netzeitung.de«Ich hoffe, das Essen schmeckt trotzdem»

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Andreas "Zecke" Neuendorf vor seinen Bildern (Foto: nz<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Andreas "Zecke" Neuendorf vor seinen Bildern
Foto: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Fußballer sind einfältig, stupide und nur hinter lukrativen Spielerverträgen her. Nicht unbedingt! Leon Knigge hat die Ausstellung von Fußball-Profi Andreas «Zecke» Neuendorf besucht - und war gerührt.

Vorneweg: Wer geglaubt hatte, Andreas Neuendorf würde mit dem Klischee restlos und ein für alle Mal aufräumen, wonach Fußball-Profis nicht gerade Feingeister seien, hatte sich getäuscht. Der Fußballer von Hertha BSC bemühte sich erst gar nicht eine Künstler-Aura aufzubauen, als er in Berlin zum zweiten Mal seine selbst gemalten Bilder der Öffentlichkeit präsentierte. In den Räumen eines Restaurants direkt am Alexanderplatz ging es ausgesprochen locker zu, was in erster Linie am Maler selbst lag. Besonders ernst nahm Neuendorf, offizieller Künstlername Zecke, seine Vernissage jedenfalls nicht.
Kein künstlerischer Anspruch
«Tut mir leid, dass hier meine Bilder ausgestellt werden. Ich hoffe, das Essen schmeckt trotzdem», eröffnete Zecke seine Ausstellung. Das Essen schmeckte, aber vom bereitgestellten Menü kosteten neben der überschaubaren Schar von Medienvertretern nur noch zwei kleine Jungs, die sich auf Initiative des Hauptstadt-Klubs mit eigenen Bildern an der Ausstellung beteiligten. Mehr Besucher waren nicht gekommen.

Einen künstlerischen Anspruch verfolge er ohnehin nicht, wurde Zecke nicht müde zu betonen. Bei der Ausstellung gehe es ihm lediglich um den guten Zweck, die Bilder werden versteigert und kommen einer Stiftung zugute.

Wie schon bei seinen früheren Werken stand für den Mittelfeldspieler der «fun» an erster Stelle, und nicht die kreative Umsetzung – was man ihm in Anbetracht seiner vier Bilder «Engel ohne Gesicht», «Mein Berlin», «ABC I» und «ABC II» ohne zu zögern abnahm. «Mein Sohn ist fünf, der malt genauso gut wie ich», bewertete Zecke seine eigenwilligen Werke.

Selbst Betrachtern mit nur mäßigem ästhetischen Empfinden fiel es schwer, sich für ein Lieblingsbild zu entscheiden. Der Künstler selbst zeigte sich von «Mein Berlin» am meisten angezogen. «Ich feiere mich eigentlich ungern selbst, aber mal im Ernst: Ist das nicht sensationell?» Brandenburger Tor und Berliner Olympiastadion, in einer Anmutung, wie man sie in den Unterrichtsräumen einer Grundschule erwartet hätte, imponierten, ordentlich voneinander getrennt, durch ihre konsequente Zweidimensionalität.

Freiräume sind sporadisch mit einem Rasen-grün ausgefüllt, der kleine Himmel am oberen Bildrand mit seinen schwarzen Vögeln beeindruckt durch ein tiefdunkles Blau. Die über den Himmel gemalte Sonne geht mit ihrem grünen Lächeln etwas in dem düsteren Himmel unter, aber was Zecke am Bild beeindruckt, ist ohnehin nicht die naturgetreue Nachbildung: «Wenn man das Bild sieht, muss man halt direkt an Berlin denken.» Die beiden Jungs nickten zustimmend.

Emotionen pur
Schade findet Zecke, dass er die künstlerische Umsetzung des 70er-Jahre-Bauwerks «Bierpinsel» vergessen hat, eines der Wahrzeichen seines Berliner Heimatbezirks Steglitz. Aber egal, der gute Zweck steht ja im Vordergrund. Wenn es um seine Geburtstadt geht, wird er schließlich ganz sentimental: «Das ist so schön, wenn man zum Beispiel mit dem Flugzeug in Tegel landet und alles von oben sieht. Man kann das Gefühl nicht verstehen, wenn man nicht aus Berlin kommt.» Pure Emotionen, vom sonst so rustikalen Aufräumer im Hertha-Mittelfeld, gefühlvoll auf Leinwand festgehalten – allerdings mit nur geringem Zeitaufwand: «Für das Bild hab ich ungefähr ne halbe Stunde gebraucht.»

Mit der Malerei angefangen hat es vor fünf Jahren, als Zecke selbst entscheiden wollte, welcher Name über der Rückennummer seines Hertha-Trikots steht. Die Deutsche Fußball-Liga ließ schon damals nur den Namen zu, der im Personalausweis steht. Einzige Ausnahme: ein eingetragener Künstlername. Den verdiente er sich schließlich 2002 mit seiner ersten Ausstellung, durch die er öffentlich als Künstler Zecke in Erscheinung trat. «Bei der Passbehörde hatten die schon davon gehört, bevor ich den Antrag gestellt hatte. Das ging dann ganz schnell, als ich bei denen auftauchte», erinnert er sich schmunzelnd. Die beiden einzigen Exponate, «Gesicht 2001» und «Krikelkrakel», rissen schon damals die Besucher nicht vom Hocker. Zeckes Ehefrau Vanessa befand freimütig: «Kleinkinder kriegen so was besser hin».

Seinen Spitznamen verdankt er einem schmerzhaften Zeckenbiss während eines Waldlaufs, als er Ende der Neunziger bei Bayer Leverkusen unter Vertrag stand. Der Biss entzündete sich und musste damals ambulant im Krankenhaus behandelt werden: «Als ich zurück in die Mannschaftskabine kam, hat Ulf Kirsten mich sofort 'Zecke' getauft. Das war gar nicht so unpraktisch, wir hatten damals mit 'Andi' Thom ja noch einen zweiten Andreas in der Mannschaft.»

Verständnis für den zögernden Arbeitgeber
Ob er auch künftig seine Werke in Berlin ausstellen wird, oder in einer anderen Fußball-Stadt, weiß der Publikumsliebling des Hauptstadtklubs selbst noch nicht. Sein Vertrag läuft im Sommer aus, doch bei der Hertha hat man bislang noch keine Anstalten gemacht mit ihm Gespräche zu führen. «Die hatten ja in den letzten Wochen auch andere Probleme», zeigt Zecke Verständnis für seinen kriselnden Arbeitgeber, der erst vor wenigen Tagen Karsten Heine als Nachfolger des gefeuerten Falko Götz als Cheftrainer vorgestellt hatte.

«Eigentlich kommt außer Hertha gar kein anderer Klub in Frage, aber ich will natürlich auch spielen», so Zecke, der in dieser Saison erst 15 Einsätze vorzuweisen hat. Nur zwei Mal stand er in der Startformation. «Aber hier hat sich ja nun einiges geändert, auch in Sachen Trainer. Da muss man mal abwarten.»

Sein Geld wird er so oder so weiter als Fußball-Profi verdienen, was in Anbetracht der damaligen Gemälde-Erlöse eine gute Entscheidung zu sein scheint: rund 200 Euro gab es seinerzeit pro Bild. Zeckes neuerlicher Ausflug ins künstlerische Metier hatte dieses Mal wie gesagt rein karitative Gründe. Man wird ihm die lausige Qualität seiner Bilder verzeihen.