netzeitung.deDer FC Bayern scheut das K-Wort

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Uli Hoeneß (l.), Felix Magath (r.) (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Uli Hoeneß (l.), Felix Magath (r.)
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Die erste Heimniederlage gegen einen Tabellenletzten seit 21 Jahren lässt den deutschen Rekordmeister ratlos zurück. Nach dem Spiel gegen Hannover 96 ist die Krise endgültig an der Isar angekommen. Bilderschau: FC Bayern blamiert sich

Diesmal blieb die «Abteilung Attacke» stumm. Wortlos stob Uli Hoeneß an den wartenden Journalisten vorbei durch die Katakomben der Münchner Allianz Arena. Wie es im Innern des Münchner Fußball-Machers aussah nach dem 0:1 seines FC Bayern gegen den Tabellenletzten Hannover, verriet allein seine Gesichtsfärbung. Die changierte zwischen purpurrot und dunklem Lila, und es ist kein gutes Zeichen für die innere Befindlichkeit des Vereins, wenn der Manager schweigt. Spricht Hoeneß nicht, ist es wirklich ernst. Gemessen an Münchner Verhältnissen jedenfalls: Fünfter sind die Bayern nun, sechs Punkte fehlen dem Meister auf den Ligaprimus aus Bremen nach ihrer nunmehr vierten Saisonniederlage und das innerhalb von nur elf Spieltagen.

Erste Heimniederlage seit 21 Jahren
Aber die Statistik spuckte nach der Blamage noch weitere bittere Daten für den einst hellsten Stern am Bundesliga-Himmel aus: Gegen einen Tabellenletzten haben die Münchner vor eigenem Publikum zuletzt vor 21 Jahren verloren. Und nun ist es bereits die zweite Niederlage gegen ein Schmuddelkind vom letzten Platz: Am sechsten Spieltag ging die Partie beim damaligen Tabellenletzten Wolfsburg verloren.

So schlecht sind sie an der Isar seit Menschengedenken nicht in eine Fußball-Saison gestartet, jedenfalls nicht seit 32 Jahren. Das Weltbild des Klubs und seiner Anhänger befindet sich in akuter Schieflage. Kein Wunder also, dass es Hoeneß die Sprache verschlagen hatte. Vielleicht war ihm aber auch nur seine mit viel Verve vorgetragene Osterhasen-Nikolaus-Rede wider den derzeit so lästigen und von allen Seiten mit Lob bedachten Herausforderer aus dem hohen Norden im Hals stecken geblieben. Man solle es mit der Begeisterung für Werder nicht übertreiben hatte der Bayern-Manager vor dem Treffen mit Hannover sinngemäß von sich gegeben. Am Ende, alle Welt kenne doch dieses uralte Gesetz der Liga, werde ohnehin wieder der FC Bayern ganz oben stehen.

«Keine Krise»
Danach sieht es derzeit nun eher nicht aus. Und vermutlich trägt es auch wenig zur Aufhellung der Gemütslage an der Isar bei, dass Felix Magath nach Schluss der aus Münchner Sicht so blamabel verlaufenen Partie, daran erinnerte, dass man sich doch bewusst gewesen sei, was der Verein in der neuen Spielzeit zu erwarten hätte, nämlich hartes Brot zu kauen nach dem Fortgang von Michael Ballack und einem weitgehenden Verzicht auf Zukäufe. «Wir haben vor der Saison gewusst, dass es ein schweres Jahr wird», sagte Magath also und wollte dennoch das in München so verhasste K-Wort nicht gelten lassen. «Ich würde nicht von einer Krise sprechen», sprach der Trainer tapfer in die Mikrofone.

