Fußball ist anspruchsvoller als Schach
10. Aug 2007 09:36
 |  Michael Ballack - der Mann mit Übersicht. | Foto: AP |
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Heute beginnt die Bundesliga. Der Neurologe Hans-Peter Thier erläutert auf Netzeitung.de, was einen Elfmetertöter ausmacht und warum Ballack ein Großer ist. Für ihn sind Fußballer die Pianisten unter den Sportlern.
Neurobiologisch betrachtet ist Fußball anspruchsvoller als Schach, sagt Hans-Peter Thier. Der Direktor des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschungen in Tübingen erforscht kognitive Vorgänge im Gehirn. Thier ist fasziniert von den Leistungen, die das Gehirn eines hochklassigen Fußballspielers erbringt - dem Zusammenspiel von zielgerichteten, motorischen Fähigkeiten, guter Orientierung im Raum und der Fähigkeit, im entscheidenden Moment das richtige zu tun.
Netzeitung: Können Sie sich überhaupt noch ein Fußballspiel anschauen, ohne über die Vorgänge im Gehirn der Spieler nachzudenken?Hans-Peter Thier: Ich habe eine durchaus intuitive Beziehung zum Fußballspiel. Als Neurowissenschaftler bin ich aber natürlich davon fasziniert, mit welcher Perfektion Gehirn und Körper auf dem Spielfeld arbeiten – nicht nur im Fußball, auch im Basketball, Handball oder Hockey.
Netzeitung: Beschränken wir uns einmal auf den Fußball. Gibt es eine Aktion oder einen Spielzug, der für Ihre Forschungen besonders aussagekräftig ist?
Thier: Die Leistung eines guten Torwartes, der in einer entscheidenden Situation einen Elfmeter hält, obwohl der Torschuss platziert und clever getreten war.
 |  Jens Lehmann und sein Zettel im WM-Viertelfinale. | Foto: dpa |
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Netzeitung: Man spricht als Laie von guten Reflexen...Thier: In Wirklichkeit spielt sich aber alles ab, bevor der Schütze überhaupt antritt. Denn der Torwart kann nicht darauf warten, dass der Ball sich in Bewegung setzt. Er hat keine Zeit, weil die motorischen Reaktionszeiten viel länger dauern als die Flugzeit. Er hat nur eine Chance: Er muss Informationen nutzen, die er schon vorher bekommen kann.
Netzeitung: Woher bekommt sie der Keeper?
Thier: Es läuft unbewusst ab. Er schaut sich die Körperhaltung des Schützen an, sein Verhalten, seine Augenbewegungen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Amateurkeeper den Blick wandern lassen. Eine ineffiziente Strategie, denn es gibt Körperpartien, die haben wenig Vorhersagewert.
Netzeitung: Und ein guter Torwart?
Thier: Ein Elfmetertöter fokussiert sich in seiner Analyse auf die unteren Anteile der Beine, die Fußstellung, den Gesichtsausdruck, der womöglich die Finte verrät. Und dann muss er in der Kürze der Zeit seine Entscheidung treffen. Wissenschaftler sprechen von Spielentscheidungen.
Netzeitung: Dann werden Fußballspiele also im Kopf entschieden?
Thier: Das Spiel erfordert Logik, Kombinationsgabe, Motorik, Orientierung im Raum, Interaktion und Koordination. Alles kognitive Gehirnleistungen.
Gehirn mehr gefordert
Netzeitung: Ist Fußball anspruchsvoller als Schach?Thier: Die Leistung, die dem Gehirn beim Fußball abverlangt wird, ist größer. Wie einfach Schach im Vergleich zum Fußballspielen ist, sieht man daran, dass leistungsfähige Schachcomputer in aller Regel in der Lage sind, die gewitztesten Großmeister zu schlagen. Umgekehrt wird ein Fußballroboter wahrscheinlich nicht mal ein kleines Kind besiegen können, dessen erste Gehversuche noch nicht lange zurückliegen. Es ist amüsant, wenn man sich diese humanoiden Roboter anschaut. Die besten laufen einigermaßen stabil – allerdings nur, bis sie auf ein Hindernis stoßen.
Netzeitung: Dann wird ein Roboter wohl nie eine formvollendete Flanke wie David Beckham schlagen?
Thier: In einer Spielsituation? Das kann ich mir nicht vorstellen. Denn die beteiligten Leistungen sind unglaublich vielschichtig und komplex. Es ist auch noch völlig unklar, wie das menschliche Gehirn die biomechanische Peripherie kontrolliert. Da kommen Dinge ins Spiel wie das Problem der Ermüdung der Muskulatur. Wenn ich als Fußballspieler auf den Platz laufe, haben die Muskeln ganz andere Eigenschaften als nach einer halben Stunde Spiel.
Netzeitung: Aber richtig gute Fußballer spielen über 90 Minuten wie aus einem Guss...
Thier: Das ist das Faszinierende. Ein Fußballer von der Klasse eines Michael Ballack kann auch in der 90. Minute noch den entscheidenden Schuss abgeben – präzise und wohl bemessen. Das ist möglich, weil das Gehirn die die Muskulatur kontrollierenden Signale den veränderten Gegebenheiten der Peripherie anpassen kann.
Netzeitung: Wie lange braucht das Gehirn, um sich auf die perfekte Flanke vorzubereiten?
