Unruhen in Tibet vor den Sommerspielen in Peking:
Olympia-Boykott – warum eigentlich nicht?
19. Mrz 2008 07:13
 |  Düstere Vorzeichen: Die Olympischen Spiele in Peking stehen unter keinem guten Stern. | Foto: AP |
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Ein Boykott der Spiele in Peking würde nur die unschuldigen Athleten bestrafen, sind sich deutsche Politiker und Funktionäre einig. Doch ein Fernbleiben könnte der Sportgemeinde durchaus zur Ehre reichen, findet
Leon Knigge.
Von wegen, Menschenrechte und moralische Verantwortung: Es geht wieder einmal um das liebe Geld. Knapp 84 Millionen Euro will der Bund im Jahr 2008 als Sportförderung dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und seinen Fachverbänden zukommen lassen. Eine hübsche Stange Geld für das Prestigeprojekt «Deutscher Spitzensport».
Diese Investition zahlt sich regelmäßig aus: Bei Winter- wie Sommerspielen landet die deutsche Equipe stets auf den vordersten Plätzen, wie zuletzt bei den Winterspielen in Turin, wo am Ende der erste Platz im Medaillenspiegel heraussprang. Die Sportgemeinde ist beseelt, denn bei welchem Sportereignis lässt sich besser zeigen, dass deutsche Top-Sportler nicht zwangsläufig Fußballschuhe tragen oder Michael Schumacher heißen müssen.Beim Bund will man die Investition natürlich auch im Olympischen Sommer 2008 ausgezahlt wissen. Ein größeres Debakel, als ein Verzicht auf die prestigeträchtigen Weltspiele, kann man sich folgerichtig kaum ausmalen. Schier unvorstellbar: Die medaillen- und millionenschweren Sportler-Beine zieren die heimischen Couchtische, statt der olympischen Wettkampfstätten.
Sportliche Ehren vor geächtetem Hintergrund
«Der Sport kann seine Wirkung nur entfalten, wenn die Olympischen Spiele stattfinden», sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Zweifellos kann er das, nur zu welchem Preis? Will man wirklich allen Ernstes vor diesem blutigen und politisch ja bereits auch verurteiltem Hintergrund um sportliche Ehren kämpfen? «Dabei sein ist alles» darf an dieser Stelle auf keinen Fall gelten.
Unbestritten: Ein Verzicht auf die Sommerspiele wäre auch für die Athleten ein GAU. Für manche ein nicht wiedergutzumachender Karriereknick - schließlich finden die Spiele nur alle vier Jahre statt. Viele Sportler trainieren die 48 Olympiade-Monate ausschließlich auf diese vier Sommerwochen hin, für einige sollen die Spiele 2008 der Karrierehöhepunkt werden. Doch mal im Ernst: Sind die Menschenrechte nicht ein so hohes Gut, welches über die Zielsetzungen einiger Sportler gestellt werden muss? Würde der Sport nicht seinen moralischen Anspruch verlieren, mit dem er unsere Kinder in seine Vereine und Sportstätten lockt? Sie sind es zweifellos. Um genau diesem Anspruch gerecht zu werden, hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Spiele schließlich auch nach China vergeben: «Die Öffnung der chinesischen Gesellschaft sollte mit der Vergabe der Spiele an Peking erreicht werden», sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach. Bei allem Mitgefühl für die Sportler, die um den Wettbewerb ihres Lebens gebracht würden, aber die Spiele in Peking sind in erster Linie hochgradig politisch.
Keine blutigen Nasen im Olympischen Dorf
«Wir sind nicht die Weltregierung», sieht sich Bach, der als DOSB-Präsident auch die deutschen olympischen Interessen vertritt, nun aus der Verantwortung genommen. «Unsere Sportler können im olympischen Dorf zeigen, dass man auch friedlich zusammenleben kann», so Bach. Na, die Chinesen werden Augen machen. Da sitzt dann die deutsche Sportelite im Olympischen Dorf, eingepfercht auf engstem Raum und ... nichts passiert. Keine blutigen Nasen, keine blauen Augen oder ausgerissenen Haare, keinerlei Anzeichen von irgendwelchen Menschenrechtsverletzungen. Nur gut, dass es die Sommerspiele und nicht die Winterspiele sind, ansonsten hätte womöglich ein Zickenkrieg im Lager der Eisschnellläuferinnen den bachschen Friedensplan durchkreuzt.
Doch nicht nur auf Politik- und Funktionärsebene hat man ein Interesse daran, dass das größte Sportereignis der Welt über die Bühne geht. In der Wirtschaft fürchtet man ebenfalls, dass die Werbeshow vor Milliarden von Fernsehzuschauern ins Wasser fällt. «Wir werden an unseren Olympia-Aktivitäten festhalten», erklärte Volkswagen-Firmensprecher Andreas Meurer zum Vorhaben des Automobilherstellers, der dem Organisations-Komitee in Peking (BOCOG) stolze 5000 Autos zur Verfügung stellen will. Beim Sportartikelgiganten «Adidas», immerhin Ausstatter aller BOCOG-Funktionäre, Volunteers und Ausrüster von 16 Olympia-Teams, ist die Marschrichtung ähnlich. «An unseren Olympia-Plänen wird sich nichts ändern», betonte Unternehmenssprecherin Anne Putz. Es geht schließlich um Geld. Uns Liebhaber von Weitsprung und Kugelstoßen, von Speerwurf und Marathonlauf darf dieses allerdings nicht interessieren. Sportfans in Deutschland, seid so konsequent, wie ihr es auf den Sportplätzen seid und vereinigt euch! Greift zur größten Waffe, die ihr habt: dem Aus-Knopf der TV-Fernbedienung. Das sollte wirken, denn das IOC kassiert für die weltweiten TV-Rechte rund 1,74 Millarden US-Dollar - natürlich nur, wenn auch Bilder geliefert werden.
Lasst uns unsere Sporthelden in gebührendem Rahmen feiern, so, wie sie es verdient haben. Doch dieser Rahmen ist sicherlich nicht die blutige Lügen-Kulisse der chinesischen Machthaber, die unsere Athleten in Peking erwartet. Ein Boykott würde China nicht zum Umdenken bewegen, doch der Sport hätte seine Würde bewahrt. Und das hat einen nachhaltigen, mit Geld nicht aufzuwiegenden Wert.