Was denn, möchte man fragen. Als Entschuldigung kommt lediglich die scheinbar in den Klubstatuten festgehaltene Münchner Arroganz in Frage, zu besichtigen beim einzigen Treffer des Spiels durch Szablocs Hustzi kurz vor der Pause. Woran der Defensive Martin Demichelis gedacht haben mag, als er sich in der Nähe der eigenen Eckfahne den Ball von Hannovers Jiri Stajner leichtfertig abjagen ließ, so dass dieser den Ball dann unbedrängt auf Hustzi weitergeben konnte, bleibt sein Geheimnis. Und dennoch steht die Szene sinnbildlich für das Münchner Fußballspiel in diesen Tagen: pomadig, überheblich und schattenhaft, getragen lediglich vom Glanz längst vergangener Tage.

Durchgeschwitzte Trikots
Die Krise ist an der Isar angekommen, auch wenn sie dort noch nach Kräften leugnen wie der holländische Neugang Mark van Bommel. Krise, i wo!, befand der Einkauf vom FC Barcelona, man sei doch noch im DFB-Pokal vertreten und in der Champions League. Wer spricht hier von Krise? Andere indes sind klareren Blickes. «Das ist eine sehr prekäre, schwierige Situation für die Mannschaft. Wir verharmlosen nichts, haben Probleme in der Bundesliga», sagte Oliver Kahn am Tag danach. «So läuft es nicht, es muss etwas passieren», befand Abwehrchef Daniel van Buyten, nicht ohne kräftig gegen seine Vorderleute zu treten: «Es kann sein, dass man ein Spiel verliert, weil nichts läuft oder weil Spieler krank sind. Aber wenn man sich nicht bewegt, sich keine Mühe gibt, ist es schwierig.» Bei einigen seiner Nebenleute sei nicht einmal das Trikot durchgeschwitzt gewesen, mutmaßte der Neuankömmling vom Hamburger SV. Auch sein Trainer befand, «dass Hannover spritziger war».

«Eine Menge Holz»
An Magaths veränderter Taktik wird das kaum gelegen haben. Gegen Hannover hatte der Münchner Trainer seine Aufstellung von einem 4-3-3 zugunsten einer 4-4-2-Formation abgeändert, zwei Stürmer – nämlich Roy Makaay und Claudio Pizarro - also statt der drei in den Spielen zuvor. Man habe sich in dieser Formation gegen defensive Teams zu schwer getan, begründete Magath seinen Schritt.

Am bereits in den vergangenen Spielen blutleeren Münchner Spiel änderte das nichts. Vergessen waren die Schwüre vom großen Neuanfang und dem Münchner Frühling mitten im Herbst. Lediglich zwei ernsthafte Chancen für die Einheimischen durch Makaay und seinen Sturmkollegen Pizarro hatte deren Mitspieler van Buyten hinterher beobachtet. Am Ende wechselte Magath selbst den Teilzeitfußball Scholl ein, so hoffnungslos war die Lage, so abgetaucht war die restliche Kreativabteilung der Bayern. Und ratlos wie das Münchner Spiel waren auch die Antworten nach dessen Ende. Die sechs Punkte Rückstand auf die enteilten Bremer sei «eine Menge Holz», notierten die Journalisten anschließend von Magath: «Wir hatten einfach nicht die spielerischen Mittel, den Gegner auszuspielen. Wir waren zu sicher, dieses Spiel zu gewinnen», so der Trainer. «Das war viel zu wenig», räumte van Bommel ein, die Mannschaft müsse eine Antwort finden.

Welche verriet er nicht. Man habe beim nächsten Spiel gegen Leverkusen keine Ausreden mehr, glaubt der Mann, der eigentlich Ballack bei den Münchnern ersetzen sollte und das bisher nicht vermag: «Wir müssen drei Punkte holen - egal ob wir Schrott- oder Zauberfußball spielen. Wir müssen gewinnen und haben keine Ausreden mehr.» Bayern-Präsident Franz Beckenbauer erwägt bereits öffentlich den Zukauf von frischem Blut in der Winterpause. («Ich würde es bewilligen, ja»), obwohl Manager Hoeneß diese zuvor ebenso öffentlich ausgeschlossen hatte. Aber was heißt das? Wenn selbst die Münchner Lichtgestalt die Nerven verliert, dann ist die Krise an der Isar längst in vollem Gange.


Für das Web ediert von Marc Ellerich