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Erlebnisse rund ums EM-Finale: 

So sieht Silber aus, schalalalala!

30. Jun 2008 14:29, ergänzt 18:52
Ver-lo-ren - oh, oh! Ver-lor-en - oh, oh, oh, oh!
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Spanier in schwarz-rot-gold, neue Bushaltestellen in Berlin und ein Pförtner, der alles nur per Radio mitbekam: Die Mitarbeiter der Netzeitung berichten von ihrer EM-Finalnacht. Ein Panorama.

Berlin hat vorübergehend eine neue Bushaltestelle bekommen. «Hält der Bus 'Fanmeile'», fragt ein arabisch wirkender Jugendlicher den Busfahrer. «Ja», ist die Antwort.

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Nachbarschaftszentrum in der Kreuzberger Urbanstraße, Public Viewing ist aufgebaut, es versammelt sich das, was man gerne den grünen Mittelstand nennt: Kleinfamilien mit Fünfziger-Jahre-Kinderwägen. Die Hymnen werden gespielt: Von den etwa 500 Anwesenden erheben sich gerade mal zwei.

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Die zweite Halbzeit beginnt. Der Bus M 200 ist genauso leer wie die Straßen im Berliner Zentrum. Der Busfahrer hat die Spätschicht des Finalabends erwischt und muss völlig ohne Fußball auskommen. «Job ist Job, und das Nachspiel erlebe ich ja dann hier», sagt er und weist auf die Straßen vor sich.

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Berlin-Alexanderplatz. Den Sicherheitsmann im Foyer des Verlagshauses haben nette Redakteure mit einem Miniradio ausgestattet. Der Mann hat was von einer Verletzung Ballacks mitbekommen, doch wirklich Bescheid weiß er nicht, was ihm sichtlich peinlich ist: «Im Fernsehen sieht man wenigstens, was los ist», sagt er und weist auf das Radio. «Aber hier muss man sich drauf verlassen, was der einem erzählt» Das Tor für Spanien war bereits gefallen.

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Sie sind ausgeflippt vor Freude
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Vor einer Kneipe mitten in Berlin. Er kann kaum still halten, während des ganzen Spiels nicht. Der junge Mann in der kurzen Hose sitzt direkt vor der Leinwand, draußen vor der Kneipe. Hinter ihm drängen sich die Stühle dicht an dicht. Die Menge schweigt gespannt. Er meckert und meckert. «Der blinde Schiedsrichter! Die lahmen Deutschen!» Er schreit. «Pass doch nach links! Beugt sich nach vorne. Siehst du den denn nicht!» Lehnt sich zurück. Seine Freundin legt ihm immer wieder beruhigend die Hand auf den Arm. Die anderen machen schon Witze über ihn. Ihr ist es ein bisschen peinlich. Nach dem Schlusspfiff fällt er still in sich zusammen. «Naja», sagt er nur etwas trotzig, «Weltmeister ist eh viel schöner.» Und hofft auf die WM 2010.

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Sonntagabend, Heimfahrt aus der Nähe von Cottbus nach Berlin. Vor der Auffahrt auf die Autobahn wetten wir: Alles leergefegt, wegen des Finales? Oder der gleiche Verkehr wie immer. Der Gewinner bekommt eine Limo. A 13, Auffahrt Vetschau, 21.38 – es sieht gut aus. Alles voller Autos, 1:0 für mich. Wenig später, Einfahrt nach Berlin über Adlergestell, Richtung Kreuzberg: Die Straßen sind wie leergefegt. Um 22:14 entscheiden wir uns also für ein gerechtes Unentschieden: Es steht 1:1 – jeder bekommt eine Limo.

