Türkischer Fußball:
Von Anatolien bis Zetsche: Ein Glossar
25.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Besiktas Istanbul: Einer der üç büyük, der drei großen Istanbuler Klubs. Gegründet 1903, gilt der Verein eher als Arbeiterklub. Dient Christoph Daum 2001 nach seiner Drogenaffäre als Zufluchtsort.
Derwall, Jupp, (1927-2007): Trainer. Hierzulande verkannt, in der Türkei verehrt. Führt die DFB-Elf 1980 zum EM-Titel, muss aber nach dem EM-Aus 1984 als Bundestrainer gehen. Modernisiert danach als Coach von Galatasaray dort die Trainingsarbeit und damit den ganzen türkischen Fußball. Sein Libero Fatih Terim nennt Derwall nach dessen Tod einen «Gentlemen und Humanisten».
Dogan, Mustafa: ehemaliger Profi von Bayer Uerdingen, Fenerbahce, Köln und Besiktas, aufgewachsen in Duisburg-Rheinhausen, debütiert 1999 als erster Nationalspieler mit türkischen Wurzeln im DFB-Team. Sein Aus nach dem zweiten Einsatz gilt vielen deutsch-türkischen Spielern als abschreckendes Beispiel für die mangelnde Offenheit beim DFB.
Europabüro: 1998 gegründete Scouting-Stelle des türkischen Fußballverbandes, um die Kinder der Auswanderer für die türkische Nationalelf zu sichern. Beispiele: Ümit Davala (geboren in Mannheim, WM-Dritter 2002), Yildiray Bastürk (geboren in Herne, WM-Dritter 2002), Hamit und Halil Altintop (geboren in Gelsenkirchen). Das Ziel umschrieb der ehemalige Chefscout und frühere Bundesligaprofi Erdal Keser einmal so: «Disziplin und Herz - Wir müssen das Beste aus beiden Kulturen vereinen.»
Fenerbahce Istanbul: 1907 im asiatischen Teil der Stadt gegründeter Fußballklub. Verdankt dem deutschen Coach Werner Lorant den höchsten Sieg gegen Galatasaray (6:0 im Jahr 2002). Fühlt sich Republikgründer Kemal Atatürk eng verbunden. Laut Legende waren 1923 auf Feners Klubgelände Waffen für Atatürks Aufstand versteckt.
Galatasaray Istanbul: Gegründet 1905 von Schülern eines Elitegymnasiums im europäischen Teil der Stadt gilt der Verein als Klub des Bürgertums. Holt 2000 den Uefa-Cup und damit als erster türkischer Klub einen europäischen Titel. Das pathetische Vereinsmotto lautet: «Um zusammen zu spielen wie Engländer, um eine Farbe und einen Namen zu tragen und um die nichttürkischen Teams zu schlagen.»
Istikal Marsi, türkische Nationalhymne: «Fürchte Dich nicht! Unauslöschbar ist die türkische Fahne in dieser Dämmerung/Ununterbrochen raucht das allerletzte Herdfeuer über meiner Heimat/Dieses ist der Stern meines Volkes, es wird leuchten!/Mein ist es, allen meinem Volk gehört es!»
Keskinler, Gül: deutsch-türkische Integrationsbeauftragte des DFB.
Milli Takim, türkisch für Nationalelf. Die größten Erfolge bisher: WM-Teilnahme 1954 (Aus nach einem 2:7 gegen Deutschland), WM-Dritter 2002, EM-Teilnahme 1996, 2000, 2008 Vorstoß bis ins Halbfinale.
Piontek, Sepp: deutscher Fußballprofi und Trainer, führt zwischen 1979 und 1990 zunächst Dänemark an die Weltspitze heran und begründet zwischen 1990 und 1993 als Nationalcoach der Türkei den Aufstieg des türkischen Fußballs. Zu seinem U21-Trainer machte Piontek einen gewissen Fatih Terim. Sein politisches Fazit: «Fußballspiele, zumal internationale, bekommen oft Stellvertreterfunktionen für die empfundenen Niederlagen nach dem Ersten Weltkrieg.»
Terim, Fatih: türkischer Nationaltrainer. Der Sohn eines Moscheedieners macht als Libero von Galatasaray Karriere, als Coach führt er den Klub 2000 zum Uefa-Cup-Sieg und die türkische Nationalelf 2008 ins EM-Halbfinale. Als Patriot sagt er: «Ich bin gegen die Europäisierung. Lasst uns nehmen, was gut und schön ist, aber die Europäisierung aller Aspekte unseres Lebens bedeutet keine Modernisierung.» Immerhin pragmatisch genug, den guten und schönen Brasilianer Marco Aurelio ins Nationalteam zu holen.
Ulusoy, Haluk: Seit 1997 Verbandspräsident des türkischen Fußballverbandes TTF und Unternehmer (u.a. Generalvertreter für Mercedes Benz in der Türkei). Musste sein Amt auf Druck der regierenden AKP 2004 vorübergehend niederlegen.
Yeni-Turkler: dt. Neu-Türken, eingebürgerte Stars wie der Brasilianer Marco Aurelio, der bei der EM als Mehmet Aurelio aufläuft. Um seine Einbürgerung gab es heftige Debatten, Turco Marco aber überzeugt durch Leistung. Laut Gesetz kann einen türkischen Pass beantragen, wer fünf Jahre im Land lebt und arbeitet. Erfolgreich sind der französische Ex-Nationalspieler Didier Six (Six Dündar) und der deutsche Keeper Detlef Müller (Metin Mert).
Zetsche, Dieter: In Istanbul geborener Chef des Daimler-Konzerns. Gibt den deutschen und türkischen Arbeitern in den Werken hierzulande heute Abend halbfinalfrei.
Dieses Glossar hat die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung aus der «Berliner Zeitung» übernommen.

