Der Traum von Real:
Portugal trauert – Ronaldo pokert
20. Jun 2008 13:40, ergänzt 22:18
 |  Nach dem Spiel ist vor dem Vereinswechsel: Cristiano Ronaldo (r.) | Foto: dpa |
|
Mit Entsetzen und Ungläubigkeit hat die portugiesische Fußball-Nation die Niederlage gegen Deutschland im EM-Viertelfinale zur Kenntnis genommen. Der Star des Teams aber beschäftigt sich bereits wieder mit ganz anderen Dingen.
Während seine Mitspieler noch mit der Niederlage beschäftigt waren, eilte Weltstar Cristiano Ronaldo schon einer neuen Zukunft entgegen. Als erster Spieler der portugiesischen Mannschaft verließ er nach dem EM-Aus im Viertelfinale gegen Deutschland (2:3) im Eiltempo den Rasen. Wenig später bestätigte der 23-Jährige, Manchester United verlassen und zu Real Madrid wechseln zu wollen. «Die Chance, nach Madrid zu gehen ist groß, aber es hängt nicht von mir ab.» Ronaldo ließ aber in Basel keinen Zweifel daran, ein «Königlicher» zu werden. «Es ist ein Traum, ein Schritt nach vorn.»
Trotz der angeblichen 100-Millionen-Euro-Offerte der Madrilenen für Ronaldo ist es ungewiss, ob er überhaupt wechseln darf. Schließlich setzte Manchester am Freitag auf der Website ein deutliches Stoppzeichen: «Not for sale» - unverkäuflich, lautete die Botschaft zum Transfer-Poker. Schließlich hatte Ronaldo «ManU» mit insgesamt 42 Toren zur nationalen Meisterschaft und zum Champions-League-Triumph geschossen.
Erholung in der Sommerpause
Diese Extraklasse blieb der Ausnahmekönner aber ausgerechnet im Duell mit Deutschland, in dem der Kampf über die Kunst triumphierte, schuldig. «Ronaldo stand wie neben sich. Er hat sich ohne Glanz von der EM verabschiedet», kritisierte die portugiesische Zeitung «Diário de Notícias». Allerdings war er gehandicapt durch Schmerzen im linken Fuß, eine baldige Operation soll Abhilfe schaffen. «Es ist ein kleines Problem in meinem Fuß. Das habe ich schon drei Monate, aber jetzt habe ich Zeit zur Erholung», sagte Ronaldo. Das Gerangel um seinen Wechsel und das kleine Wehwehchen beschäftigten ihn mehr, als die Niederlage. «Schade, dass wir verloren haben», sagt er nur.
Scolaris trauriger Abgang
Schmerzlich war der EM-K.o. für den scheidenden Trainer Luiz Felipe Scolari. «Ich bin frustriert. Ich habe versagt, weil wir unser Ziel, unter die besten Vier zu kommen, nicht erreicht haben», sagte der 59 Jahre alte künftige Chefcoach vom FC Chelsea und benannte die Gründe für das Scheitern: «Bei den Standards haben wir Fehler gemacht, wir waren insgesamt nicht aufmerksam genug.» Dass er mitten in der EM seinen Wechsel nach England ankündigte, hätte keinen negativen Effekt gehabt: «Wir hätten auch so verloren.» Nach fünfeinhalb Jahren als Nationaltrainer, in denen der Brasilianer Portugal 2004 ins EM-Finale und 2006 ins WM-Halbfinale führte, verlässt er seine Wahlheimat mit Wehmut. «Das Land und die Nationalmannschaft haben ein Platz in meinem Herzen gefunden», sagte Scolari und fügte hinzu: «Vielleicht werde ich irgendwann einmal zurückkehren.» Die Sportzeitung «Record» fürchtet, dass mit seinem Weggang auch der Erfolg schwinden wird. «Ende eines goldenen Zeitalters», titelte das Blatt.
Ausscheiden nicht eingeplant
Nach den brillanten Vorrunden-Siegen gegen die Türkei (2:0) und Tschechien (3:1) sowie den zuvor wenig überzeugenden Leistungen der deutschen Elf hatten die Portugiesen eine Niederlage überhaupt nicht auf der Rechnung. «Niemand von uns hat nur einen Augenblick mit dem Ausscheiden gerechnet», bekannte Stürmer Nuno Gomes, der mit dem Tor zum 1:2 (40. Minute) seinem Team noch Hoffnung gegeben hatte. «Ich hätte lieber kein Tor geschossen und wäre im Halbfinale», sagte er. Auch Spielmacher Deco war untröstlich: «Diese Niederlage tut weh.» Entsetzen herrschte auch in der Heimat. «Was für eine Enttäuschung!» klagte die Zeitung «Publico». Deutschland sei wie eine Maschine, die nicht versagt. «Portugal versagt dagegen in den entscheidenden Momenten.» Für «A Bola» war es «ein trauriger Fado» (melancholischer Gesang), den die «Seleccao» spielte. (dpa/nz)