Die Spielsysteme der Euro 4-4-2:
Die feste Kette
Doch die größte Differenz, die innerhalb der verschiedenen 4-4-2-Varianten zu beobachten ist, geht von der Abwehr aus. Und zwar im Wortsinne: Gehen die Außenverteidiger nach vorne und agieren als Überbleibsel der guten alten Außenstürmer, von denen die Fußballerweisheit zu berichten wusste, dass sie, ähnlich den Torwarten, alle ne Macke haben? Oder bleibt die Viererkette, die sich mittlerweile international durchgesetzt hat sogar bei Otto Rehhagels griechischem Team brav zurück und agiert als kaum mal aufgefächerter Riegel?
Klarer lässt sich diese Defensivvariante von 4-4-2 am Beispiel Rehhagel zeigen, also am amtierenden Europameister aus Griechenland. Traianos Dellas, vor vier Jahren noch letzter Libero der Fußballgeschichte, hat sich in die Viererkette eingereiht, die Außenverteidiger Torosidis und Seitaridis bleiben ebenfalls dort und dem Mittelfeld fällt die Rolle der Sturmunterstützung wie auch der vorgelagerten Abwehr zu. Das hat Folgen bis hin zum Sturm. Spieler wie Gekas (Leverkusen) und Amanatidis (Frankfurt) müssen sich oft nach hinten fallen lassen, um die Bälle vom in der Defensive zu stark eingebundenen Mittelfeld zu holen, ansonsten warten sie vornehmlich auf lange Bälle. Das wird sich vermutlich auch dann nicht ändern, wenn Otto Rehhagel den Sturm mit Charisteas verstärkt.
Wenn die Viererkette jedoch an der 16er-Linie klebt, hat das Auswirkungen auf die gesamte Spielanlage: Die lassen sich nicht nur am griechischen Spiel unter Otto Rehhagel beobachten, sondern auch bei dem gemeinhin als eher offensiv eingestellten Trainer Russlands, dem Niederländer Guus Hiddink. Die Stürmer Ismailow und Kerschakow agieren wie klassische Mittelstürmer - hoffend, dass ihnen etwas vor die Füße fällt, und werden vom auch stark auf die Defensive verpflichteten Mittelfeld wesentlich weniger unterstützt, als wenn ein Außenverteidiger auf der Außenbahn die Aufgaben der Mittelfeldspieler zum Teil mit übernähme.
Die Defensivvariante des 4-4-2, die von der taktisch disziplinierten Viererkette lebt, liegt, wie die Beispiele Griechenland und Russland zeigen, vor allem Teams, die sich, was das spielerische Potenzial der einzelnen Kicker angeht, nicht so ganz mit den Starensembles der anderen Nationen messen können. Erfolglos muss die Taktik nicht sein, das hat sich nicht zuletzt bei der Euro 2004 gezeigt. (nz)

