Die Spielsysteme der Euro – 4-4-2: 

netzeitung.deLahm macht den Unterschied

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Mit schnellen Außenverteidigern wollen ambitionierte Teams wie Frankreich und Deutschland aus dem 4-4-2-System heraus für Überzahl im Mittelfeld sorgen. Von Martin Krauß

Die ganz überwiegende Zahl der Nationalmannschaften, die zur Euro in die Schweiz und nach Österreich fahren, wird sich nach dem Muster 4-4-2 auf dem Rasen positionieren. Dieses Spielsystem hat sich international durchgesetzt, nur wenige Teams spielen noch anders, etwa mit 4-4-3 oder mit 4-5-1.

Die Standardaufstellung mit zwei Stürmern, vier Mittelfeldspielern und einer Viererkette hat sich derart massiv durchgesetzt, dass man schon innerhalb des 4-4-2-Systems unterscheiden kann. Es gibt Teams, wie das deutsche von Joachim Löw oder auch wie der Vizeweltmeister Frankreich, die mit schnellen Außenverteidigern spielen. Andere Mannschaften hingegen verlagern den Job, den Sturm mit Flanken zu unterstützen, auf die Mittelfeldaußen, und lassen ihre Viererkette starr beisammen stehen.

Offensives 4-4-2 mit internationaler StarbesetzungEine Gruppe - ein System
Philipp Lahm und Marcell Jansen vom FC Bayern sind prototypische Außenverteidiger dieser Art, offensiv zu spielen. Lahm kann rechts wie links spielen, Jansen liegt links mehr. Wenn die Beiden konditionell völlig fit sind und sich hochkonzentriert dem gesamten Spielverlauf widmen, funktioniert das Spielsystem sehr gut.

Diese Spielanlage findet sich nicht nur bei Deutschland. In der gesamten Gruppe B, Deutschlands Vorrundengruppe, spielen alle Teams so. Bei Polen lässt der niederländische Trainer Leo Beenhakker die Verteidiger Grzegorz Brzonowicki und Marcin Wasilewski die Außenbahnen hoch und runterrennen, bei Kroatien und Österreich ist es ähnlich.

Kopfballstarke Innenverteidiger
Die Innenverteidiger verlassen ihre Position nur, wenn es ungefährlich ist: Zu Frei- und Eckstößen, wo lange Kerls mit Kopfballfähigkeiten gebraucht werden, dürfte man vom deutschen Team etwa Per Mertesacker vorne finden. Ähnliches gilt für den Österreicher Sebastian Prödl: ein kopfballstarker Innenverteidiger, der im Normalfall eine menschliche Wand gegen die angreifenden Stürmer zu bilden hat.

Eine große taktische Differenz lässt sich in der Gruppe B nur entlang des so genannten Sechsers festmachen: Kroatien und Österreich spielen mit einem defensiven Mittelfeldmann, der mal als Sechser, mal aber auch als Staubsauger oder Abräumer bezeichnet wird. Bei Österreich könnte sogar der so genannte Doppelsechser zum Einsatz kommen.

Frankreichs Doppelsechs
Klassisch - und unter Umständen sogar effektiver - funktioniert der Doppelsechser bei Frankreich: Claude Makalele und Patrick Viera entlasten als defensive Mittelfeldspieler die Abwehrreihe - eine Art Vorprüfung, an der schon viele Angriffswellen abprallen.

Deutschland hingegen lässt seine Mittelfeldleute von Beginn an eher offensiv agieren. Höchstens, wenn ein Philipp Lahm nicht schnell genug zurück ist, könnte Thomas Hitzlsperger aushelfen. Ähnliches verlangt Leo Beenhacker vom polnischen Mittelfeld: Vor allem den Sturm unterstützen und nur eventuell muss ein Mann wie Jakub Blaszczykowski (Borussia Dortmund) in der Viererkette aushelfen.

Modric bleibt im Mittelfeld
Die unterschiedlichen Ausrichtungen des Mittelfelds erweisen sich als bedeutsam für die Arbeit des Angriffs. Bei Polen kann Mariusz Lewandowski das tun, was man in Deutschland von Michael Ballack erhofft: Sowohl durch kluge und schnelle Pässe die Mobilität des Mittelfeldes hochhalten, als auch die Spitzen mit tiefen Pässen versorgen als auch selber in die Spitze gehen.

Soviel Offensivgeist kann sich beispielsweise Luka Modric, der kroatische Mittelfeldregisseur nicht leisten. Zwar sollen er und seine Kollegen die Sturmspitzen Ivica Olic (Hamburger SV) und Mladen Petric (Borussia Dortmund) bedienen, aber vor allem bleibt er da, wo man ihn aufgrund seiner Funktionsbestimmung vermutet: im Mittelfeld.

Mehr Zug zum Tor
In anderen Gruppen, etwa der Gruppe A, kann man die kroatische Spielanlage am ehesten mit der Tschechiens vergleichen. Tomas Galasek (1. FC Nürnberg) spielt wie auch im Verein den höchst effizienten Sechser, den man selten in der Offensive sieht. Vor ihm wird Marek Matejovsky als Vertreter des verletzten Tomas Rosicky den Modric-Part übernehmen.

Der deutsche Sturm, der vermutlich zumeist aus Miroslav Klose und Mario Gomez gebildet wird, kann und soll auch von den Außen- oder Halbaußenpositionen kommen. Das gilt für den hängenden Stürmer Michael Ballack auch, so dass je nach Spielsituation aus Jogi Löws 4-4-2-Spielsystem auch kurzfristig ein 4-3-3 werden kann.

Damit kann der deutsche Sturm, wie auch der polnische oder schwedische, ganz anders agieren als beispielsweise die französische Angriffsformation, die in jedem Fall aus Thierry Henry und vermutlich auch aus Karim Benzema bestehen wird. Die beiden sind eher klassische Mittelstürmer, die situationsabhängig auch auf die Außen ausweichen können. Von den deutschen Offensivkräften wird auch erwartet, dass sie mal nach hinten und mal zur Seite ausweichen. Der Zug zum Tor ist bei der Spielanlage, die mit einem oder zwei Sechsern operiert, automatisch größer. (nz)