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100 Prozent Fußball: Hermann Gerland (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 100 Prozent Fußball: Hermann Gerland
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der «Der Tiger aus München» hat die Shortkicks-Gala des 11mm Film-Festivals in Berlin gewonnen - obwohl er Filmexperten gar nicht am besten gefiel. Aber fußballerisch war er toll, sagten Ex-Fußballer und überstimmten den Rest, berichtet Patrick Loewenstein .

So kommt es halt, wenn man ehemalige Profifußballer und Filmexperten in eine Jury steckt: Beim 11mm Film-Festival in Berlin haben die Ex-Kicker geschlossen für ihren Lieblingsstreifen gestimmt, sehr zur Verwunderung der anwesenden Filmexperten. So siegte «Der Tiger aus München», ein Dokumentarfilm um ein Interview mit Trainer Hermann Gerland. Jurymitglied Hans-Erich Viet, Professor für Spielfilmregie, wurde glatt überstimmt. Er hätte unter filmischen Aspekten den spanischen Beitrag «Maxima Pena» (Höchststrafe) zum Sieger erklären wollen.
Kein «Applausometer»
Der Kurzfilmwettbewerb «11mm shortkicks-Gala» war das furiose Ende des Festivals. Beiträge verschiedener europäischer Regisseure, deren Filme zwischen zwei und 18 Minuten lang waren, konkurrierten um den Sieg – sinnigerweise elf Stück insgesamt. Das von Radioeins-Moderator Andreas Ulrich angekündigte «Applausometer» zur möglichen Korrektur der Juryentscheidung durch das Publikum kam nicht zum Einsatz, zu eindeutig war das Abstimmungsergebnis der Juroren.
11mm-Jury
Die Jury setzte sich unter anderem aus den Ex-FußballernJens Todt, Henning Bürger (zurzeit Trainer von Carl Zeiss Jena), Christian Beeck undSven Kretschmer zusammen - Spieler, die während ihrer aktiven Karriere meist über den Kampf zum Spiel gefunden haben. Von Filmexperten-Seite ist vor allem einer zu nennen: Hans-Erich Viet, Professor für Spielfilmregie an der internationalen filmschule köln (ifs).

Von den elf Beiträgen wurden lediglich die fünf Filme, die sich mit fußballverrückten Protagonisten auseinandersetzten, von den Juroren mit Punkten bedacht. Der Film mit und über Hermann Gerland aber spielte bei den ehemaligen Kickern in einer anderen Liga.

Eine Szene: Hermann Gerland, der Mann, den sie den Tiger nennen, steht am Rand eines Trainingsplatzes der FC Bayern-Amateure. Mit jeder Pore kommt Gerland aus dem Ruhrpott. Er spricht freundlich, aber sehr bestimmt und in breitem Bochumer Slang. Der Mann scheint mit sich im Reinen, geradlinig und ehrlich. Gerland wirkt im leuchtend-roten Trainingsanzug des FC Hollywood verkleidet. Im polierten München wirkt der knurrige Mann aus Bochum eher wie ein Anachronismus.


«Maxima Pena» (Höchststrafe)
Nur kurz, um Veits erste Wahl nicht gänzlich unerwähnt zu lassen: «Maxima Pena» zeigt den Trainer eines spanischen Provinzklubs, der nicht zur Beerdigung seines Vaters gehen kann, da er seinen Klub im Abstiegskampf nicht alleine lassen will. Die Komödie endet damit, dass seine Frau die Asche seines Vaters auf dem Platz verstreut. Der 11-minütige Film ist ohne Schnitt aus einer einzigen Kameraperspektive gedreht – eine großartige filmische und schauspielerische Leistung.
Bemerkenswerte Übereinstimmung
Trainer Hermann Gerland hätte sich in Berlin im Erfolg des Films über ihn sonnen können, war aber zu dem Filmfestival nicht erschienen. Er wollte sein Team nicht allein lassen, das sich in der Regionalliga Süd im Abstiegskampf befindet. Eine bemerkenswerte Übereinstimmung übrigens mit dem Inhalt des Festival-Zweiten «Maxima Pena».

Büger wählt gegen sich selbst
Anders als Gerland und der Protagonist von «Maxima Pena» nahm sich Henning Bürger, Trainer des ebenfalls akut abstiegsgefährdeten Zweitligisten Carl Zeiss Jena, die Zeit, um als Juror beim 11mm-Festival dabei zu sein. Auch er wählte den «Tiger aus München» auf den ersten Platz.

