14.12.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Frohes Fest nur dank Roy Makaay
Die Stuttgarter spielten ideenreicher und leichtfüßiger, am Ende aber gewann der FC Bayern die Spitzenbegegnung. Die Münchner wissen nur zu genau, wem sie die Erfolge von zuletzt zu verdanken haben.
Ein Märchen ist wahr geworden für den FC Bayern München. Und zwar genau in der 75. Minute im Spiel gegen den bisherigen Tabellenführer, den VfB Stuttgart. Da traf Roy Makaay bei einer Chance, «die», so Uli Hoeneß, «keine war», und am Ende stand ein 1:0-Sieg des Rekordmeisters. Der Bayern-Manager, der mit seiner putzigen rotweißen Mütze irgendwie aussah wie Onkel Fritze, packte sich vor Freude Ottmar Hitzfeld und erwürgte den hilflosen Trainer beinahe.
Viel Lob für MakaayHoeneß wusste spätestens in diesem Moment: Die Bayern haben am 8. August einen Goldesel eingekauft. Das redliche Wesen, das weder am Wagen zieht noch Säcke trägt, sondern Goldtaler speit, war zwar nicht ganz billig: 18,75 Millionen Euro kostete Roy Makaay, so viel, wie noch kein Spieler des FC Bayern zuvor. «Aber er zahlt mit Toren zurück, und zwar mit sehr wichtigen», strahlte auch Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge über den Toperwerb. Wahrhaftig: Der Holländer steht in seiner Kunst, aus nichts unschätzbar viel zu machen, dem Eselchen aus dem Märchen «Tischlein deck dich» ganz nahe. Dank seinem Treffer dürfen die Bayern nach Wochen ergebnislosen Hinterherrennens erstmals in dieser Saison realistisch von der Qualifikation für die kommende Champions League träumen. Von prallvollen Geldtöpfen und dem goldenen Füllhorn fetter Prämien. Und Uli Hoeneß ist gewiss ein Fan der Brüder Grimm.
Der Manager hat bei Bayerns Einkauf aus La Coruna etwas entdeckt, was er noch nie sah: «Roy hat eine unglaubliche Schusstechnik», schwärmte er. Makaay beantwortete die Frage, ob er bei seinem Schuss ein wenig Glück gehabt habe, auf seine übliche trockene Art: «Wenn der Torhüter den Ball aufs lange Eck bekommt, hat er es immer schwer.» Bei dem weiten Abschlag Kahns habe sein Gegenspieler Meira «einen Fehler gemacht, da muss man eben drauf lauern». Neben Meira habe ihn noch «ein anderer Gegenspieler bewacht, einer in der Mitte. Aber am Ende war der Ball für den Stürmer.» Für ihn, Roy Makaay, höchst persönlich. Dessen Ausbeute ist überragend. Acht Treffer erzielte der Holländer in der Bundesliga, fünf in der Champions League, und das, obwohl er erst in der laufenden Saison zum FC Bayern wechselte und erhebliche Konditionsdefizite hatte. «Er ist unheimlich effizient», strahlte Ottmar Hitzfeld. Und Karl-Heinz Rummenigge ergänzte: «Roy Makaay ist einer, der offenbar keinen Druck empfindet.»
Am Rande der NiederlageEine versteckte Anklage gegen den großen Rest beim Rekordmeister war das, der gegen die leichtfüßigen, ideenreichen Stuttgarter erneut am Rande einer Niederlage stand. «Wie schon am Mittwoch gegen Anderlecht, so haben wir auch gegen die Stuttgarter großes Glück gehabt», gab Rummenigge zu. «Wir müssen aber», merkte der Vorstands-Boss kritisch an, «aufpassen, dass wir das Glück nicht überstrapazieren». Lange hatten die Bayern - wieder einmal - ohne Linie, ohne Zusammenhang und ohne Schubkraft gespielt. Doch der Abwehrchef Sammy Kuffour «in Weltklasseform» (Rummenigge) und Roy Makaay als kühler Vollstrecker genügten. Da durfte VfB-Kapitän Horst Heldt ruhig schimpfen: «Bayern hat aus einer Null-Chance ein Tor gemacht. Das wird uns aber nicht umhauen.»
Während die Erleichterung schon bei Ottmar Hitzfeld einen kleinen Gefühlsausbruch bewirkte - «Ich bin überglücklich» - , sprach Oliver Kahn darüber noch pathetischer: «Die Mannschaft wankt und wankt, wie ein Turm im Sturm. Aber sie fällt nicht um.» «Es geht bei uns derzeit nur um das nackte Ergebnis», bat Rummenigge um Verständnis. Und nicht nur das habe gestimmt: «Wir haben die Woche mit dem 1:1 in Bremen, sowie Siegen gegen Anderlecht und Stuttgart wunderbar überstanden.»
Große ZieleZukünftig, so Rummenigge, müsste die Mannschaft «die Punkte aber nicht nur mit Glück, sondern auch mit Qualität holen.» Beginnend mit dem Trainingslager in Dubai für den Rückrundenstart am 31. Januar müsse die Mannschaft «daran arbeiten, dass wir den großen Traum, den wir alle träumen», nämlich die hohe Hürde namens Real Madrid erfolgreich zu nehmen, «realisieren können». Aber am Dienstag gelte es erst noch einmal, «in Freiburg alles für drei Punkte zu geben. Und das wird schwer genug.»
Aber warum nur so ängstlich? Schließlich gibt es einen Roy Makaay. Der den Bayern mit seinen Toren die Millionen Euro nur so in den Schoß purzeln lässt und die schönsten Perspektiven beschert. «Bricklebrit» - Uli Hoeneß wird es kennen - lautet das Zauberwort: «Und schon», so schrieben seine Freunde, die Brüder Grimm, «speit dir das gute Eselchen Goldstücke aus.»