Thier: Die Frage ist falsch gestellt. Viele gute Aktionen im Fußball sind Resultierende aus einer Vielzahl von Informationsströmen mit unterschiedlich langem Vorlauf in einem gegebenen Augenblick. Selbstverständlich spielen auch Informationen eine Rolle, deren Ursprung lange zurückliegt. Erinnerungen, Erfahrungen und Erlerntes. Aber da gibt es noch einen weiteren Baustein.
Netzeitung: Als Laie würde man hier auch von Talent sprechen?
Thier: Auch ich als Wissenschaftler spreche durchaus von Talent, das im Spiel sein muss, wenn die motorischen Fertigkeiten, die das Gehirn ermöglicht, über das hinausgehen sollen, was den meisten von uns möglich ist. Es ist wie in der Kunst. Die Gehirnleistungen im Fußball sind vergleichbar mit denen eines Konzertpianisten oder -violonisten. Aber selbst wenn man sich von Kindesbeinen an bemüht und Geigenunterricht nimmt, fehlt am Ende doch das letzte Quäntchen, um eine Ann-Sophie Mutter zu werden.
Netzeitung: Aber auch zu einem Ausdauersport braucht man doch Talent?
Thier: Sicherlich, liegen die Voraussetzungen, um beispielsweise Radrennfahrer zu werden, eher außerhalb des Gehirns in anderen Teilen des Körpers, wie beispielsweise in der Muskulatur oder dem Herzkreislaufsystem. Nur wenn die Muskulatur eine ganz bestimmte Zusammensetzung hat, dann könnten sie das Zeug zum guten Rad-Sprinter haben. In Sportarten mit extrem komplexen Anforderungen ist das sehr viel schwieriger.
«Erinnern wir uns mal an Gerd Müller»
Netzeitung: Fußball ist also anspruchsvoller als Schach und Radsport. Heißt das, Fußballer sind intelligenter als Gary Kasparow? Thier: Da ist die Frage, wie man Intelligenz definiert und misst. Meint man mit Intelligenz das, was man mit einem üblichen Intelligenztest oder auf der Basis von Schulleistungen erfasst, dann werden sie unter Fußball-Profis vermutlich nicht mehr und nicht weniger viele intelligente Menschen als in anderen Berufsgruppen finden. Was einen Fußballer ausweist, ist eine Art von impliziter, motorischer Intelligenz, die von Intelligenztests nicht abgebildet wird. Sie läuft nicht bewusst ab. Erinnern wir uns mal an Gerd Müller ...
 |  Gerd Müller | Foto: AP |
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Netzeitung: Er hat in der Saison 71/72 beim FC Bayern 40 Tore erzielt... Thier: Er war so erfolgreich, weil er in kürzester Zeit das richtige machen konnte. Andere Spieler hätten vielleicht nie die Möglichkeit gehabt, die ihnen in der Situation gegebene Chance überhaupt zu nutzen. Sie wären einfach zu langsam gewesen oder hätten sich nicht so toll bewegen können. Ich bin davon überzeugt, dass Gerd Müller selbst keine Erklärung dafür anbieten könnte, warum er so treffsicher war.
Netzeitung: Dann gibt es zumindest KEINE dummen Fußballspieler.
Thier: Das Vorurteil vom dummen Fußballspieler rührt wohl aus einer Zeit her, als Fußball noch ein Unterschichtensport war. Es gibt heutzutage viele Fußballspieler, die die meisten Fans ohne weiteres für intelligent halten würden: Ich denke an Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Michael Ballack oder Christoph Metzelder.
Netzeitung: Was ist mit der Psychologie? Diego Maradona jonglierte vor wichtigen Spielen immer minutenlang mit dem Ball, um seine Gegner einzuschüchtern.
Thier: Die psychologische Befindlichkeit von Spielern spielt beim Fußball eine enorme Rolle. Die Frage der Motivation, seine Selbsteinschätzung. Nicht umsonst ist es so, dass wir davon ausgehen, dass es einen Heimvorteil gibt. Nicht zuletzt in der eingangs diskutierten Elfmetersituation wird die Rolle der «Psychologie» der Akteure ja deutlich.
Netzeitung: Wem gehört dann Ihr Mitgefühl, dem Schützen oder dem Torwart?
Thier: Ich denke, der Torwart spielt die tragende Rolle. Weil man nicht davon ausgehen kann, dass er hält, hat er gute Chancen, der Gewinner zu sein. Der Schütze kann hingegen eigentlich nur verlieren. Jeder geht davon aus, dass es kein Problem ist, einen Elfer zu verwandeln. Und dann schießt er übers Tor, weil er dem Druck nicht gewachsen ist - wie selbst der große David Beckham.
Netzeitung: Welcher Fußballer fasziniert Sie?
 |  Philipp Lahm narrt die Großformatigen. | Foto: dpa |
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Thier: Es gibt viele unterschiedliche Spielerpersönlichkeiten. Michael Ballack hat sehr viel Übersicht, spielt präzise und schießt mit großer Durchschlagskraft. Stürmer wie Gerd Müller sind gekennzeichnet durch Wendigkeit und hohe Effizienz in der Chancenauswertung. Der Bayern-Neuzugang Franck Ribery beeindruckt durch ungeheures Engagement und Quierligkeit. Das macht ihn unberechenbar. Oder ein Spieler wie Philipp Lahm. Ein kleiner Mann, der großformatige Abwehrspieler narren kann. Da macht es Spaß zuzusehen. Das Gespräch mit Prof. Thier führte Dorothea Jantschke
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