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Auf der
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Berlin-Mitte, kurz Ende der ersten Halbzeit. Verzweifelte Menschen bangen in Restaurants und Kneipen vor den Bildschirmen, Deutschland liegt gegen Spanien mit 0:1 zurück. Auf dem Bürgersteig hockt derweil ein alter Mann, der aussieht wie aus einem «Asterix»-Heft entsprungen: Langer weißer Bart, flatternde Toga, schwere Stiefel. Es ist der Mann mit der Tröte, ein echtes «Berlin Mitte»-Faktotum – er zieht umher, beschenkt die Leute, die draußen sitzen, mit Blumen oder lässt sie auf seine Hupe drücken, natürlich nur gegen eine kleine Spende. Heute jedoch ist er schlecht gelaunt, weil das Geschäft so schlecht läuft. Laut schimpft er auf Polnisch vor sich hin. Zwei Worte sind deutlich zu verstehen, «Kurwa» (Sch... auf Polnisch) und «Gehirnwäsche». Na, da hat aber einer so gar keine Lust auf’s «Sommermärchen 2008».

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23:10: Über die Kreuzung im Prenzlauer Berg fahren einige Minuten lang keine Autos mehr. Stattdessen stehen dort Fans in Deutschland-Trikots, singen und blockieren die Straße. Sie haben sich einen neuen Slogan ausgedacht: «So sieht Silber aus, Schallalalalala.»

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Rot, gelb und noch mal rot: Die Farben der Nacht
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Im Wrangelkiez in Kreuzberg: viele Menschen auf der Straße, alle auf dem Heimweg, alle sehr ruhig. Kein Jubeln, kein Autokorso. In Treptow vor der Arena: noch mehr Fahrradfahrer und Fußgänger, kaum ein Wort zu hören. Dann in Neukölln, auf der Elsenstraße: Die Bürgersteige ganz leer – bis auf drei Männer, einer trägt eine große Spanien-Fahne wie ein Segel in seinen ausgestreckten Armen – die drei rufen: «Olé, olé, olé, olé! Viva Espana!»

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2.30 Uhr, Berlin, Tramstation Hackescher Markt. Eine Frau telefoniert auf Spanisch. Als sie die Blicke einer Gruppe Rheinländer gewahr wird, unterbricht sie ihr Gespräch und johlt «Spanien, Spanien, Espana, Espana!» Sie trägt zu einem schwarzen Kurzrock ein Top in rot-gelb - eine wandelnde Deutschlandflagge.

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Mit Kindern ein EM-Finale zu sehen, erhöht den Reiz einer solchen Veranstaltung. Da ist die Aufregung der Eltern, die sich ungefiltert auf die Kinder überträgt, sich in den kleinen Körpern noch einmal steigert und aus ihnen in einer Form ausbricht, die Erwachsene nicht draufhaben. So war es am Sonntagabend auch bei uns. Das EM-Finale wurde mit Bionade und Chips eingeleitet, der Sohn verschlang in einer Art Übersprungshandlung unfassbare Mengen an Chips, während die Tochter, je näher der Anpfiff kam, umso mehr redete. Beide Kinder hielt es nicht auf ihren Plätzen, beide tigerten ununterbrochen durchs Wohnzimmer – von der Chipsschüssel zum Sessel, zurück zum Tisch, zum Sofa, hoch und runter, hin und her.

Wir Erwachsenen glauben, man müsse Anspannung unter Kontrolle bringen oder zumindest kanalisieren. Man trinkt etwas mehr, ist – je nach Temperament – wortreicher oder wortkarger als sonst und hockt völlig verspannt im Sessel oder auf dem Sofa. Am nächsten Tag geht es einem dann schlecht. Der Kopf dröhnt von zuviel Bier, die Schultern schmerzen und die Wucht der Niederlage drückt auch alle anderen Körperteile herab. Den Kindern dagegen geht es besser denn je. Der eine schlief gegen Ende der ersten, die andere drei Minuten vor Ablauf der zweiten Halbzeit erschöpft auf dem Sofa ein.

Sie haben die Niederlage nicht mitbekommen, und am nächsten Morgen angesichts eines schönen Frühstücks und dem Ausblick auf einen sonnigen Tag von ihr zu erfahren, ist in jenem Moment etwa so bedeutungsvoll wie der Auftaktsieg Deutschlands gegen Irland in der EM-Qualifikationsrunde für spanische Fans nach dem gewonnenen Finale. Das ist es, was wir Erwachsenen noch lernen können. (nz)

 
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