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Tagesthema Anstoß zur Finalrunde: 

Eine Euro ohne Stars

19. Jun 2008 10:30
Superstar mit demütigem Blick: Cristiano Ronaldo glänzt nicht so, wie er will
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Die Hälfte der Teams muss abreisen, die Halbzeitbilanz der Europameisterschaft kann gezogen werden: Vor allem fehlen die Stars. Wer als Supermann angekündigt wurde, kann nur als Teamplayer punkten. Ein ganz besonderer Trend, findet Martin Krauß.

Die für die Zukunft des Fußballs vielleicht wichtigste Meldung kommt gar nicht aus der Schweiz oder Österreich: Der FC Barcelona trennt sich unter anderem von Deco. Noch hat der Mittelfeldstar die Chance, mit Portugal Europameister zu werden, aber den neuen Barca-Coach Josep Guardiola schert das nicht. Den portugiesischen Star kann er genauso wenig brauchen wie den Brasilianer Ronaldinho und den Kameruner Samuel Eto’o.

Der wahre Star: gut, aber nicht sehr gut

Stars haben nichts zu melden, das ist die Botschaft der bisherigen Europameisterschaft. Und wenn es stimmt, dass große Turniere wie Welt- und Europameisterschaften Hinweise auf neue Entwicklungen im Fußball geben, dann ist es diese: Stars sind vielleicht für die Vermarktung von Klubs, die als Konzerne geführt werden, wichtig. Aber wenn erfolgreich Fußball gespielt werden soll, haben sie sich gefälligst einzureihen.

Michael Ballack hat ein exzellentes Freistoßtor gegen Österreich geschossen, ansonsten ist er bei dieser Euro ein guter, aber kein sehr guter Mann im offensiven Mittelfeld. Cristiano Ronaldo, der als derzeit bester Fußballer der Welt gilt, findet sich mit einem Treffer neben ganz vielen weniger hoch gehandelten Berufskollegen in der Torjägerliste. Und auf dem Platz gilt für ihn, was auch für Ballack oder seinen Mannschaftskollegen Deco gilt: Gut, gewiss, aber nicht überragend.

Superstars und «Superstars»

Das Fachblatt „Kicker“ hat in seinem EM-Sonderheft jedem Team einen „Superstar“ zugeordnet. Nun, nach Abschluss der Vorrunde, lohnt es, sich die dort genannten Namen einmal anzuschauen. Für Tschechien soll Torwart Petr Cech der Superstar sein – aufgefallen vor allem durch einen Patzer gegen die Türkei. Der französische Stürmer Thierry Henry galt mal als Superstar – mit nur einem Treffer muss er sich von dem Turnier abmelden. Gleiches gilt für Adrian Mutu, Superstar der Rumänen. Und nicht mal einen Treffer konnte Schwedens Superstar Zlatan Ibahimovic beisteuern – er humpelte angeschlagen und von Russland geschlagen vom Platz.

Auch ein wirklich erfolgreicher Spieler, wie der vom „Kicker“ als niederländischer Superstar ausgerufene Ruud van Nistelrooy erlebt gerade, dass nicht er es ist, der aus dem Kollektiv hervorragt, sondern es erst die offensive Ausrichtung seiner Mannschaft es ihm ermöglicht, zu glänzen – übrigens auch erst mit einem Treffer.

Das ist es, was die Nationalmannschaften den ansonsten spielerisch überlegenen Klubs voraus haben: Sie haben es nicht nötig, Superstars zu kreieren, denn hier muss sich keine Ablösesumme wieder einspielen, und es besteht auch für eine Verbandsauswahl kein Anlass, mit Hilfe eines ausländischen Superstars fremde Fernseh- oder Merchandisingmärkte zu erobern.

Von Afrika lernen

Das muss allerdings nicht gut sein für den Fußball. Was sich 2004 bei der Europameisterschaft überdeutlich anbahnte, als das von Fußballwettern nicht beachtete und von Fußballästheten nicht gemochte Griechenland alle Mannschaften rauswarf, die modernen Fußball boten, hält nämlich als Trend auch der aktuellen Euro an.

Zwar hat sich Griechenland mit gerade mal einem Tor – und definitiv ohne einen Spieler, den man ohne vor Scham zu stottern als Superstar bezeichnen könnte – aus dem Turnier verabschiedet, aber dafür darf oder muss man sich also auf den fußballerischen Leckerbissen Kroatien-Türkei im Viertelfinale freuen. Das hat zwingend zur Folge, dass eines dieser zwei Teams im Halbfinale steht, mithin, wie man so schön sagt, schon ein Bein im Finale hat. Soll das die Zukunft des Fußballs sein?

Ein Trend für die weitere Entwicklung des Fußballs ist das nicht, nur einer für die Entwicklung des Nationalmannschaftsfußballs. Das Land, das die beste Liga der Welt stellt, England, ist mit seiner Nationalmannschaft nicht bei der Euro vertreten. Die Stars der Premier League aber laufen sehr wohl auf. Doch eine Veranstaltung, bei der ein mehrere Millionen Euro im Jahr verdienender Star wenig Geld nach Hause tragen kann und zudem noch nicht mal als großer Held glänzen kann, ist für Spitzenspieler bald nicht mehr attraktiv.

Dass sie zu einem Kontinentalturnier wie der Europameisterschaft deswegen anreisen, weil sie halt zu einer Nation gehören, wird nicht lange so bleiben. Das könnte Europa vom Africa Cup of Nations lernen. Die großen Stars bleiben schon lange lieber bei ihren Klubs, statt sich für die Ehre der Nation zu treten.

 
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