EM 1976:
Ein Lupfer ins Glück
28. Mai 2008 15:30
 |  Uli Hoeneß nach seinem verschossenen Elfmeter | Foto: imago |
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Die Europameisterschaft überwand im Jahre 1976 den «Eisernen Vorhang» – Jugoslawien war als erstes osteuropäisches Land Ausrichter der EM-Endrunde. Das Elfmeterschießen feierte auch Premiere und brachte zwei Helden hervor.
Mit der Endrunde vom 16. Juni bis 20. Juni 1976 in Jugoslawien feierte die Europameisterschaft ihr erstes kleines Jubiläum. Die fünfte Auflage des Turniers setzte dann auch Maßstäbe: die Uefa vergab das Turnier erstmals an ein Land des sozialistischen Ostblocks. Der Balkanstaat öffnete sich zwar weitaus mehr gen Westen als es der sowjetischen Führungsmacht lieb war, dennoch sandte der europäische Fußballverband damit ein durchaus positives Signal.
Nervenkitzel im Marakana
Die jugoslawischen Ausrichter wählten das Gradski-Stadion in Zagreb mit 64.000 Plätzen und das Belgrader Roter-Stern-Stadion mit einem Fassungsvermögen von damals 95.000 Zuschauern als Spielstätten. Letzteres trägt in Anlehnung an das Maracana Stadion in Rio de Janeiro den Beinamen Marakana und bot im Finale zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechoslowakei die Bühne für zwei Helden. Der Nervenkitzel eines Elfmeterschießens mit dem genialen Höhepunkt durch Antonin Panenka elektrisierte die Fans.
Die Qualifiaktion wurde wiederum in acht Gruppen gespielt. Die 32 teilnehmenden Mannschaften ermittelten acht Viertelfinalisten, die in Hin- und Rückspielen um die Endrunden-Teilnahme kämpften. Prominente Namen blieben dabei auf der Strecke. Die Engländer verpassten nach der WM 1974 auch die Europameisterschaft. Sie scheiterten in ihrer Gruppe an den Tschechoslowaken, die ihrerseits einen grandiosen Siegeszug antraten. Auch Italien schied nach enttäuschenden Leistungen aus.
DDR blamiert sich in Reykjavik
Mit großen Hoffnungen war wieder einmal die DDR gestartet und wollte sich endlich für ein EM-Turnier qualifizieren. Doch nach einer blamablen Vorstellung in Reykjavik zerplatzten die Träume. Fußballzwerg Island gewann gegen die Spieler von Nationaltrainer Georg Buschner mit 2:1. Einer der Torschützen war Asgeir Sigurvinsson der später für die Münchner Bayern in der Bundesliga auflief und mit dem VfB Stuttgart sogar Meister wurde. Mit dem Olympiasieg 1976 in Montreal konnte die DDR jedoch noch im selben Jahr einen grandiosen Erfolg bejubeln. Der bundesdeutschen Auswahl war das Losglück hold und man qualifizierte sich problemlos. Erwähnenswert ist das 8:0 über Malta. Berti Vogts erzielte in diesem Spiel sein einziges Landerspieltor.
Im Viertelfinale konnte das DFB-Team die Spanier ausschalten und war als Titelverteidiger in Jugoslawien dabei. Auch die Tschechoslowakei siegte weiter und sorgte für das erstmalige Fehlen einer sowjetischen Mannschaft bei einer EM-Endrunde. Das einzige britische Team unter den Viertelfinalisten war Wales. Nach einer 0:2-Niederlage in Jugoslawien standen die Waliser im Rückspiel mächtig unter Druck. Nachdem spielerisch nichts gelang, entlud dieser sich auf den Rängen. Die Fans warfen Gegenstände auf den Platz und beschimpften Schiedsrichter Rudi Glöckner aus der DDR mit «Sieg Heil»-Rufen. Die Jugoslawen bewahrten Ruhe und qualifizierten sich mit einem 1:1 für das EM-Endrundenturnier. Wales wurde nach weiteren Fanausschreitungen nach Spielende für die nächste Europameisterschaft gesperrt.
