netzeitung.de«Hannover 96 ist ein schlafender Riese»

 Herausgeber: netzeitung.de

Michael Tarnat (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Michael Tarnat
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Michael Tarnat ist sich vor dem 2. Bundesliga-Spieltag sicher, dass Hannover schon bald international spielen wird. Nationalstürmer Hanke sagt der Routinier im Interview mit Netzeitung.de eine große Zukunft voraus.

Mit seinen 37 Jahren hat Michael Tarnat im Fußball-Geschäft so gut wie alles erlebt. Beim Karlsruher SC, dem FC Bayern, in der Premier League bei Manchester City und in Hannover hat er Spieler und Trainer kommen und gehen sehen. Tarnat kennt die Niederungen des Sports und den Erfolgsrausch. Vier Mal wurde er deutscher Meister, drei Mal Pokalsieger. Er gewann mit den Bayern die Champions League und den Weltpokal.

Bevor Tarnat seine aktive Karriere im Sommer 2008 endgültig beendet, hat er viel vor. «Wenn ich Hannover verlasse, möchte ich, dass 96 auf dem Weg ist, im internationalen Geschäft mitspielen zu können. Das ist mein Ziel. Wir waren in den vergangenen zwei Jahren immer knapp dran. Ich glaube, dass es nur noch ein kleiner Schritt ist, um international anzuklopfen», sagte er vor dem Auswärtsspiel beim Karlsruher SC am Freitag (20.30 Uhr/Premiere) der Netzeitung.

Netzeitung: Wenn Sie am Freitag nach Karlsruhe kommen, dann kennen Sie da jeden Stein.

Michael Tarnat: Es ist schon zehn Jahre her, dass ich das letzte Mal in Karlsruhe war. Die meisten Leute von früher gibt es nicht mehr. Aber da sind noch einige im Verein, an die ich mich gerne zurückerinnere und auf die ich mich freue.

Netzeitung: Wie groß ist der Respekt vor dem Aufsteiger – immerhin ein Gewinner des ersten Spieltages?

Tarnat: Der KSC hat eine tolle Zweitliga-Saison gespielt und im ersten Bundesligaspiel in Nürnberg gleich daran angeknüpft. Klar, muss man da Respekt haben, aber überhaupt keine Angst. Wir haben einiges gutzumachen und fahren nach Karlsruhe, um zu gewinnen.

Netzeitung: Ist es problematisch, dass man eine neue Mannschaft in der Liga nur schwer einschätzen kann?

Tarnat: Am Anfang ist es immer so, dass die Aufsteiger mit einer Menge Euphorie aufspielen. Wenn sie verlieren, ist das normal, wenn sie gewinnen eine Sensation. Deshalb ist es sicherlich schwieriger zu Beginn der Saison auf Karlsruhe zu treffen als mitten in der Saison.

Netzeitung: Am Samstag war der Ärger groß. Nach einer guten Vorbereitung und dem Sieg über Real Madrid als Höhepunkt folgte die 0:1-Niederlage gegen den HSV. Warum wird nun alles besser?

Tarnat: Wir haben zu Beginn der Saison gleich das schlechteste Spiel abgeliefert – das war sozusagen der Saison-Höhepunkt im negativen Sinne. Es kann nur besser werden.

Netzeitung: Ist das Zweckoptimismus?

Tarnat: In der Vorbereitung lief es für uns einfach großartig. Es kann sein, dass wir gegen den HSV einfach zu viel wollten - und dann trifft genau das Gegenteil ein. Wir können besser spielen als gegen Hamburg, das wissen wir. Wir haben das Spiel abgehakt und wollen uns auf Karlsruhe konzentrieren.

Netzeitung: Jeder Trainer hat seine besondere Art. Was kann Dieter Hecking besonders gut?

Tarnat: Er kann uns sehr gut auf den Gegner einstellen. Dieter Hecking weiß genau, wie der Gegner spielt, worauf wir achten müssen, wo dessen Stärken liegen, aber auch seine Schwächen. Im Grunde müssen wir auf dem Platz nur umsetzen, was er uns mitgibt. Dass wir mit Dieter Hecking Erfolg haben können, sieht man, wenn man die letzten zehn Monate betrachtet.

Netzeitung: Für Außenstehende wirkt er wie der Ruhepol im Verein.

Tarnat: Dieter Hecking ist sehr besonnen. Selbst wenn er von einem Spiel noch gefangen ist und ein bisschen impulsiver wird, überlegt er sich doch jedes Wort, das er sagt. Intern allerdings kann er richtig laut werden.

Netzeitung: Was machen neue Spieler wie Benjamin Lauth und Mike Hanke für einen Eindruck? Passt es zusammen?

Tarnat: Wir hatten seit einiger Zeit Probleme im Sturm, weil Thomas Brdaric ausgefallen ist. Dann haben wir uns den Markt angesehen. Wir wollten Spieler holen, die torgefährlich sind und den Ball halten können. Und das können beide. Benjam Lauth kenne ich noch aus meiner Münchner Zeit, er spielte bei 1860, ich beim FC Bayern. Wir hoffen, dass er zu alter Stärke findet.

Netzeitung: Für Mike Hanke geht es auch abseits des Vereins um viel.

Tarnat: Der Mike hat die Europameisterschaft 2008 im Hinterkopf. Sicherlich war die Aussicht auf die EM ein Grund für seinen Wechsel zu Hannover 96. Vielleicht hat er gemerkt, in Wolfsburg bewegt sich für mich nicht viel, und in Hannover wird einiges getan, um weiter nach vorne zu kommen. Mike Hanke ist ein sehr ehrgeiziger Spieler. Klar, ist er noch angeschlagen, immerhin war er schwer verletzt. Aber wenn er wieder topfit ist, wird er uns weiterhelfen, und er wird ganz sicher ein Mann für den EM-Kader von Joachim Löw sein.

Netzeitung: Ich will Sie nicht dazu verleiten, zu Beginn der Saison ein Resümee zu ziehen, aber das wird ihr letztes Jahr als Profi sein. Gibt es etwas, das Sie in Hannover hinterlassen wollen?

Tarnat: Wenn ich Hannover verlasse, möchte ich, dass 96 auf dem Weg ist, im internationalen Geschäft mitspielen zu können. Das ist mein Ziel. Wir waren in den vergangenen zwei Jahren immer knapp dran. Ich glaube, dass es nur noch ein kleiner Schritt ist, um international anzuklopfen.

Netzeitung: Was unterscheidet Fußball in Hannover von Fußball bei den Bayern oder in England?

Tarnat: Bayern München spielt seit mehr als 30 Jahren in der Bundesliga und ist eine Topadresse. Da scheint es wirklich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zu geben. Aber ich sage Ihnen, Hannover 96 ist ein schlafender Riese.

Netzeitung: Inwiefern?

Tarnat: Ich glaube, die Niedersachsen fahren lieber zum Fußball nach Hannover als nach Wolfsburg. Wir müssen es schaffen, den schlafenden Riesen zu wecken. Wir müssen die Leute begeistern, sie sollen sich wieder mit 96 identifizieren. Ich sehe da noch viel Potenzial.

Netzeitung: Ein WM-Stadion hat der Klub ja schon.

Tarnat: Wir haben alles. Ein tolles Stadion, eine gute Mannschaft. Es liegt nur noch an uns, die Menschen ins Stadion zu locken. Die Zuschauer müssen sagen, wir kommen wieder, es hat Spaß gemacht den Jungs zuzusehen.

Mit Michael Tarnat sprach Dorothea Jantschke.