EM-Spezial Teil 2 - Tschechien:
„Cesi, do toho!“
27. Mrz 2008 11:27, ergänzt 31. Mrz 2008 11:07
 |  Geheimfavorit Tschechien | Foto: dpa |
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16 Länder nehmen an der Europameisterschaft im Juni in der Schweiz und in Österreich teil. Wir stellen jedes Land vor: seine fußballerischen Fähigkeiten, seine Fans, seine Helden und seine Stadien.
Im Juni findet es statt, das Schaulaufen der europäischen Nationen in kurzen Hosen und auf grünem Rasen. Die Netzeitung stellt die Teilnehmer der Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz vor.Dieses Mal: Mitfavorit Tschechien (Gruppe A zusammen mit Gastgeber Schweiz, Portugal und der Türkei). Lesen Sie am Donnerstag, 3. April unser Porträt des Mitfavoriten Portugal: «Vamos la Portugal»
Tschechien in der Fußballwelt
Der tschechische Fußball ist und war stets besser als sein Ruf bei den eigenen Leuten. Während die Nationalelf auf Platz sechs der Fifa-Weltrangliste rangiert, besser als Frankreich, Portugal oder die Niederlande, werden die Spiele der heimischen Gambrinus-Liga im Schnitt von gerade 4.000 Fans besucht.Der tschechische Volkssport ist Eishockey, daran ändern auch zwei Fußball-Vize-Weltmeisterschaften (1934 und 1962), ein Europameister- (1976) und ein Vize-Europameistertitel (1996) nichts. Über den Olympiasieg des CSSR-Teams 1980 heißt es auf der Website des Böhmisch-Mährische Fußballverbands, das Finale „Deutschland – Tschechoslowakei“ habe 0:1 für die CSSR geendet – gemeint ist die DDR, Westdeutschland boykottierte die Spiele in Moskau.
Der tschechische Fußball ist formal und sportlich Nachfolger des bis 1993 existierenden tschechoslowakischen Fußballs. Die abgespaltene Slowakei teilt mit den Tschechen die Liebe zum Eishockey, aber nicht die Fußballerfolge. Im Rahmen der WM-Qualifikation gewann das Team von Karol Brückner im November über die Slowakei mit 3:1. Zuvor hatte es in München gegen Deutschland mit 0:3 verloren.
Klubs
Wenn es nicht gerade statistische Ausreißer gibt, wird der tschechische Fußball von den Klubs aus der Hauptstadt Prag dominiert. Und hier sind es vor allem Sparta Prag und Slavia Prag, die prägend wirken.Sparta ist amtierender Meister und Pokalsieger, und er gilt als der reichste Klub im Land. In den achtziger und frühen neunziger Jahren konnte Sparta mit Siegen über den FC Barcelona, Dynamo Kiew und Benfica Lissabon auch in der Champions League auftrumpfen, aber diese Zeiten liegen zurück. «Je erfolgreicher der tschechische Fußball, besonders der von Sparta, desto größer ist der folgende Exodus der Spieler ins Ausland», schreibt Florian Ruhland, Experte in Sachen tschechischer Fußball.
Spartas Konkurrent Slavia war vor zwölf Jahren zuletzt tschechischer Meister, und auch der letzte Pokalerfolg im Jahr 2002 liegt schon eine Weile zurück. Und die anderen Prager Erstligisten, Bohemians und Zizkov konnten ohnehin in den letzten Jahren nicht prägend eingreifen. Noch weniger gelang das dem früheren Spitzenklub Dukla Prag. Der zog 1997 aus der Hauptstadt fort und nennt sich jetzt FK Marila Pribram. Erfolge feierten hingegen die Nicht-Prager-Klubs Banik Ostrau und Slovan Liberec, die in den letzten Jahren eine bzw. zwei Meisterschaften gewinnen konnten.
Helden
Mit den Helden des tschechischen Fußballs verhält es sich ähnlich wie mit dem gesamten Fußball: In der Welt weltberühmt, in Tschechien kaum wahrgenommen: Petr Cech beispielsweise, Torwart des Chelsea FC und international einer der besten seines Berufs, verließ 2002 Sparta Prag, um im Ausland zu spielen. Seither ist er in Tschechien nur noch eine den Fußballfans bekannte Persönlichkeit. Ähnlich ergeht es den aus Bundesliga bekannten Spielern wie Tomas Galasek und Jan Koller (Nürnberg), David Jarolim (Hamburg) oder Tomas Rosicky (früher Dortmund, jetzt FC Arsenal).
Dabei ist Tschechien auch in früheren Jahren nicht arm an Fußballhelden gewesen. Josef Masopust, zum tschechischen Spieler des 20. Jahrhunderts gewählt, führte die Nationalelf beinah alleine ins Finale der WM 1962 – und wurde damals auch Europas Fußballer des Jahres. Oder der in Deutschland noch gut bekannte Antonin Panenka, der mit einem obercool geschlenzten Elfmeter 1996 den EM-Titel sicherte – nachdem Uli Hoeneß im Elfmeterschießen vorher verschossen hatte.
Fans
Die mangelnde Aufmerksamkeit im Lande für die nationale Liga bedeutet auch, dass das Fanproblem, das Tschechien hat, aus fehlenden Fans besteht. Als 2002 Fans von Bohemians am letzten Spieltag einen Linienrichter verprügelten, war das vor allem deswegen ein Schock, weil man es nicht kannte. «Ausschreitungen sind im Prager Fußball nicht die Regel», sagt Florian Ruhland, «Ruhe prägt vielmehr meist die Stimmung in den Stadien.»
Als Beispiel führt er die Fans von Zizkov an: «Man fragt sich Sonntags vormittags», wenn der Klub traditionell seine Heimspiele austrägt, «ob all die Männer, die sich ins Stadion geschleppt haben, noch oder schon wieder betrunken sind. Traurige Gestalten, denen bloß ihr sonntägliches Palaver direkt am Zaun hinter dem Tor geblieben ist.»
Stadien
Am schönsten ist das Grübchen, das Dolicek. Es ist das Heimstadion von Bohemians Prag. 6.000 Fans passen da rein, und entsprechend voll wirkt das Grübchen auch bei durchschnittlichem Besuch. Sparta Prag hingegen spielt in der Axa-Arena, die bis 2007 noch Toyota-Arena hieß und bei Fans als Stadion Letna bekannt ist. Es gehört nicht mehr zu den modernsten Arenen und wurde 1994, nicht ganz legal, modernisiert. Bald soll an seiner Stelle ein großes Nationalstadion entstehen.
Die Geschäftsstelle von Sparta findet sich aber auf dem Gelände des Strahov-Stadions, das ob seiner Größe sogar einen Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde hat: Mehr als sechs Hektar groß ist es, zu CSSR-Zeiten passten 220.000 Zuschauer hinein, und damit war es das größte Stadion der Welt. Für großen Sport wird es heute nicht mehr genutzt, acht Trainingsplätze finden sich hier.
Nicht überall geht es aber so frühschoppenselig zu wie bei Zizkov. Gerade Sparta hat einen sehr aktiven Ultra-Anhang, der seinen Klub auch zu Champions-League-Spielen begleitet. (nz)
Für das Web ediert von Martin Krauss