Theorie und Praxis des Autokorsos: 

netzeitung.deGlosse: Vom Sinn des Hupens und Kreischens

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Nationalflaggen helfen sehr, Subversivität zu dämpfen (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Nationalflaggen helfen sehr, Subversivität zu dämpfen
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Autokorso gehört zur EM wie die Braut zur Hochzeit. Der spontane Jubel ist eine sehr fußballerische Form, die Macht der Straße zu zeigen, meint Martin Krauß .

Als Nihat Kahveci die entscheidenden Tore geschossen hatte, damit die Türkei das Viertelfinale erreicht, ging es auf deutschen Straßen wieder los: Erst Böller, dann Hupen, dann Autokorso und Autokorso und Autokorso.

Die Macht der Straße
Wenn man in einer Großstadt lebt, kennt man das von türkischen Hochzeiten. Doch anders als es dem gemeinen auf die grüne Ampel wartenden Fußgänger vielleicht scheinen könnte, ist das Herumfahren in hupenden und lärmenden Autos durch städtische Straßen kein jahrhundertealter Brauch aus Anatolien.

Auch besonders Gebildete, die auf die Beschreibungen des römischen Korsos bei Goethe verweisen, haben das Pech, die Theorie und Praxis des Autokorsos nicht so ganz begriffen zu haben. Die Antwort liegt vielmehr, man hätte es ahnen können, auf der Straße.

Und zwar nicht auf der geteerten oder gepflasterten länglichen Fläche. Nein, gemeint ist die Straße, das Kulturphänomen. Die Straße ist, je nachdem, welche Position man zu ihr einnimmt, ein Synonym fürs Volk oder für den Pöbel, für den Souverän in der demokratischen Gesellschaft oder für den diese bedrohenden Mob. Wer die Straße hat, hat die Macht.

Reclaim the Street
«Reclaim the Street» heißt eine sehr erfolgreiche Strategie von Globalisierungskritikern, holt euch die Straße zurück. Und kritische Fußballfans haben vor Jahren die Parole «Reclaim the Game» ausgegeben, holt euch das Spiel zurück! Die Straße wird nicht von jedem erobert, der ein Auto besitzt, der eine Fahne hat, der Fußball schaut.

«Der Autokorso ist», schreibt der Sportjournalist Malte Oberschelp, «seit jeher das wichtigste fußballfantechnische Ausdrucksmittel der Einwanderer.» Der Autokorso nach einem Fußballspiel wurde in Deutschland von den hier lebenden Türken und Italienern eingeführt. Er ist ein Verstoß gegen die herrschende Ordnung, er ist gelebte Anarchie und für Menschen, die klare Verhältnisse lieben, eine hundsgemeine Provokation. Schlimmer noch als Graffiti oder öffentliches «Scheiße»-Sagen.

Entsprechend hilflos reagiert man bei Behörden und Verbänden auf die Korsos. «Wissen sollte jeder Fußballfan, dass Autokorsos normalerweise anmeldepflichtig sind – und die Hupkonzerte und die Jubelfahrten während der WM als Ausnahmezustand geduldet werden», schrieb der Automobilclub von Deutschland vor zwei Jahren zum Sommermärchen. «Und natürlich gilt die Gurtpflicht! Auch auf den hinteren Sitzen.» Außerdem, darauf weist die Polizei hin, darf man seine Fahnen nicht weiter als vierzig Zentimeter aus dem Autofenster halten.

Fußball ist wie Karneval
Die deutschen Versuche, das anarchistische Volksvergnügen Autokorso in geordnete Bahnen zu lenken, sind putzig. Da will man mit den Verantwortlichen sprechen, da droht man mit Sanktionen, und da ist man auf der Suche nach den Rädelsführern, die es natürlich nicht gibt. All das hat mit dem, was wirklich auf der Straße passiert, nichts zu tun.

Doch keine Putzigkeit ohne einen Hintersinn. Der Karneval hat ja auch so angefangen wie heute der Autokorso: Spontane Lust am Umsturz, am Einreißen der Ordnung, das viel zu lange schlummernde Interesse, zu zeigen, dass man da ist, dass man zu dieser Öffentlichkeit gehört, dass man Straße ist. Der Karneval ist in einem jahrzehntelangen Prozess domestiziert worden: Prunksitzungen und Prinzenproklamationen, Festausschüsse und Elferräte haben ganze Arbeit geleistet. Vom Karneval geht fast keine Gefahr mehr für die öffentliche Ordnung aus. Das einzig subversive Vergnügen, das blieb, ist das gelebte Recht auf Rausch, das sich nicht mal der Prinz vun Kölle nehmen lässt.

Und beim Fußball? Warten wir ab, was in der Finalrunde passiert. Das Schöne am Autokorso ist das Schöne am Fußball – man weiß nicht, wie es ausgeht.