Tagesthema Deutschland-Türkei: 

netzeitung.deDeutschen Türken ist der Sieger egal

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Zeichen der Verbundenheit: Kiosk-Betreiberin Füsun Kesbic aus Berlin hat die Flaggen verknotet (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Zeichen der Verbundenheit: Kiosk-Betreiberin Füsun Kesbic aus Berlin hat die Flaggen verknotet
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Zur Fußball-WM 2006 waren alle deutschen Türken Deutsche. Vor und während des EM-Halbfinales Türkei gegen Deutschland werden sie für die rotweiße Elf fiebern und nach dem Spiel den Sieger feiern - egal, wer mit mehr Toren vom Platz geht.

Taciddin Yatkin wird den Mittwochabend in einer Location in Berlin-Kreuzberg verbringen. Der Präsident der Türkischen Gemeinde in Deutschland hat sich mit Freunden in der Xpress Lounge verabredet, um auf einer Großleinwand den Kampf der türkischen gegen die deutsche Nationalelf im Stadion des Baseler St. Jakob-Parks zu verfolgen. Wenn das Team der Rot-Weißen sich mit den Schwarz-Weißen duelliert, hoffen in dem Berliner Szenetreff knapp 80 Berliner, darunter Türken wie Deutsche, auf den Sieg. Die Frage ist nur: Auf den Sieg welchen Teams.

Schon einmal stand diese Frage, als Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft von 2006 ausrichtete. Das Turnier war in einer speziellen Hinsicht ein Sommermärchen, ein Nationen-Phänomen. Das türkische Team fehlte auf der Teilnehmerliste, entsprechend weit weg war es aus den Köpfen der in Deutschland lebenden Türken.

«Tooor» brüllte es auch in türkischen Cafés, an Dönerbuden oder Imbissen, sobald Podolski oder Klose den Ball ins Netz droschen. Damals fieberten alle für Deutschland, egal ob ihre Großmütter in Anatolien oder hierzulande zur Welt gekommen waren. Am Mittwoch ist das anders.

Am Abend wird er sich zeigen, der Unterschied zwischen Integration und Assimilation: Fiebern die in Deutschland lebenden Türken und türkischstämmigen Deutschen souverän für die Nationalelf vom Bosporus? Oder halten sie Ballack und Co. die Daumen? Cumali Kangal hat eine weise, aber ganz und gar unsportliche Antwort parat: «Ich bin für beide Mannschaften», sagt der Sprecher des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, der Netzeitung. Als Vertreter der in der Hauptstadtregion lebenden Türken will er da keinen Unterschied machen. Er kenne auch Türken, die nur für Deutschland sind, «einzelne Personen», sagt der 53-Jährige. Etwas entschiedener zeigt sich Gemeindepräsident Yatkin, nach seinen Fußball-Präferenzen befragt. «Ich bin in erster Linie für die Türkei, in zweiter Linie für Deutschland.» Die Nationen-Grenze zieht sich bei den Yatkins mitten durch die Familie. Sein 14-jähriger Sohn fiebere für Ballacks Elf, sagt der Vater.

Selbst wenn der Torjubel am Abend geteilt ausfällt, bei der Siegesfeier wird für die deutschen Türken schon wieder egal sein, wer als Sieger vom Platz geht. «Deutschkei oder Türland» - so diplomatisch sagt es der türkisch-deutsche Kabarettist Kaya Yanar. An vielen Autos weht derzeit rechts die türkische Flagge, links die deutsche. «Gleich wer gewinnt, wir sind Gewinner», sagt auch Yatkin salomonisch. «Egal, welche Mannschaft weiter kommt, unsere Mannschaft ist im Finale», ergänzt Kangal. Ihre Sympathien gelten der Mannschaft, die sich fürs Endspiel qualifiziert. In Berlin wird der Autocorso auf dem Ku'damm auch dann nicht ausfallen, wenn Deutschland die Türkei aus dem Turnier kickt.

Für das Web ediert von Tilman Steffen