netzeitung.deRauball: Es wird kein Betteln um Hilfe geben

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BVB-Präsident Reinhard Rauball. (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe BVB-Präsident Reinhard Rauball.
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

BVB-Präsident Reinhard Rauball wird mit Borussia Dortmund auf dem Boden bleiben. Er weiß, dass Hilfsangebote des FC Bayern die Fans verletzen, sagte er im Interview mit der Netzeitung.

Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund hat die Rückrunde der Saison mit einem Sieg in Wolfsburg begonnen. BVB-Präsident Reinhard Rauball sei ein Stein vom Herzen gefallen, sagt er im Interview mit der Netzeitung. Sorgen um die Lizensierung für die kommende Spielzeit macht sich Rauball nicht. Nach den «Sternen» will er dennoch nicht greifen, sondern die Restrukturierung des schwer verschuldeten Klubs in aller Ruhe voranbringen. Auch Stars würden nicht mehr wahllos eingekauft, sondern darauf geachtet, dass sich die Fans mit den Spielern identifizieren können.

Netzeitung: Wie groß war der Stein, der Ihnen nach dem Schlusspfiff in Wolfsburg vom Herzen gefallen ist?

Reinhard Rauball: Die Gesamtumstände hatten sich schon zu einem ganz schön großen Stein entwickelt. Nach der Winterpause weiß man ja nie, wo man genau steht. Christoph Metzelder hat nach zwei Jahren wieder in der Anfangsformation gestanden, Salvatore Gambino war mehrere Monate verletzt, Lars Ricken hat seit Anfang des Jahres 2003 erstmals von Beginn an gespielt. Dazu kommt unsere wirtschaftliche Situation. Da hat sich einiges angehäuft.

Am Anfang der wichtigsten Rückrunde
Netzeitung: Wer die Erleichterung erlebt hat, glaubte, Borussia Dortmund habe einen der ganz großen Sieg seiner Vereinsgeschichte errungen.

Rauball: Es war ein großer Sieg, schließlich steht der BVB am Anfang der wichtigsten Rückrunde überhaupt. Wir haben durch diesen Erfolg eine positive Stimmung erzeugt, wie wir sie lange nicht mehr hatten. Die gilt es mitzunehmen in das Heimspiel gegen Gladbach.

Netzeitung: Diesen Stimmungswechsel haben Sie bewusst kreiert, indem Sie angekündigt haben, mit breiter Brust anzutreten. Aus dem Bewusstsein heraus, dass ein permanentes Totengräber-Szenario an die Substanz geht?

Rauball: Diese Negativberichterstattung wünscht sich keiner. Wir müssen sie aber akzeptieren, weil unsere Probleme überwiegend hausgemacht sind. Dennoch dürfen wir uns nicht in einen Strudel ziehen lassen, sondern müssen Optimismus vorleben.

Netzeitung: Der BVB kämpft weiter an zwei Fronten. Es geht nicht nur darum, die Liga zu halten, sondern auch um die Lizenz.

Rauball: Die Lizenzerteilung muss die Geschäftsführung der KGaA bis zum 15. März vorbereiten. Unser Restrukturierungsprogramm ist vorgestellt worden, und wenn diese Punkte alle abgearbeitet werden, bekommen wir auch die Lizenz.

Netzeitung: Vor Wochen haben Sie gesagt, die Lage sei noch ernster, als vermutet. Waren Sie geschockt, als Ihnen das wahre Ausmaß der Misere bewusst wurde?

Rauball: Ich war nicht geschockt, dennoch stehe ich zu meiner Einschätzung. Wir erleben die schwierigste Zeit unserer Vereinsgeschichte und müssen froh sein über jedes Erfolgserlebnis, das wir uns Schritt für Schritt erarbeiten können.

Netzeitung: Fällt es schwer, ausgerechnet in Dortmund, wo jahrelang ein Wachstum ohne Grenzen vorgelebt wurde, eine Politik der kleinen Schritte zu propagieren?

Kein Rückschritt
Rauball: Nein, weil es Bestandteil einer realistischen Betrachtungsweise ist. Es galt, die Situation zu analysieren und umzudenken. Auch wenn das nach Rückschritt ausschauen mag, bleibt es der einzig gangbare Weg.

Netzeitung: Hatte Ihr Vorgänger Gerd Niebaum das Maß für das Machbare verloren?

Rauball: Nach meiner Überzeugung sind die dritte Stufe des Ausbaus des Westfalenstadions und der Amoroso-Transfer Knackpunkte, die wesentlich zur momentanen Situation beigetragen haben. Ein Rückkauf des Stadions oder ein ähnliches Modell wäre ein wesentlicher Schritt, das Thema Amoroso ist nicht mehr zu ändern.

Netzeitung: Weil das wirtschaftliche Korsett so eng sitzt, haben Sie mit Ebi Smolarek in der Winterpause lediglich einen Spieler ausleihen können und dafür Häme kassiert. Was verspüren Sie nach dessen glänzenden Debüt?

Rauball: Bestätigung und Genugtuung. Wenn diese Häme immer zu einem solchen Ergebnis führt, erfahren wir sie gerne.

Personalkosten stark senken
Netzeitung: Ist es eine Herausforderung, unter diesen Bedingungen Vorzeigbares zu schaffen? Mit dem Scheckheft wedeln kann schließlich jeder.

