EM 1960 - Europapokal der Nationen:
Kalter Krieg und Dominanz des Ostblocks
26. Mai 2008 16:44
 |  EM-Held und Torwart-Ikone: Oleg Yashin | Foto: imago |
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Die erste Auflage der Europameisterschaft firmierte unter dem Namen Europapokal der Nationen. Die fehlende Akzeptanz bei den großen europäischen Verbänden und politische Spannungen in den Zeiten des Kalten Krieges machten den Anfang schwer.
Als am 28. September 1958 im Moskauer Lenin-Stadion das Achtefinal-Hinspiel des Gastgebers Sowjetunion gegen Ungarn angepfiffen wurde, war es vollbracht: Die erste Partie auf dem Weg zum Europapokal der Nationen hatte begonnen. Bei der Uefa gingen 17 Meldungen ein, so dass zwischen der Tschechoslowakei und Irland ein Qualifikationsspiel zum Achtelfinale nötig wurde. Kurioserweise fand es am 5. April 1959 statt, ein halbes Jahr später als das schon genannte erste Spiel in der Runde der letzten 16 Mannschaften.
Ablehnung im Westen - eine Chance im Osten
«Ein Europaturnier stört nur», so die Meinung von DFB-Bundestrainer Sepp Herberger zu dem neu geschaffenen Wettbewerb. Diese Haltung teilten auch alle britischen Verbände sowie Italien und Schweden. Der sportliche Aussagewert des Turniers war daher eher gering, historisch gesehen steht jedoch die Geburtsstunde der Fußball-Europameisterschaft im Vordergrund. Der damalige Modus sah bis zum Viertelfinale Hin- und Rückspiele mit wechselndem Heimrecht vor. Die eigentliche Endrunde begann mit den Halbfinals und wurde vom 6. Juli bis 10. Juli 1960 in Frankreich ausgetragen.
Nicht nur aufgrund der Abstinenz sportlicher Hochkaräter war die Endrunde kein allzu großer Erfolg. Das schlechte Abschneiden des Gastgebers Frankreich mit zwei verlorenen Spielen und Platz vier zog nicht gerade besonders viele Fans in die Stadien von Marseille und Paris. An die Zuschauerzahlen der Qualifikation, wo teilweise 100.000 Menschen auf den Rängen Platz fanden, kam man ohnehin nicht ran. Zudem stand der Fußball in der Gunst der Franzosen noch deutlich hinter Rugby und dem Radsport. Ein weiterer Grund für das mangelnde Interesse stellten die Endrunden-Teilnehmer dar: Mit der Sowjetunion, Jugoslawien und der Tschechoslowakei waren drei Ostblock-Staaten in Frankreich dabei, die kaum eigene Fans mitbrachten und auch bei den Einheimischen keine Neugier wecken konnten.
Kalter Krieg im Fußball
Die bipolare Teilung der Welt spiegelte sich natürlich auch im Fußball wider. Die jungen kommunistischen Staaten nutzten jede Chance auf internationale Anerkennung und so sahen sie auch den Europapokal der Nationen als geeignete Bühne, ihren Fortschritt zu präsentieren. Fast der gesamte Ostblock hatte sich bei der Uefa für das neue Turnier gemeldet. Auch die DDR. Doch schon im Achtelfinale war nach schlechten Leistungen gegen Portugal Schluss. Danach gab es einen Umbruch im DFV-Team, dem etliche Spieler und auch Nationaltrainer Fritz Gödicke zum Opfer fielen.
In einem Fall waren die politischen Barrieren nicht zu überwinden. Das Viertelfinale zwischen der Sowjetunion und Spanien fiel dem Kalten Krieg zum Opfer. Das Franco-Regime boykottierte die Spiele gegen die Spieler mit dem roten Stern auf der Brust. Nachdem alle Schlichtungsversuche seitens der Uefa gescheitert waren, disqualifizierte der europäische Verband die Spanier. Die Sowjetunion kam «kampflos» zur Endrunde nach Frankreich.
Sowjets holen den ersten Titel
Dort trafen die Sowjet-Kicker im Stade Velodrome von Marseille vor 25.184 Zuschauern auf die Tschechen. Das Spiel wurde unter extremer Hitze eine klare Angelegenheit für den großen Bruder, bei dem Valentin Ivanov das Spiel gestaltete und auch zwei Treffer zum 3:0-Endstand beisteuerte. Das andere Halbfinale hat bis heute seinen Platz in der EM-Historie. Der 5:4-Erfolg der Jugoslawen gegen Gastgeber Frankreich ist immer noch das torreichste Spiel einer Europameisterschafts-Endrunde. 26.370 Zuschauer sahen im Stade Velodrome du Parc des Princes in Paris ein dramatisches Spiel.
Die Franzosen traten ersatzgeschwächt an und mussten unter anderen auf den Torschützenkönig der WM 1958 (13 Tore ) Just Fontaine und Raymond Kopa (Real Madrid) verzichten. Dennoch führte Frankreich bis 15 Minuten vor Schluss mit 4:2. Doch eine unwiderstehliche Schlussviertelstunde der Jugoslawen wendete das Blatt und die Mannen um Branko Zebec, der später als Bayern-Trainer mit dem Double 1969 für Furore sorgte, zogen ins Finale ein. Die Qualität des jugoslawischen Fußballs zeigte auch der Olympiasieg in Rom im gleichen Jahr.
«Montag trifft am Montag»
Das kleine Finale wurde zu einer langweiligen Angelegenheit. Gerade einmal 9438 Zuschauer verfolgten in Marseille den verdienten 2:0-Sieg der Tschechen gegen Frankreich. Die «Equipe Tricolore» wurde mit Pfiffen verabschiedet. Immerhin knapp 18.000 Fans zeigten sich am ersten EM-Finale interessiert. In der ersten Halbzeit dominierten die Jugoslawen und lagen auch folgerichtig mit 1:0 vorn. Doch gleich nach Wiederanpfiff gelang der sowjetischen Mannschaft der wichtige Ausgleich. In der Folgezeit rettete die Torwart-Legende Lev Yashin das 1:1 in die Verlängerung. Dann kam Ponedelnik und machte in der Verlängerung alles klar. Da sein Tor zum 2:1 nach Moskauer Zeit am Montagmorgen fiel und sein Nachname die Bedeutung genau dieses Wochentages trägt, titelten alle Zeitungen: «Ponedelnik zabivayet v Ponedelnik» – «Montag trifft am Montag». Für die «Sbornaja» war der Titelgewinn der Höhepunkt ihrer glanzvollen Zeit zwischen 1956 und 1966.
Die Achtelfinalteilnehmer
Sowjetunion, Ungarn, Spanien, Polen, Rumänien, Türkei, Tschechoslowakei, Dänemark, Portugal, DDR, Jugoslawien, Bulgarien, Frankreich, Griechenland, Österreich, Norwegen
Die Endrunden-Teilnehmer der EM 1960
Sowjetunion, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Frankreich
Die Mannschaft des Turniers
Lev Yashin (Sowjetunion) – Vladimir Durkovic (Jugoslawien), Ladislav Novak (Tschechoslowakei) – Igor Netto (Sowjetunion), Josef Masopust (Tschechoslowakei), Dragoslav Sekularac (Jugoslawien) – Valentin Ivanov, Slava Metreveli, Victor Ponedelnik (alle Sowjetunion), Milan Galic, Borivoje Kostic (beide Jugoslawien)
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