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Kahn muss in Bremen üble Gesänge verkraften

09. Apr 2006 10:22, ergänzt 14:54
Oliver Kahn (M.), Owen Hargreaves (l.) und Markus Merk
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Hohn von den Rängen, drei Gegentore, ein Ausrutscher und keine Aussage: Der erste Arbeitstag von Oliver Kahn nach der Demontage als WM-Torwart wirkte befremdlich.

Von Frank Hellmann, Bremen

Bilderschau:
Vermutlich wird Oliver Kahn diesen Arbeitstag zeitlebens nicht vergessen. Der Tag nach der Demontage als erster Fußball-Torwart der Nation. Es ist halb drei am Samstag, der Bayern-Bus ist längst mit dem Insassen Kahn unter der Ostkurve des Weserstadions vorgefahren, da tuscheln die Menschen in Bremen noch: Wird er spielen? Wie wird er reagieren? Was wird er sagen?

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  • Erst einmal reden andere: Bayern-Manager Uli Hoeneß ergreift wortreich in Interviews direkt am Spielfeldrand für seinen Angestellten Partei, während sich Kahn vom jungen Michael Rensing für das Spitzenspiel bei Werder Bremen warm schießen lässt. Während Hoeneß eine Tirade nach der anderen auf Bundestrainer Jürgen Klinsmann abfeuert («Er hätte Kahn das in aller Ruhe am Sonntag sagen können, aber da geht wohl wieder ein Flieger nach Amerika»), konzentriert sich Kahn auf das Wesentliche: So als sei schon jeder gehaltene Ball vor dem Spiel wichtiger.

    Er war um 14.50 Uhr als erster Bayern-Spieler zum Aufwärmen auf den Rasen gekommen. Sein Erscheinen provoziert Hohn und Spott aus der Werder-Kurve. «Ohne Olli fahren wir zur WM», skandiert die Ostkurve, es wird nicht das erste Mal an diesem regnerischen und kühlen April-Nachmittag sein. Warmer Applaus schallt aus der Bayern-Ecke gegenüber, vor der Kahn auf und ab läuft. «Klinsmann, du Arschloch», grölt die Münchner Meute, Kahn winkt fünf-, sechsmal artig zu seinen Fans.

    Die Seitenwahl mit dem Bayern-Kapitän will es so, dass Kahn sich erst vor dem Bremer Block postiert. Es wird eine Nervenprobe. Binnen weniger Minuten bieten die sangesfreudigen Kuttenträger aus der Hansestadt an, was Kahn vermeintlich schwächen könnte: Von «Auswechselspieler, Auswechselspieler»-Tiraden bis «Lehmann, Lehmann»-Getöse muss sich der 36-Jährige alles anhören, was das Repertoire hergibt. Nach elf Minuten rutscht er auf dem tiefen Boden beim Abschlag weg und liegt auf dem Hosenboden, das Gelächter schallt bis unters Tribünendach.

    Prächtige Parade gegen Valdez

    Nach einer Viertelstunde zeigt Kahn indes seine ganze Klasse, wehrt bravourös den Schuss von Nelson Valdez aus 13 Metern ab. Das anschließende Gerangel mit dem sprungstarken Stürmer aus Paraguay, der Kahn im Luftkampf attackiert hatte, endet in einem Pfeifkonzert. Im Grunde bleibt diese Aktion, die einzige, in der sich der «demontierte Torwart» (Hoeneß) wirklich auszeichnen kann.

    Nach 33 Minuten überwindet ihn der eigene Mann - Bastian Schweinsteiger köpft den Ball mit voller Wucht ins Kahn'sche Gehäuse. Schlussendlich ist der Tormann an allen drei Gegentoren bei der zu hoch ausgefallenen 0:3-Niederlage machtlos, den Rest - Routinearbeit - erledigt er fehlerfrei. Trainer Felix Magath überhöht die Realitäten, spricht davon, dass es schade sei, dass «seine tolle Leistung uns nicht mehr gebracht hat». Magath: «Er war nicht nur fehlerlos, er war ganz sicher.»

    Nach dem Schlusspfiff blickt der so sichere Kahn nicht rechts noch links, er hetzt in die Kabine, er läuft nicht mit der Mannschaft aus. Wortlos, scheinbar emotionslos verschwindet er. Hoeneß wird später sagen, er wolle Kahn noch dazu bewegen, die WM mitzumachen. Würde heißen, Kahn müsste irgendwie für die gesamte Vorbereitung und ein gesamtes Turnier die Verbannung auf die Bank akzeptieren. Ist das zur WM im eigenen Land vorstellbar?

    Borowski: «Wir brauchen ihn»

    «Wir brauchen ihn als Typ», insistiert Tim Borowski, der Bremer. Michael Ballack, Kahns Mitspieler und Kapitän der Nationalmannschaft hat Zweifel, dass die Ratschläge den gestürzten Titan auch erreichen. «Er ist derzeit schwer zugänglich», urteilt Ballack über Kahn.

    Ob die Personaldebatte die Niederlage gegen Werder mit verursacht haben könnte? «Es hat die Mannschaft geschockt, das war eine heftige Entscheidung», sagt Ballack mit fester Stimme vor der Gästekabine in die Mikrofone. In diesem Moment geht die Glastür auf, Kahn hastet im Stechschritt Richtung Bus. Die Schirmmütze ist tief ins Gesicht gezogen, der Blick starr. Kahn geht konsequent an den Kameras vorbei, weiter geradeaus durch die nächste Tür, die ein Ordner aufhält. Das ist der direkte Weg zum Bayern-Bus; Kahn sieht aus wie ein Getriebener, der plötzlich nicht so recht weiß, wo er wirklich hin soll.

     
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