Rauball: Es ist eine schwierige Aufgabe, und die gehen wir an. Wir werden die Personalkosten auf unter 30 Millionen Euro senken und sie damit im Vergleich zu den Zeiten eines Amoroso halbieren. Dennoch werden wir in der kommenden Saison einen schlagkräftigen Kader präsentieren.

Netzeitung: Aber es muss doch schmerzen, vom Großeinkäufer zum Schnäppchenjäger degradiert zu werden.

Rauball: Ich erkenne da für mich persönlich keine Wertigkeit. Der beste Einkauf in den letzten Jahren war Christoph Metzelder, der als Amateur von Preußen Münster geholt wurde. Es ist doch viel anspruchsvoller, solche Leute zu finden.

Echte Identifikationsfiguren
Netzeitung: Ist es den verwöhnten Fans vermittelbar, auf Sicht keine Stars zu holen?

Rauball: Wir brauchen Leute, mit denen sich die Fans identifizieren können. Leute, die weit weg sind vom Begriff Millionario.

Netzeitung: Wird es einen Weg zurück in die Champions League geben?

Rauball: Wir haben ja schon über den Wechsel der Politik beim BVB geredet. Es macht keinen Sinn, nach den Sternen zu greifen und zu vergessen, wo der Boden ist.

Netzeitung: Ist diese Bodenhaftung verloren gegangen beim Bestreben, sich mit den Bayern auf Augenhöhe zu messen?

Rauball: Das war ein zu punktuell formuliertes Ziel. Borussia Dortmund war in seiner wechselhaften Vergangenheit nie ein Verein, der sich nach anderen richten musste.

Netzeitung: Es gab das Hilfsangebot der Bayern, das von Karl-Heinz Rummenigge öffentlich gemacht wurde. Die Sache bekam eine Eigendynamik, die Ihnen nicht Recht sein konnte.

Rauball: Die Hilfsangebote von Bayern München und auch von Schalke 04 sind uns nicht persönlich, sondern über die Medien gemacht worden. Wir haben uns mit den Bayern ausgetauscht und dabei erfahren, dass dieses Angebote absolut unkonkret war. Warum in diesem Zusammenhang von Bettelei die Rede war, erschließt sich mir nicht. Mittlerweile hat sich das Thema erledigt. Wir versuchen, unsere Probleme selbst zu lösen.

Netzeitung: Die BVB-Fans empfinden solche Hilfsangebote als Demütigung.

Rauball: Zu Recht. Das verletzt den Stolz. Deshalb habe ich auch klargestellt, dass es kein Betteln um Hilfe gegeben hat und auch in Zukunft nicht geben wird. Wir dürfen den Stolz unserer Fans nicht verletzen.

Netzeitung: Bochums Trainer Peter Neururer sprach von Wettbewerbsverzerrung.

Rauball: Da war ich enttäuscht von Herrn Neururer, schließlich hat es keine Vereinbarungen gegeben.

Netzeitung: Florian Homm hat Bielefelds Trainer Uwe Rappolder beim BVB ins Gespräch gebracht, Sadettin Saran nannte den Namen Christoph Daum. Ist es der Preis der Misswirtschaft, dass branchenfremde Großaktionäre Einfluss auf das Tagesgeschäft nehmen?

Rauball: Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn persönliche Ideen an mich herangetragen werden. Ich mag es nur nicht, wenn das über die Öffentlichkeit geschieht.

Vieles über Medien kommuniziert
Netzeitung: Herr Saran hat jüngst in einem Interview mit einer türkischen Tageszeitung angekündigt, sich im Sommer in den vierköpfigen Vorstand wählen lassen zu wollen. Das steht im klaren Widerspruch zu seiner Aussage, sich aus dem operativen Geschäft herauszuhalten.

Rauball: Diese Absicht ist mir nicht bekannt. Wir leiden darunter, dass vieles über die Medien kommuniziert wird und nicht mit uns persönlich. Grundsätzlich bleibt es dabei, dass wir strikt an der Trennung zwischen Aktionären und Verein festhalten. Im übrigen macht die Information so keinen Sinn, weil die Legislaturperiode des jetzigen Vorstandes bis Ende 2006 dauert.

Netzeitung: Nachdem publik geworden ist, dass Sie beim BVB ein Jahressalär von 480.000 Euro beziehen, mutmaßte der «Kicker», Sie predigen Wasser und trinken Wein.

Rauball: Ich bin von Gerd Niebaum gefragt worden, ob ich sein Nachfolger als Präsident werden könne und wurde in einem zweiten Schritt gebeten, die Verantwortung für den Kernbereich Profis, Regionalliga und Jugend zu übernehmen. Das ist ein Fulltime Job, für den mir das genannte Honorar angeboten wurde. Die Dinge wurden von einem Juristen geprüft, vom Präsidialausschuss genehmigt und dem Aufsichtsrat vorgelegt. Mehr Transparenz geht nicht. Im übrigen habe ich bislang noch keinen Cent in Anspruch genommen. Herr Niebaum verzichtet auf Bezüge in Höhe meines Honorars, weil er diese Arbeit nicht mehr macht. Da wir nach dem Ausstieg von Stefan Reuter dessen Gehalt als Teammanager sparen, ergibt das auf der Ebene der Geschäftsleitung eine erhebliche Reduzierung der Kosten. Für mich ist klar, dass es Zahlungen an mich nur geben kann, wenn die finanzielle Lage stabilisiert worden ist.

Das Interview mit Reinhard Rauball führte Felix Meininghaus