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Grotesker Medienrummel um Youngster Sahin

10. Aug 2005 13:45, ergänzt 14:45
Nuri Sahin (l.) bei seinem Debüt gegen Wolfsburgs Mike Hanke
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Nach seinem Debüt in der Fußball-Bundesliga kann sich BVB-Fußballer Nuri Sahin kaum noch vor Interview-Anfragen retten. Den Rummel um den 16-Jährigen verfolgen die Verantwortlichen von Borussia Dortmund mit Sorge.

Von Heinz Büse, dpa

Die Stars stehen im Schatten, ein Nesthäkchen im Rampenlicht. Bei Borussia Dortmund dreht sich derzeit alles um Nuri Sahin. Im Vorfeld des Revierschlagers gegen den FC Schalke 04 im ausverkauften Westfalenstadion nimmt der Medienrummel um den 16 Jahre alten Türken groteske Züge an. Mit Sorge verfolgen Trainer und Vereinsspitze den Hype um den Jungstar, der seit Samstag jüngster Akteur der Bundesliga-Geschichte ist: «Wir sind nicht Borussia Sahin», klagte Sportdirektor Michael Zorc in der «Westfälischen Rundschau».

Kehl nur am Rande

Ob Ex-Nationalspieler Sebastian Kehl beim Duell mit dem Erzrivalen aus Gelsenkirchen nach wochenlanger Pause wieder zur Verfügung steht, wurde von den Zaungästen auf dem Trainingsgelände nur beiläufig diskutiert. Die Zerrung im linken Oberschenkel, die sich Sahin am Dienstag zuzog, war dagegen in aller Munde. Ein erstes Bulletin von Mannschaftsarzt Markus Braun sorgte für große Erleichterung. Demnach können die Fans auch am Samstag mit ihrem neuen Liebling rechnen.

Das Desinteresse an Kehl und die Aufregung um Sahin war bezeichnend: Seit der «Wunderknabe in Schwarz und Gelb» («Die Welt») in Wolfsburg erstmals Bundesliga-Luft schnupperte, kann er sich vor Anfragen der TV-Sender, Magazine oder Tageszeitungen kaum retten. Da Sahin sowohl auf dem Platz als auch vor den Kameras bisher einen stabilen Eindruck machte, ließ ihn Trainer Bert van Marwijk lange gewähren. Das soll sich nun ändern. «Bei allem Verständnis für das große Interesse müssen wir aufpassen, dass der Junge nicht überrumpelt wird. Seit Samstag lehnen wir alle Interview-Wünsche freundlich aber bestimmt ab», sagte BVB-Mediendirektor Josef Schneck.

Fragwürdige Schlagzeilen

Ein solcher Strategiewechsel macht Sinn. Längst ist der rasante Aufstieg Sahins zu einem Thema von nationaler Tragweite geworden. Das sorgt für voreilige Schlagzeilen: Nach nur 90 Minuten Profi-Fußball wird schon über seine Zukunft als Nationalspieler spekuliert. «Wenn die Deutschen uns anriefen, würden wir bestimmt nicht Nein sagen», wurde Sahins Vater Savas beim Internetanbieter «Sport.1» zitiert. Die Boulevard-Presse atmete auf: Demnach ist das laut Arsenal-Coach Arsene Wenger «weltweit größte Talent» noch nicht für den deutschen Fußball verloren. Ähnlich sieht es DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder: «Er ist in Deutschland aufgewachsen, er hat in Deutschland Fußball spielen gelernt, warum also sollte er nicht für Deutschland spielen.»

Bestreitet Sahin bis zur Vollendung seines 21. Lebensjahres kein
A-Länderspiel für die Türkei, ist ein Wechsel zwischen den beiden Verbänden bis zu diesem Zeitpunkt möglich. Nicht zuletzt daher hofft auch der deutsche U-18-Auswahltrainer Michael Skibbe bei Sahin auf einen Sinneswandel: «Ich bin von seinen Fähigkeiten absolut überzeugt und habe großes Interesse daran, dass er für Deutschland spielt.»

Gut stehen die Chancen nicht: Der in Meinerzhagen groß gewordene Sahin hat nie einen Zweifel an seiner Vorliebe gelassen. Wie schon beim Gewinn der U 17-Weltmeisterschaft im Sommer will er auch in Zukunft das Trikot türkischer Auswahl-Mannschaften tragen. «Ich bin zwar in Deutschland geboren, aber ich fühle mich als Türke.»

Frühreife kein Erfolgsgarant

Bescheidenheit ist das Gebot der Stunde. Viele der schon früh ins kalte Wasser geworfenen Talente machten auch noch Jahre später von sich reden. Doch noch länger ist die Liste all jener, die trotz erstaunlicher Frühreife hinter den Erwartungen zurückblieben. Allein der Blick auf die bisherigen Liga-Rekordhalter stimmt nachdenklich: Der im Alter von 17 Jahren und 26 Tagen eingesetzte Torhüter Jürgen Friedl bestritt zwischen März 1976 und Juni 1979 ganze drei Erstliga- Spiele für Eintracht Frankfurt. Und auch die Karriere von Ibrahim Tanko, der einst neben Lars Ricken im zarten Alter von 17 Jahren und 61 Tagen im so genannten «Baby-Sturm» von Borussia Dortmund für Furore sorgte, verlief bisher weniger erfolgreich als erwartet.

 
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