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Wenn Kreuzberg feiert: 

Richtig Lärm machen können nur die Türken

26. Jun 2008 03:54, ergänzt 11:28
Fans am Abend in Berlin
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In Berlin-Kreuzberg, wo Türken und Deutsche eng beieinander leben, sind nur die Türken wirklich zu hören. Ballacks Anhänger dachten nach dem Schlusspfiff des gewonnenen Halbfinales wohl schon ans Endspiel. Die Türken feierten unterdessen den Sieg ihrer Gegner.

In der Hauptstadt, wo 200.000 Deutsch-Türken leben, konnten sich viele damit trösten, dass nun wenigstens eine «ihrer» Mannschaften im Endspiel steht. Die Türkei hat den Einzug ins Finale verpasst. Nach dem Abpfiffjubel zu hören sind aber weithin vor allem – die Türken.

Das Fußball-Publikum aus den nahen Straßencafés hat die Leinwände verlassen und die Kreuzung am Görlitzer Bahnhof in Berlin-Kreuzberg besetzt. Zwischen wartenden Autos johlt, grölt und ruft es. Fahnen wehen, Arme strecken Bierflaschen in Siegergeste in die Luft – und die Autos hupen dazu. «Deutschland, Deeeeeeutschland», übertönen zwei Jugendliche mit türkischen Flaggen über den Schultern den Feierlärm. Mädchen in rot-weißen T-Shirts tanzen.

Das Land, das ihre Großväter anheuerte, hat wieder einmal gezeigt, dass es besser ist als die Türkei. Es gibt gute Arbeit, es baut gute Autos, es trennt seinen Müll. Doch nicht alles gelingt hier besser als in der Heimat, hatte der vielleicht neunjährige Stöpsel in der ersten Reihe vor der Fußball-Leinwand erkannt: «Es gibt etwas, das die Deutschen nicht können: Lärm machen», stellte der Junge trocken fest, nachdem die Deutschen in Führung gingen und kaum was zu hören war – zumindest nach Ansicht des türkischen Publikums.

«Deutschland Goal»

Keineswegs selbstverständlich war an diesem Abend, dass Türken für die Türkei und Deutsche für Deutschland fiebern. Gerade in Berlin-Kreuzberg, wo man eng beieinander lebt, mischen sich die Sympathien. «Vor Wien» heißt das Café am Görlitzer Bahnhof. Unter Ahornbäumen sitzt das Kreuzberger Publikum - Studenten und anderes Jungvolk, einige Ältere - auf Stühlen, Bänken und Ledersesseln. «Ich bin für beide Mannschaften», sagt einer. «Die Freundschaft soll gewinnen.» Man ist auf Augenhöhe.

So liegen die Vorlieben über Kreuz: «Deutschland Goal, Deutschland Goal», schreit die deutsch-türkische Kellnerin in einer Straßenkneipe am Görlitzer Park. Hier überwiegt die Farbe rot, die Leute tragen aber auch lange Röcke und Nasenpiercings. Es gibt Bier in Plastikbechern. Großmütter sind da, eine Kinderschar drängt sich direkt vor der aufgestellten Leinwand. «Weil die Nationalmannschaft spielt», sei habe sie sich hierher aufgemacht, sagt Arife Aksoy, eine ältere Dame mit Kopftuch. Normalerweise sei sie kein Fußballanhänger. «Türkiye, Türkiye», skandieren die Kinder, was ihre Stimmen hergeben, der Rest der Gäste stimmt ein. Da fällt das 1:0 - für die Türkei. Frenetischer Jubel - wer nicht schon steht, springt auf. Man umarmt einander, klatscht, schwenkt Fahnen.

Geschäft auf der Fanmeile

Eine Straßenecke weiter, an «Toros Pizza-Pasta-Salat», ist es ruhiger. Überwiegend Deutsche sitzen und stehen um die Leinwand. Für die größte Aufregung sorgt der Bildausfall – eine Strompanne in Wien hatte die Übertragung aus Basel mehrfach unterbrochen. Schnell war ein Hinweis eingeblendet, nach einigen Wartesekunden berichtete ein Radiomoderator weiter, was auf dem Feld in Basel geschah. Im «Shisha», einem Tabak- und Getränkeshop, hängen die deutsche und türkische Flagge zwischen den Bäumen. Ein Mann sammelt leere Flaschen in eine Lidl-Tüte.

Dennis steht am Rande der Menschentraube und hofft auf den Finalenzug der Deutschen. Dann will er bis Sonntag schnell Schmuck basteln, den er zum Finale auf der Fanmeile verkaufen kann. Der junge Mann mit dem krausen Haar kann auf ein gutes Geschäft hoffen. Sein Vater ist aus Ghana, das Anfertigen von Schmuck hat Dennis in Südamerika gelernt. Der rot-weißen Elf bescheinigt er eine respektable Leistung. «Die Türken haben immer wieder überrascht.» Da fällt der Ausgleichstreffer - 2:2. Am Ende siegten die Deutschen.

Viele hatten Angst, dass die Fanfeste in Randale enden könnten. «Fair Play» hatte sich die Kellnerin am Görlitzer Park in Rot auf den Oberarm geschrieben. Die Sorgen waren unbegründet. Zwischenfälle gab es in der Hauptstadt nicht. Die Polizei bezeichnete die Stimmung als «sehr ausgelassen und sehr friedlich».

 
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