netzeitung.deGrlic: «Träumen darf man, aber nicht abheben»

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Ivica Grlic hat derzeit Grund zur Freude. (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ivica Grlic hat derzeit Grund zur Freude.
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ivica Grlic warnt nach dem guten Start von Aufsteiger MSV Duisburg vor zu viel Euphorie. Auf Netzeitung.de sprach der Kapitän außerdem über Sprachgewirr, Multi-Kulti-Truppe und seine Wandlung zum Kämpfer.

Aufsteiger MSV Duisburg sorgt in der noch jungen Saison für positive Schlagzeilen. Während höher eingestufte Teams noch auf der Suche nach Form und Erfolg sind, hat der MSV bereits sechs Punkte gesammelt – genauso viel wie der große Reviernachbar Schalke 04.

«Das ist nur eine Momentaufnahme und absolut nicht aussagekräftig», sagte MSV-Kapitän Ivica Grlic und warnt: «Wir wissen, wie schwer die Saison noch für uns werden wird, wir dürfen nicht abheben.»

Im Interview mit Netzeitung.de berichtet der 32 Jahre alte Routinier über das neue Spielverständis beim MSV, der früher als Klopper- und Malochertruppe wahrgenommen wurde und den Reiz, eine Multi-Kulti-Truppe zu sein.

Netzeitung: Herr Grlic, der MSV steht nach vier Spieltagen auf Platz acht, punktgleich mit dem großen Revier-Nachbarn Schalke 04 und noch vor Borussia Dortmund. Überrascht Sie das?

Ivica Grlic: Sicherlich ist das überraschend. Das ist aber nur eine Momentaufnahme und absolut nicht aussagekräftig. Mal schauen, wie es nach der Hinrunde aussieht. Schalke und Dortmund haben ganz andere Ziele als wir. Der MSV Duisburg will in der Bundesliga bleiben. Sicherlich genießen wir den Moment, doch wir wissen auch, wie schwer die Saison noch für uns wird.

Netzeitung: Bedeutet es Ihnen persönlich etwas, wenn der MSV den Ruhrgebiets-Nachbarn ein Schnippchen schlägt?

Grlic: Mir persönlich nicht so viel, aber sicherlich unseren Zuschauern, die in Duisburg aufgewachsen sind und hier leben. Am Ende zählt für uns aber nur, über dem Strich zu sein und nichts anderes. Natürlich geht es in den Derbys hoch her. Ich bin in München geboren und aufgewachsen. Da gab es die Rivalität zwischen 1860 und den Bayern, das kenne ich sehr gut.

«Träumen darf man, aber nicht abheben»
Netzeitung: Die Euphorie im Umfeld ist groß. In den Fanforen wird schon vom UI-Cup gesprochen. Kann es für den MSV in dieser Saison um mehr gehen als den Klassenerhalt?

Grlic: Nein, ich sage es nochmals: Das primäre Ziel ist der Klassenerhalt. Wenn wir darüber hinaus mehr erreichen, ist das eine tolle Sache. Träumen darf man, doch man sollte nicht dabei abheben.

Netzeitung: Was tun Sie als Kapitän, damit ihre Mitspieler nicht den Blick für die Realität verlieren?

Grlic: Da musste ich bislang nichts machen. Wir haben gar nicht die Charaktere in der Mannschaft, die glauben, nach vier Spieltage abheben zu müssen. Außerdem haben wir noch unseren Trainer. Der ist nach außen ruhig, doch er kann sehr laut in der Kabine werden. Wenn er Anzeichen sieht, dass einer durchdreht, gibt es einen Rüffel und dann ist es gut. Aber diese Saison hat er noch keinen Grund dazu gehabt.

Netzeitung: Der MSV hat ja auch in den bisherigen Spielen gut ausgesehen. Selbst bei den beiden Niederlagen zu Hause gegen Wolfsburg und beim deutschen Meister in Stuttgart. Woran liegt das?

Grlic: Die Mischung passt bei uns – personell wie auch von der Art zu spielen. Wir haben sehr gute Neueinkäufe, die sind gut integriert worden. Außerdem sind wir auch spielerisch stark. Gegen Bielefeld haben wir in der ersten Halbzeit kämpferisch dagegen gehalten und in der zweiten Hälfte ist das Spielerische zur Geltung gekommen.

Schnelles und versiertes Direktspiel
Netzeitung: Ist dabei denn eine klare Handschrift von Trainer Rudi Bommer zu erkennen?

Grlic: Die sieht man auf jeden Fall. Der Trainer liebt es, ein technisch versiertes und ein schnelles Direktspiel von uns zu sehen. Er zeigt uns diese Dinge tagtäglich im Training auf. Und wir setzen es auf dem Platz um.

Netzeitung: Worauf wird es im Abstiegskampf besonders ankommen?

