29.05.2008
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Ob eine Mannschaft mit drei Stürmern oder einem Fünfer-Mittelfeld hinter einer Spitze antritt, ist bei vielen Teams vom Gegner und dem eigenen Personal abhängig. Starre Systemtreue ist im modernen Fußball nicht mehr gefragt. Von Martin Krauß
Neben dem fast überall zum Credo gewordenen 4-4-2-System gibt es bei der anstehenden Euro noch Teams, die eine andere Taktik bevorzugen oder auch zwei: Ob nämlich die allesamt favorisierten Mannschaften aus Portugal, den Niederlanden, Italien oder Spanien mit einem 4-3-3, also mit drei Stürmern, oder mit einem 4-5-1-System, also nur einem Stürmer auflaufen werden, lässt sich so einfach gar nicht bestimmen. Auch wenn drei Stürmer nach viel Offensive und ein Stürmer nach wenig Vorwärtsdrang klingt, so ist der Unterschied tatsächlich gar nicht so groß.
Beispiel Portugal: Es gibt mit Nuno Gomes, der wahlweise durch Werder Bremens Hugo Almeida ersetzt werden kann, einen Stürmer, von dem im Wesentlichen die Tore erwartet werden. Doch zu behaupten, dass ein Weltstar wie Cristiano Ronaldo Mittelfeldspieler ist, wäre ähnlich ungenau, wie wenn man ihm zum Außenstürmer deklarierte. Ähnliches gilt für Quaresma auf der anderen Seite. Beide Akteure sind viel zu spielstark und technisch beschlagen, als dass man sie einengen könnte. Wie sehr ein enges taktisches Korsett dem portugiesischen Spiel eher schaden würde, erkennt man schon an den Zuordnungen von Quaresma und Ronaldo: Im Normalfall ist Quaresma eher rechts, Ronaldo eher links zu finden, aber beide können auch ohne Probleme die Seite wechseln.
Offensives Potenzial im 4-3-3-System der Portugiesen, Niederländer und ItalienerDeco als BallverteilerDiese Ein-oder-Drei-Stürmer-Konstellation eröffnet auch Mittelfeldstar Deco alle Möglichkeiten, ein Sturmspiel wirklich effektiv aufzuziehen und zu koordinieren. Was man aus den Siebzigern noch kannte, der lange Räume öffnende Pass des Regisseurs, das zelebriert ein aufgerückter Deco aus kürzerer Entfernung, flacher , sicherer, häufiger und effektiver.
Zudem lebt diese 4-3-3-Variante die man, wie gesagt, auch 4-5-1 nennen kann von den schnellen Außenverteidigern, die Flanken schlagen können, wenn es Ronaldo oder Quaresma mal nach innen verschlagen hat.
Top-Teams mit Top-StürmernDiese Spielanlage lässt sich problemlos auch auf Italien oder die Niederlande übertragen. Hier heißt Mittelstürmer mal Luca Toni oder mal Ruud van Nistelrooy. Dass diese beiden Stürmer vielleicht beschlagener und durchschlagskräftiger sind als beispielsweise Hugo Almeira, wird von den offensiven Außen im Mittelfeld wettgemacht: Ein di Natale von links oder ein Camoranesi von rechts finden sich zwar auf der gleichen Position wie Cristiano Ronaldo, sind aber stärker als dieser von einem guten Mittelstürmer abhängig. Und den haben Italien und die Niederlande jeweils.
Auch bei den Spaniern, wenn auch mit deutlicherem Hang zu 4-5-1 als bei den übrigen Teams, lässt sich diese Spielanlage beobachten. Trainer Luis Aragones setzt vermutlich auf den einen Stürmer Fernando Torres (Liverpool), den er vielleicht durch David Villa unterstützen lässt. Sein Mittelfeld hingegen ist prall gefüllt mit fünf Spielern: Senna übernimmt die Sechser-Rolle vor der Abwehr, von Fabregas wird ähnliches erwartet wie bei Portugal von Deco, doch damit er hier nicht überfordert wird, stehen ihm halblinks David Silva und halbrechts Xavi zur Seite. Ob das vielleicht zuviel Passgeber und zuwenig Passempfänger sind, wird sich herausstellen.
Manchester als VorbildAuch im System der Iberer, aber das überrascht bei einer solch offensiven 4-5-1-Variante nicht so sehr, gehen die Außenverteidiger nach vorne, um so den Platz enger zu machen, dem Mittelfeld mehr Zug zum Tor zu ermöglichen, und die Stürmer oder den einen Stürmer möglichst effektiv einzusetzen.
Interessanterweise wird das 4-3-3 beziehungsweise 4-5-1 von solchen Teams zelebriert, die in Österreich und der Schweiz als Favoriten ins Turnier gehen, sieht man von den anders aufgestellten Frankreich und Deutschland mal ab. Sollte sich also bei dieser Euro eine frühere Tradition wieder nach vorne kehren lassen, dass sich nämlich bei internationalen Turnieren Innovationen im taktischen Bereich zeigen, die sich auf den Vereinsfußball auswirken werden, so könnte man das am ehesten von Portugal, den Niederlanden, Spanien oder sogar Italien erwarten.
Im Grunde aber ist damit nicht zu rechnen: Die wesentlichen Innovationen kommen mittlerweile fast alle aus dem Klubfußball. Und wer hat die Champions League gewonnen? Manchester United mit einer Spielanlage, bei der von einem Zweier-, einem Dreier-, einem Vierer bis zu einem Fünfer-Mittelfeld alles zu beobachten war je nach Spielsituation halt. Ob das eine Nationalmannschaft kann? Vermutlich nicht.
(nz)