Kahn muss in Bremen üble Gesänge verkraften
09.04.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Er war um 14.50 Uhr als erster Bayern-Spieler zum Aufwärmen auf den Rasen gekommen. Sein Erscheinen provoziert Hohn und Spott aus der Werder-Kurve. «Ohne Olli fahren wir zur WM», skandiert die Ostkurve, es wird nicht das erste Mal an diesem regnerischen und kühlen April-Nachmittag sein. Warmer Applaus schallt aus der Bayern-Ecke gegenüber, vor der Kahn auf und ab läuft. «Klinsmann, du Arschloch», grölt die Münchner Meute, Kahn winkt fünf-, sechsmal artig zu seinen Fans.
Die Seitenwahl mit dem Bayern-Kapitän will es so, dass Kahn sich erst vor dem Bremer Block postiert. Es wird eine Nervenprobe. Binnen weniger Minuten bieten die sangesfreudigen Kuttenträger aus der Hansestadt an, was Kahn vermeintlich schwächen könnte: Von «Auswechselspieler, Auswechselspieler»-Tiraden bis «Lehmann, Lehmann»-Getöse muss sich der 36-Jährige alles anhören, was das Repertoire hergibt. Nach elf Minuten rutscht er auf dem tiefen Boden beim Abschlag weg und liegt auf dem Hosenboden, das Gelächter schallt bis unters Tribünendach.
Nach 33 Minuten überwindet ihn der eigene Mann - Bastian Schweinsteiger köpft den Ball mit voller Wucht ins Kahn'sche Gehäuse. Schlussendlich ist der Tormann an allen drei Gegentoren bei der zu hoch ausgefallenen 0:3-Niederlage machtlos, den Rest - Routinearbeit - erledigt er fehlerfrei. Trainer Felix Magath überhöht die Realitäten, spricht davon, dass es schade sei, dass «seine tolle Leistung uns nicht mehr gebracht hat». Magath: «Er war nicht nur fehlerlos, er war ganz sicher.»
Nach dem Schlusspfiff blickt der so sichere Kahn nicht rechts noch links, er hetzt in die Kabine, er läuft nicht mit der Mannschaft aus. Wortlos, scheinbar emotionslos verschwindet er. Hoeneß wird später sagen, er wolle Kahn noch dazu bewegen, die WM mitzumachen. Würde heißen, Kahn müsste irgendwie für die gesamte Vorbereitung und ein gesamtes Turnier die Verbannung auf die Bank akzeptieren. Ist das zur WM im eigenen Land vorstellbar?
Ob die Personaldebatte die Niederlage gegen Werder mit verursacht haben könnte? «Es hat die Mannschaft geschockt, das war eine heftige Entscheidung», sagt Ballack mit fester Stimme vor der Gästekabine in die Mikrofone. In diesem Moment geht die Glastür auf, Kahn hastet im Stechschritt Richtung Bus. Die Schirmmütze ist tief ins Gesicht gezogen, der Blick starr. Kahn geht konsequent an den Kameras vorbei, weiter geradeaus durch die nächste Tür, die ein Ordner aufhält. Das ist der direkte Weg zum Bayern-Bus; Kahn sieht aus wie ein Getriebener, der plötzlich nicht so recht weiß, wo er wirklich hin soll.

