Fanfrust: «Einfach drüber reden»:
Wut und Tränen helfen Dir
19. Jun 2008 11:34
 |  Die machen es richtig! Immer den Emotionen freien Lauf lassen | Foto: dpa |
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Kollektiv-Gegröle, Stürmer-Schelte und Schiedsrichter-Schimpfe – alles legitim, sagt eine Psychologin. Das soll dem niedergeschalgenen Fan helfen, den Frust abzubauen und emotionalen Explosionen vorzubeugen.
Vor Wut fließen Tränen, vor Freude ertönen ekstatische Schreie, und manchmal macht sich schlicht pure Verzweiflung breit. Bei eingefleischten Fußballfans löst die Leidenschaft im Stadion die gleichen Emotionen aus wie der heftigste Beziehungsstreit zu Hause. In der Sigmund-Freud-Stadt Wien nehmen Psychologen enttäuschte Österreich-Fans jetzt besonders Ernst. Ihr Ratschlag heißt wie bei sonstigen Liebeswirren: «einfach drüber reden».
«Die Leute, die sich nicht mitteilen und alles in sich hineinfressen sind die, die irgendwann explodieren», sagt die Wiener Psychologin und Mediatorin Henriette Wursag. Sie hat Fußballfans in ihrem Volkshochschulkurs «Wie gehe ich um mit Sieg und Niederlage meiner Mannschaft» auf große EM-Emotionen vorbereitet.
Sture Schweiger und der Schnellkochtopf
Sture Schweiger vergleicht sie mit einem Schnellkochtopf, der nie Dampf und Druck ablassen kann: «Irgendwann explodiert er zu einem ganz unpassenden Zeitpunkt.» Viel besser sei es, sich mit Geschrei der kollektiven Gruppentherapie im Stadion und vor dem Fernseher anzuschließen. Schiedsrichter-Beschimpfungen oder Stürmer-Schelte sind für die Fachfrau dann auch legitime Wege zur inneren Ausgeglichenheit: «Irgendeinen Sündenbock braucht man ja.»
 |  Tief deprimiert sind die Fans aus Österreich nach dem Tor von Ballack – schimpfen hilft | Foto: dpa |
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Inneren Katastrophe
Ob sich jemand beim Spiel normal freut und ärgert oder völlig ausrastet, hängt für die Psychologin von der Grundstimmung ab. «Wenn ich schon mit Problemen ins Stadion gehe, kann es zur inneren Katastrophe kommen», sagt sie. Besser als mit Wut auf den Chef zum Spiel zu hetzen sei es, einen kurzen Spaziergang zu machen oder vorher mit Freunden darüber zu reden. Das helfe dann auch nach dem Spiel, den Frust über eine Niederlage abzubauen.
Wie eine Gehaltserhöhung
Ein Sieg der Mannschaft wirkt sich nach Ansicht Wursags noch stärker auf den Fan aus als eine Niederlage. «Das verbuche ich als eigenes Erfolgserlebnis, als hätte ich eine Gehaltserhöhung bekommen», sagt sie. Sich nur mit einem Sieg zu identifizieren, sei ein psychologischer Schutzmechanismus - oft höre man von Menschen «wir» haben gewonnen, aber «die» haben verloren oder schlecht gespielt.
Spuren in der Volksseele
Für den Sportpsychologen Norbert Paulus vom Berufsverband österreichischer Psychologen hinterlässt das EM-Aus Österreichs keine tiefen Spuren in der Volksseele. «Wir werden ein bisschen jammern, keine Frage, aber auch nicht mehr als wir das üblicherweise tun», sagt er. Es habe keiner wirklich damit gerechnet, das Österreich gegen Deutschland siege, deshalb sei die Enttäuschung auch nicht so groß.
 |  Frust und Hilflosigkeit bei schwedischen Fans: einfach mal drüber reden | Foto: dpa |
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Schlimmer für Deutsche
Weitaus traumatischer sei ein Ausscheiden für die deutschen Fans und Fußballer: «Da bricht ein viel größeres Selbstwertgefühl zusammen.» Den Österreichern tue dagegen das Bier zu viel schon wieder mehr weh als die Niederlage, dann werde weitergefeiert. «Ich glaube nicht, dass die gute Stimmung im Land vorbei ist - wir sind einfach wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt.»
Rasenkampf als Ventil
Der Rasenkampf ist für beide Fachleute ein gutes Ventil, um Gefühle loszuwerden. «Fußball ist eine sehr urwüchsige Form, mit Konflikten umzugehen», sagt Paulus. Das Spiel habe einfache Regeln, sei weltweit für alle zugänglich, bringe die Menschen näher zusammen und gebe ihnen ein positives Gruppengefühl. «Egal ob Chef oder Portier - im Deutschland-Trikot ist jeder gleich», sagt Wursag. Für Paulus ist das Getobe auf dem Fußballplatz gar ein sozial akzeptierter Schritt zurück in die Steinzeit, deshalb seien so viele Menschen davon fasziniert: «Wir müssen sonst im Leben immer sehr brav und angepasst sein.» (Miriam Bandar, dpa)