Grlic: Wir haben uns vor der Saison vorgenommen zu Hause eine Macht zu werden. Über die Heimspiele wird es gehen. Wenn wir im eigenen Stadion nicht die Punkte holen, sind wir auswärts unter Druck, da was zu holen, und das ist nicht so einfach.

Netzeitung: Sie waren schon vor zwei Jahren dabei, als der MSV sang und klanglos mit 27 Punkten Letzter geworden und abgestiegen ist? Was ist nun anders in Duisburg?

Grlic: Wir sind qualitativ stärker besetzt, jeder kann jeden ersetzen. Außerdem stehen wir als Team enger zusammen.

Das Team der vielen Sprachen
Netzeitung: Wie läuft denn die Integration beim MSV? Sie haben mit Ishiaku, Maicon oder Caceres viele verschiedene Nationen im Team?

Grlic: Wir sind eine Multi-Kulti-Truppe. Jeder kann irgendeine Sprache. Der Bulgare kann kroatisch sprechen, das kann ich übersetzen. Dann haben wir einige, die spanisch sprechen wie Filipescu und Tararache oder auch Pablo Caceres. Andere wiederum können Englisch und lernen schnell deutsch. Das läuft bei uns reibungslos.

Netzeitung: Unternimmt die Mannschaft auch abseits des Platzes etwas miteinander?

Grlic: Ja klar, Markus Daun und Adam Bodzek hatten gerade erst Geburtstag und haben die gesamte Mannschaft zum Essen eingeladen. Dann hat Präsident Walter Hellmich einen Kennenlernabend veranstaltet, auf dem auch die Frauen und Kinder mitgekommen sind. Intern läuft bei uns sehr viel. Ich denke, das ist auch wichtig.

Netzeitung: Einer der prominentesten Neulinge ist Ailton. Ihm geht der Ruf voraus, nicht gerade pflegeleicht zu sein und divenhafte Charakterzüge zu haben. Wie benimmt er sich denn beim MSV?

Grlic: Toni ist ein ganz einfacher Typ, der sich einfügt. Als er zu uns kam, war er nicht ganz fit. Doch er wird bei uns geschätzt, und man sieht im Training, was er kann. Er wird für uns noch sehr wichtig werden und die Tore für den MSV machen.

Netzeitung: Früher stand der MSV für unattraktiven Fußball und ein hässliches Stadion. Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Duisburg?

Grlic: Die letzten drei Jahre, seit ich beim MSV bin also, ist es mit Unterbrechungen immer ein kleines Stück nach oben gegangen. Wir haben das neue Stadion, mehr Dauerkarten, die Zuschauer identifizieren sich wieder mit dem MSV. Wir Spieler können natürlich unseren Teil dazu beitragen, dass der MSV noch attraktiver wird.

«Spüre Vertrauen von Trainer und Präsident»
Netzeitung: Ihr Standing im Verein ist gestiegen. Sie haben vor der Saison das Amt des Kapitäns von Trainer Bommer übertragen bekommen. Wie sehen Sie ihre Entwicklung?

Grlic: Ich bin zufrieden. An erster Stelle stehen bei mir immer die Gesundheit und die Familie. Fußballerisch muss man sich alles hart erarbeiten, deshalb ist es schön, wenn ich als Kapitän die Mannschaft auf den Platz führen darf und das Vertrauen vom Trainer und vom Präsidenten spüre.

Netzeitung: Trainer Bommer hat Sie in der Vorbereitung sehr gelobt und gesagt, sie hätten gebissen, obwohl man gemerkt hat, dass es schmerzt. In der öffentlichen Wahrnehmung gelten Sie doch eher als geschmeidiger Mittelfeldstratege. Werden Sie auf Ihre alten Tage noch zum Kämpfer?

Grlic:(lacht) Man lernt nie aus. Wir wollen nicht wieder sang und klanglos absteigen, daher müssen wir noch mehr beißen. Für das Ziel sollte jeder alles geben. Ich habe damit angefangen, und wenn die anderen dies auch tun, wovon ich ausgehen, werden wir das Ziel auch erreichen.

Netzeitung: Sie sind jetzt 32 Jahre alt und relativ spät Bundesligaspieler geworden, haben erst 19 Einsätze in der höchsten deutschen Spielklasse. Ärgert Sie das, weil Sie denken: Mensch, warum hab ich nicht schon früher in der ersten Liga gespielt?

Grlic: Es hätte besser aber auch schlimmer kommen können. Ich bin zufrieden, so wie meine Karriere bisher verlaufen ist. Außerdem kann ich jetzt den Kritikern zeigen, dass ich noch in der ersten Liga mithalten kann.

Netzeitung: Sie haben Ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina erklärt, warum?

Grlic: Damit ich mich voll und ganz auf den MSV konzentrieren kann. Als Nationalspieler ist man immer so lange unterwegs, das muss nicht mehr sein.

Das Interview mit Ivica Grlic führte Matthias Bossaller