EM-Spezial Teil 11 - Rumänien:
«Tricolorii»
30. Apr 2008 12:15, ergänzt 05. Mai 2008 11:40
 |  Steauas Miha Nesu im Zweikampf mit Berlins Kevin Boateng 2006 | Foto: dpa |
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16 Länder nehmen an der Europameisterschaft im Juni in der Schweiz und in Österreich teil. Wir stellen jedes Land vor: seine fußballerischen Fähigkeiten, seine Fans, seine Helden und seine Stadien.
Im Juni findet es statt, das Schaulaufen der europäischen Nationen in kurzen Hosen und auf grünem Rasen. Die Netzeitung stellt die Teilnehmer der Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz vor. Dieses Mal: Geheimtipp Rumänien (Gruppe C zusammen mit Weltmeister Italien, den Niederlanden und Vizeweltmeister Frankreich). Lesen Sie am Montag, 5. Mai, unser Porträt Frankreichs.
Rumänien in der Fußballwelt
Dass die Gruppe B bei traditionell nicht immer zu den besten Schreibern zählenden Sportjournalisten als „Todesgruppe“ der Euro gilt, liegt auch, vielleicht zu mehr als 25 Prozent, an Rumänien. Das hat sich nämlich souverän als Gruppenerster qualifiziert, und in den letzten Jahren hat das südosteuropäische Land mehrfach gezeigt, wie gut hier Fußball gespielt wird.
Auf der aktuellen Fifa-Weltrangliste findet sich Rumänien auf Platz zwölf, unmittelbar hinter dem nichtqualifizierten England. Das letzte Testspiel vor der Euro gewann das Team von Trainer Victor Piturca Ende März mit 3:0 über Russland; zuvor hatte man in Israel nur knapp mit 0:1 verloren.Auch historisch braucht sich der rumänische Fußball nirgends zu verstecken: Bei der WM 1990 erreichten die «Tricolorii», die Dreifarbigen, das Achtelfinale, bei der WM 1994 das Viertelfinale und 1998 erneut das Achtelfinale. Rumänien stellte mit Steaua Bukarest im Jahr 1986 auch den ersten osteuropäischen Klub, der den Europapokal der Landesmeister gewann – im Finale gegen den FC Barcelona hielt beim Elfmeterschießen Torwart Helmuth Duckadam damals alle vier spanischen Elfer.
Klubs
Wie stark nicht nur die Nationalmannschaft, sondern auch die rumänische Liga, die Divizia Nationala A, ist, konnte ganz Europa im Jahr 2006 bestaunen: Zwei rumänische Klubs schafften es ins Viertelfinale des Uefa-Cups, wo sich Rapid Bukarest und Steaua Bukarest dann gegenseitig raushauen durften: Steaua scheiterte letztlich im Halbfinale.
Steaua Bukarest, das zurzeit auch die Tabelle anführt, ist der berühmteste rumänische Klub: Steaua wurde 1947 als der Verein der Armee gegründet. 23 nationale Meisterschaften konnte es bislang einfahren, dazu kommen 20 Pokalsiege. Steaua ist auch, anders als die Ligakonkurrenz, finanziell gut ausgestattet: Der Besitzer des Klubs, Gigi Becali, ist einer der reichsten Männer Rumäniens und zahlt Gehälter, die sich teilweise über denen beispielsweise der deutschen Bundesliga bewegen. Becalis Fußballengagement trägt aber zum Teil auch kuriose Züge: Für jede Runde, die Steaua in einem internationalen Wettbewerb weiterkommt, lässt er in Rumänien eine Kirche bauen. Und er ließ Leonardos Gemälde „Das letzte Abendmahl“ nachmalen – mit sich selbst als Jesus und mit Jüngern, die die Köpfe von Spielern und Trainer tragen.Doch auch neben Steaua wird guter Fußball gespielt. Die Liga gilt, was nicht zuletzt der Uefa-Cup zeigt, als eine der stärksten in Osteuropa. Amtierender Meister beispielsweise ist Dinama Bukarest, immerhin schon 18 Mal Landesmeister. Härtester Verfolger von Steaua in dieser Saison ist mit dem CFR Cluj endlich einmal ein Klub, der nicht aus der Hauptstadt stammt. Cluj, in Deutschland auch Klausenburg gerufen, liegt in Siebenbürgen. Bislang war allerdings der dritte Platz der Meisterschaft der größte Erfolg des Vereins.
Helden
Als der beste Fußballer, den Rumänien je hervorbrachte, gilt Gheorge Hagi. Bei Real Madrid, Brescia Calcio, FC Barcelona und Galatasaray Istanbul konnte der Mittelfeldspieler mit dem Spitznamen «Karpaten-Maradona» in den neunziger Jahren wirken. Als der aktuell beste rumänische Fußballer – und definitiv teuerste - gilt Adrian Mutu: Als er 2003 nach England wechselte, zahlte der Chelsea FC 22 Millionen Euro für den Stürmer. Nach einer Kokainsperre hatte Chelsea aber wenig Freude an ihm – Mutu ging nach Italien in die Seria A, wo er zunächst beim Juventus Turin, mittlerweile beim AC Florenz spielt.
Auch in der Bundesliga waren rumänische Spieler oft vertreten. Marcel Raducanu von Borussia Dortmund war einer der ersten. Später kamen Ioan Lupescu (Leverkusen und Gladbach), Dorinel Munteanu (Köln) oder Vlad Munteanu (Cottbus) und Laurentiu Reghecampf (Cottbus und Aachen).
Fans
Wenn es nach Einschätzung der österreichischen und Schweizer Behörden geht, hat Rumänien ein großes Fanproblem. Der Sicherheitsapparat rüstet sich für angekündigte Hooligans. Bislang sind die rumänischen Hools aber meist nur bei Derbys in Erscheinung getreten: etwa wenn in Bukarest Steaua gegen Dinamo spielt. Dann allerdings sind Massenschlachten vor und im Stadion angesagt.Der Besitzer von Steaua Bukarest, Gigi Becali, hat sich auch zur Lösung des Gewaltproblems eine originelle Idee einfallen lassen: Er hat Songs wie «We will rock you» im Stadion untersagt und lässt stattdessen religiöse Musik laufen. «Wer Teufelsmusik hören will, sollte nicht in mein Stadion kommen», lautet die Begründung. Nennenswerte Erfolge konnten noch nicht erreicht werden: Beim letzten Steaua-Dinamo-Derby wurden 434 Fans festgenommen.
Stadien
Das Stadionul Ghencea ist die Heimstätte von Steaua Bukarest und es ist ein reines Fußballstadion mit bemerkenswerter, soll heißen: Heimmannschaft freundlicher Akustik. Zurzeit fasst es nur 28.000 Zuschauer, aber Klubbesitzer Gigi Becali will es auf bis zu 60.000 Plätze vergrößern lassen. Aus der Zeit, als Steaua noch der Armeesportverein war, gehört das Ghencea noch dem Verteidigungsministerium.In den Neunzigern wurde das Ghencea auf Uefa-Standards modernisiert. Während des Umbaus spielte der Klub im ungeliebten Lia Manoliu, dem Nationalstadion, das mit 60.000 Plätzen auch die größte Arena des Landes ist. Doch im November 2007 fand zum letzten Mal im Lia Manoliu ein Spiel statt – es wird nun abgerissen und durch ein komplett neues ersetzt.
Im Stadionul Dinamo werden die Heimspiele von Dinamo Bukarest ausgetragen. Es fasst nur 15.000 Fans und galt lange als baufällig. Vor sieben Jahren wurde es gründlich modernisiert.
Für das Web ediert von Martin Krauss