Tagesthema Anstoß zur Finalrunde:
Eine Euro ohne Stars
19.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Michael Ballack hat ein exzellentes Freistoßtor gegen Österreich geschossen, ansonsten ist er bei dieser Euro ein guter, aber kein sehr guter Mann im offensiven Mittelfeld. Cristiano Ronaldo, der als derzeit bester Fußballer der Welt gilt, findet sich mit einem Treffer neben ganz vielen weniger hoch gehandelten Berufskollegen in der Torjägerliste. Und auf dem Platz gilt für ihn, was auch für Ballack oder seinen Mannschaftskollegen Deco gilt: Gut, gewiss, aber nicht überragend.
Auch ein wirklich erfolgreicher Spieler, wie der vom Kicker als niederländischer Superstar ausgerufene Ruud van Nistelrooy erlebt gerade, dass nicht er es ist, der aus dem Kollektiv hervorragt, sondern es erst die offensive Ausrichtung seiner Mannschaft es ihm ermöglicht, zu glänzen übrigens auch erst mit einem Treffer.
Das ist es, was die Nationalmannschaften den ansonsten spielerisch überlegenen Klubs voraus haben: Sie haben es nicht nötig, Superstars zu kreieren, denn hier muss sich keine Ablösesumme wieder einspielen, und es besteht auch für eine Verbandsauswahl kein Anlass, mit Hilfe eines ausländischen Superstars fremde Fernseh- oder Merchandisingmärkte zu erobern.
Zwar hat sich Griechenland mit gerade mal einem Tor und definitiv ohne einen Spieler, den man ohne vor Scham zu stottern als Superstar bezeichnen könnte aus dem Turnier verabschiedet, aber dafür darf oder muss man sich also auf den fußballerischen Leckerbissen Kroatien-Türkei im Viertelfinale freuen. Das hat zwingend zur Folge, dass eines dieser zwei Teams im Halbfinale steht, mithin, wie man so schön sagt, schon ein Bein im Finale hat. Soll das die Zukunft des Fußballs sein?
Ein Trend für die weitere Entwicklung des Fußballs ist das nicht, nur einer für die Entwicklung des Nationalmannschaftsfußballs. Das Land, das die beste Liga der Welt stellt, England, ist mit seiner Nationalmannschaft nicht bei der Euro vertreten. Die Stars der Premier League aber laufen sehr wohl auf. Doch eine Veranstaltung, bei der ein mehrere Millionen Euro im Jahr verdienender Star wenig Geld nach Hause tragen kann und zudem noch nicht mal als großer Held glänzen kann, ist für Spitzenspieler bald nicht mehr attraktiv.
Dass sie zu einem Kontinentalturnier wie der Europameisterschaft deswegen anreisen, weil sie halt zu einer Nation gehören, wird nicht lange so bleiben. Das könnte Europa vom Africa Cup of Nations lernen. Die großen Stars bleiben schon lange lieber bei ihren Klubs, statt sich für die Ehre der Nation zu treten.

