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Fußball EM 2008 Kolumne

Deutsche Sprachkompetenz: 

Glosse: Englisch für Anhänger

12. Jun 2008 09:11, ergänzt 10:08
Öffentliche Fanbeschau: Während der WM 2006 in Stuttgart
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Fragt man einen Amerikaner, wo es zum Public Viewing geht, zeigt der nicht den Weg zur Euro-Fanzone, sondern ins Leichenschauhaus. «Public Viewing» bedeutet nämlich «öffentliches Aufbahren von Toten», weiß Martin Krauß.

Public Viewing nennt man spätestens seit der WM 2006 jene Biergärten, Marktplätze und Fanzonen, in oder auf denen große Leinwände aufgestellt sind. Dort erheben sich dann junge und nicht ganz so junge Menschen, wenn die Hymne gespielt wird, die sie für die ihre halten, und singen die Leinwand an.

Der Begriff Public Viewing klingt weltoffen, mondän, international und hat scheinbar so gar nichts verbohrt Nationalistisches an sich, was man ja sonst erwarten könnte, wenn sich schwarz-rot-gold-gewandete Mitmenschen auf klapprige Holzbänke setzen und viel Bier in sich schütten.

«Handy» und andere Sprachunfälle

Der Begriff hat nur einen Nachteil: Er bedeutet gar nicht, wie man mit ein bisschen Schulenglisch zu wissen glaubt, öffentliches Schauen, sondern vor allem im amerikanischen Englisch steht public viewing für Leichenschau beziehungsweise für öffentliches Aufbahren der Toten.

Auf diesem falschen Bein werden weder die deutschen Organisatoren der WM 2006 noch die österreichischen und schweizerischen der Euro 2008 gerne erwischt. Da hat man jahrelang jeden Spott über das Wort Handy ertragen oder ignoriert, zu dem englischsprachige Menschen lieber cellular oder mobile phone sagen, um jetzt, beim Versuch der gesamten Welt zu zeigen, dass man doch Englisch kann und auf dem Weltmarkt bestehen wird, so grandios vor die Wand zu laufen, will sagen: fore the wall to running.

Ein deutscher Markenbegriff

Woher der Name Public Viewing rührt, lässt sich sicher nicht sagen, er kam im Vorfeld der WM in Deutschland auf. Da bemerkten viele Kommunen, dass sie von der ungeheuren Nachfrage nach Tickets profitieren können, wenn sie öffentliche (public!) Plätze zum Schauen (viewing!) bereit stellen könnten. Durch Eintrittsgelder wie auch durch Bier- und Getränkekonsum konnten so Pächter großen Umsatz machen. Im Jahr 2007 wurde der Begriff Public Viewing von einer Firma aus Magdeburg ins Markenregister eingetragen.

Aber worauf verweist es, wenn sich die deutsche Gesellschaft – die Österreicher und Schweizer machen es zurzeit nur nach – darauf verständigt, einen englischsprachigen Begriff unbedingt selbst erfinden zu wollen und nicht ein einziges Mal bei einem Muttersprachler nachfragt, ob das denn richtig ist, was man sich da mit dem alten Schul-Dictionary zurechtübersetzt hat?

Nekrologer Nationalismus

Vermutlich verweist es auf Selbstbewusstsein, vielleicht auch auf Überheblichkeit, definitiv aber nicht auf Weltläufigkeit. Eher kommen einem die Bilder von pickelhäubigen Offizieren in den Sinn, die sich beim Versuch, eine normale Weltmacht zu werden, immer auch lächerlich machten.

Ausgerechnet Leichenschau! Wenn sich die Deutschen und gerade die Österreicher und Schweizer auf ihren Bierzeltbänken niederlassen, um ihren Helden in kurzen Hosen zuzujubeln, dann verweist das unterbewusst auf ein morbides Verhältnis zur Nation, der viel beschworene und ach so gelobte unverkrampfte Patriotismus erweist sich, sprachkritisch betrachtet, als nekrologer Nationalismus.

Ob das fußballerisch so viel weiter hilft, darf bezweifelt werden.



 
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