibt der Sportjournalist Malte Oberschelp, «seit jeher das wichtigste fußballfantechnische Ausdrucksmittel der Einwanderer.» Der Autokorso nach einem Fußballspiel wurde in Deutschland von den hier lebenden Türken und Italienern eingeführt. Er ist ein Verstoß gegen die herrschende Ordnung, er ist gelebte Anarchie und für Menschen, die klare Verhältnisse lieben, eine hundsgemeine Provokation. Schlimmer noch als Graffiti oder öffentliches «Scheiße»-Sagen.
Entsprechend hilflos reagiert man bei Behörden und Verbänden auf die Korsos. «Wissen sollte jeder Fußballfan, dass Autokorsos normalerweise anmeldepflichtig sind und die Hupkonzerte und die Jubelfahrten während der WM als Ausnahmezustand geduldet werden», schrieb der Automobilclub von Deutschland vor zwei Jahren zum Sommermärchen. «Und natürlich gilt die Gurtpflicht! Auch auf den hinteren Sitzen.» Außerdem, darauf weist die Polizei hin, darf man seine Fahnen nicht weiter als vierzig Zentimeter aus dem Autofenster halten.
Doch keine Putzigkeit ohne einen Hintersinn. Der Karneval hat ja auch so angefangen wie heute der Autokorso: Spontane Lust am Umsturz, am Einreißen der Ordnung, das viel zu lange schlummernde Interesse, zu zeigen, dass man da ist, dass man zu dieser Öffentlichkeit gehört, dass man Straße ist. Der Karneval ist in einem jahrzehntelangen Prozess domestiziert worden: Prunksitzungen und Prinzenproklamationen, Festausschüsse und Elferräte haben ganze Arbeit geleistet. Vom Karneval geht fast keine Gefahr mehr für die öffentliche Ordnung aus. Das einzig subversive Vergnügen, das blieb, ist das gelebte Recht auf Rausch, das sich nicht mal der Prinz vun Kölle nehmen lässt.
Und beim Fußball? Warten wir ab, was in der Finalrunde passiert. Das Schöne am Autokorso ist das Schöne am Fußball man weiß nicht, wie es ausgeht.

