Die Spielsysteme der Euro – 4-4-2: 

netzeitung.deDie feste Kette

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Das beliebteste System des modernen Fußballs, das 4-4-2, wird bei der EM in verschiedensten Variationen zu sehen sein. Teams wie Griechenland und Russland suchen ihr Heil in einer starren Defensivformation. Von Martin Krauß

Das taktische Credo der meisten Nationalmannschaften lautet 4-4-2. Doch zu erwarten, dass ähnlich bis gleich eingestellte Mannschaften bei der Euro 2008 im Juni aufeinanderprallen, wäre falsch.

Schon die Frage, wo die zwei Stürmer agieren – eher als sich ergänzende Mittelstürmer mit direktem Zug zum Tor oder eher als halbrechte bzw. halblinke, die rochieren und für eine Art hängende Spitze auch schon mal auf die Außenpositionen ausweichen können, ist unterschiedlich.

Entscheidende Außenpositionen
Ebenso markiert die Frage, wie das Mittelfeld aufgebaut ist, ob es als Raute mit einem so genannten Sechser agiert, der vor der Viererkette agiert und eine Art vorgelagerte Defensive sein soll, einen wesentlichen Unterschied.

Doch die größte Differenz, die innerhalb der verschiedenen 4-4-2-Varianten zu beobachten ist, geht von der Abwehr aus. Und zwar im Wortsinne: Gehen die Außenverteidiger nach vorne und agieren als Überbleibsel der guten alten Außenstürmer, von denen die Fußballerweisheit zu berichten wusste, dass sie, ähnlich den Torwarten, alle ne Macke haben? Oder bleibt die Viererkette, die sich mittlerweile international durchgesetzt hat – sogar bei Otto Rehhagels griechischem Team – brav zurück und agiert als kaum mal aufgefächerter Riegel?

Kontrollierte Offensive im 4-4-2 mit Griechen, Russen und RumänenRehhagels kontrollierte Offensive
Rumänen, Russland und Griechenland – es sind nur wenige Teams, von denen bei der Euro eine solche strikt defensive Ausrichtung zu erwarten ist. Am wenigsten klar dürfte diese Zuordnung noch bei Rumänien sein, da die Außenverteidiger Razvan Rat (Schachtjor Donezk) und Cosmin Contra (FC Getafe) in ihren Klubs durchaus offensiv agieren und von daher zu Vorstößen neigen könnten. Im Konzept von Nationaltrainer Victor Piturca sind sie jedoch eingebunden. Da stehen die Außenmittelfeldspieler – links ist das vermutlich Dica, rechts Nicolita – als Ersatz des früheren Außenstürmers parat, während Spieler wie Cristian Chivu von Inter Mailand im Zentrum die eher defensive Rolle übernehmen könnten.

Klarer lässt sich diese Defensivvariante von 4-4-2 am Beispiel Rehhagel zeigen, also am amtierenden Europameister aus Griechenland. Traianos Dellas, vor vier Jahren noch letzter Libero der Fußballgeschichte, hat sich in die Viererkette eingereiht, die Außenverteidiger Torosidis und Seitaridis bleiben ebenfalls dort und dem Mittelfeld fällt die Rolle der Sturmunterstützung wie auch der vorgelagerten Abwehr zu. Das hat Folgen bis hin zum Sturm. Spieler wie Gekas (Leverkusen) und Amanatidis (Frankfurt) müssen sich oft nach hinten fallen lassen, um die Bälle vom in der Defensive zu stark eingebundenen Mittelfeld zu holen, ansonsten warten sie vornehmlich auf lange Bälle. Das wird sich vermutlich auch dann nicht ändern, wenn Otto Rehhagel den Sturm mit Charisteas verstärkt.

Taktik gegen individuelle Klasse
Es ist eben im modernen Fußball nicht so, dass ein dritter Stürmer automatisch eine offensivere Spielanlage bedeutet. Nur wenn die Abwehr, sprich: die Außenverteidiger, sich als Flügelläufer und Flankenschläger in das Angriffsspiel einbringen, kann das Mittelfeld beispielsweise ungestört und effektiv aufrücken, um so eine spielerische Übermacht zu inszenieren, die letztlich zum Torerfolg führt.

Wenn die Viererkette jedoch an der 16er-Linie klebt, hat das Auswirkungen auf die gesamte Spielanlage: Die lassen sich nicht nur am griechischen Spiel unter Otto Rehhagel beobachten, sondern auch bei dem gemeinhin als eher offensiv eingestellten Trainer Russlands, dem Niederländer Guus Hiddink. Die Stürmer Ismailow und Kerschakow agieren wie klassische Mittelstürmer - hoffend, dass ihnen etwas vor die Füße fällt, und werden vom auch stark auf die Defensive verpflichteten Mittelfeld wesentlich weniger unterstützt, als wenn ein Außenverteidiger auf der Außenbahn die Aufgaben der Mittelfeldspieler zum Teil mit übernähme.

Die Defensivvariante des 4-4-2, die von der taktisch disziplinierten Viererkette lebt, liegt, wie die Beispiele Griechenland und Russland zeigen, vor allem Teams, die sich, was das spielerische Potenzial der einzelnen Kicker angeht, nicht so ganz mit den Starensembles der anderen Nationen messen können. Erfolglos muss die Taktik nicht sein, das hat sich nicht zuletzt bei der Euro 2004 gezeigt. (nz)