Qualität der Statements
Gefragt nach seiner eigenen Haltung zu seinem Film sagte der Regisseur des Siegerbeitrags, Andreas Leimbach-Niaz, ihm sei es tatsächlich eher um die Aussagen Gerlands gegangen. Die filmische Umsetzung sei zweitrangig gewesen. Der Jungfilmer hofft nun durch den Erfolg des Kurzfilms die Möglichkeit zu haben, eine längere Dokumentation über Gerland drehen zu können. Leimbach-Niaz stammt ebenso wie Gerland aus Bochum und hatte vor vielen Jahren eine persönliche Begegnung mit dem «Tiger» und verfolgt dessen Karriere seitdem aufmerksam.

Der später entstandene 15-minütige Film wurde während eines einzigen Trainings am Rande des Sportplatzes der Bayern Amateure gedreht. Was der Jury vor allem gefiel: Gerland antwortete zwar auf die Fragen von Leimbach-Niaz, ließ aber keine Sekunde das Spiel seiner Amateure aus den Augen. Während der Antworten bellte der Trainer unvermittelt Befehle in Richtung seiner Schützlinge.

Gerland liebt den Fußball – noch immer
Sein mangelndes Talent hat Gerland durch Zähigkeit und Willensstärke ausgeglichen. Der Traum eines kleinen Jungen ging in Erfüllung, 1972 debütierte er in der ersten Mannschaft des VfL Bochum. Damals konnte man mit Fußball noch kein großes Geld verdienen, das war Gerland aber egal, er wollte nur spielen, spielen, spielen. Ruhrpott-Ikone und Stürmerlegende «Ente» Lippens nannte Gerland «seinen unangenehmsten Gegenspieler» für den Tiger ein großes Kompliment.

Bereitschaft sich zu quälen
Er berichtet über seine frühen Tage, als er jeden Tag stundenlang trainierte, auch bei Regen und Schnee. Nach Flugkopfbällen auf Schotterplatzen bluteten ihm die Hände - aber der Ball war im Tor, das sind die Geschichten die Gerland erzählt. Er schaut auf die gepflegten Trainingsplätze, einige verfügen sogar über eine Rasenheizung. Für so einen Luxus hat der Tiger wenig übrig, die Bereitschaft sich zu quälen ist für ihn ein Schlüssel zu Erfolg.

Auch mal dahin, wo's weh tut
Viel Zeit verbringt Gerland damit, seine Jungstars zu erden. Viele der Nachwuchskicker denken, sie haben es bereits geschafft, weil sie bei den großen Bayern spielen. Der Tiger hat schon viele Spieler abstürzen sehen, große Begabungen, die schlampig mit ihren Talenten umgegangen sind und andere, denen der finale Biss fehlte.

Ernst der Lage
Scheitert die Fußballerkarriere, stehen die mittlerweile nicht mehr ganz so jungen Männer mit 30 auf der Straße - ohne Ausbildung. Gerland redet sich den Mund fusselig, er spricht mit Spielern und Eltern, um ihnen den Ernst der Lage klarzumachen. Dieser Mann fühlt sich für das Wohl seiner Schützlinge verantwortlich.

Viele, die durch seine Schule gingen haben es nach ganz oben geschafft Anfand der neunziger Jahre bildete er Talente wie Markus Babbel, Sammy Kuffour, Didi Hamann, Christian Nerlinger oder Owen Hargreaves aus. Die Freude, wenn er darüber berichtet, ist ihm ins Gesicht geschrieben.

Der Tiger will nach Hause
Gerland ist nicht gerne in München, seine Heimat ist der Pott. Fast am Ende des Films sagt er: «Wenn ich hier fertig bin, will ich wieder nach Hause.» – nach Bochum.

Heftige Liebesbeziehung
«Fußball und Film - aus einer zarten Bande ist eine heftige Liebesbeziehung geworden. Der Fußballfilm hat sich als eigene Gattung etabliert», so ist auf der Internetseite des Festivals zu lesen. Seit 2004 veranstaltet der «Brot und Spiele e.V.» in Berlin das Internationale Fußballfilmfestival 11mm, auf dem Kurz- und Spielfilme rund ums Runde gezeigt werden.