Der Hattrick von Müller, Dieter Müller
Ganz Jugoslawien war auf das Großereignis gespannt und die Nationalmannschaft gab mit ihrer offensiven Spielweise Anlass zur Hoffnung. 50.000 erwartungsfrohe Fans kamen dann auch zum Halbfinale gegen die DFB-Elf ins Marakana. Schnell führten die Gastgeber mit 2:0 und waren auf dem besten Weg ins Finale. Dem bundesdeutschen Spiel fehlte die Eleganz des 72er Turniers und wichtige Stützen der «Wunderelf». Doch ein Debütant drehte das Spiel. Bei der Einwechslung des Kölners Dieter Müller in der 80. Minute lag das DFB-Team noch 1:2 zurück. Zwei Minuten hatte Müller bereits ausgeglichen. In der Verlängerung traf der damals 22-jährige Stürmer noch zweimal und schoss die Bundesrepublik ins Finale.
Das andere Halbfinale verloren die Niederländer gegen die Tschechoslowakei ebenfalls in der Verlängerung. Das Team um Johan Cruyff scheiterte abermals an sich selbst. Interne Spannungen und eine Portion Arroganz verbauten den Niederländern den Weg ins Finale, und natürlich der starke Gegner. Vor nur 18.000 Zuschauern in Zagreb stand es am Ende 3:1 für die Tschechoslowakei. Wenigstens konnten sich die Niederländer im Spiel um Platz drei mit einem 3:2-Sieg über enttäuschte Jugoslawen ein wenig rehabilitieren. Die 120 Minuten in Zagreb wollten jedoch nur 7000 Zuschauer sehen.
Ein trauriger Held und der Panenka
Im Finale mussten die Spieler von Bundestrainer Helmut Schön schon wieder einem schnellen 0:2-Rückstand hinterherlaufen. Die seit 20 Spielen ungeschlagenen Tschechoslowaken trugen ihre Angriffe schnell und präzise vor. Doch mit seinem vierten Turniertor schaffte Dieter Müller schon bald den Anschlusstreffer. Der Ausgleich gelang erst in der zweiten Hälfte kurz vor dem Abpfiff. In der Verlängerung fielen keine Tore mehr und es kam zum Elfmeterschießen.
Dass die Entscheidung erstmals im Duell «Mann gegen Mann» fallen sollte, entschieden beide Verbände erst einen Tag zuvor. Ausschlaggebend war der körperlich schlechte Zustand der Spieler nach einer langen Saison. Einem Gerücht zufolge wussten die Spieler der Tschechoslowakei nach den 120 Minuten noch nicht, was auf sie zukam. Vielleicht hatten sie deshalb auch die besseren Nerven. Vier tschechoslowakische Spieler hatten bereits getroffen, als sich Uli Hoeneß auf den Weg vom Mittelkreis zum Punkt der Entscheidung machte. Unvergessen ist sein herzzerreißender Blick, nachdem der Ball im Belgrader Nachthimmel verschwunden war. Antonin Panenka hatte somit die Entscheidung auf dem Fuß und sollte mit einem Geniestreich in die Fußball-Geschichte eingehen. Er wartete bis sich Sepp Maier für eine Ecke entschied und lupfte den Ball lässig und elegant zugleich über den geschlagenen Keeper hinweg ins Tor.
Die Viertelfinalteilnehmer
Spanien, Deutschland, Niederlande, Belgien, Jugoslawien, Wales, Tschechoslowakei, Sowjetunion
Die Endrunden-Teilnehmer der EM 1976
Tschechoslowakei, Niederlande, Jugoslawien, Deutschland
Die Mannschaft des Turniers
Ivo Viktor – Jan Pivarnik, Anton Ondrus (alle Tschechoslowakei), Franz Beckenbauer (Deutschland), Ruud Krol (Niederlande) – Rainer Bonhof (Deutschland), Jaroslav Pollak, Antonin Panenka – Zdenek Nehoda (alle Tschechoslowakei), Dieter Müller (beide Deutschland), Dragan Dzajic (Jugoslawien)
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