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Wohin rollt der Radsport? (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Wohin rollt der Radsport?
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Am Samstag beginnt in London die Tour de France, dopingverseucht und skandalträchtig. Um eines Tages sauberen Radsport zu erleben, hilft nur ein radikaler Schritt, meint Marc Ellerich .

Die Tour de France hat Nehmerqualitäten gezeigt, keine Frage. Dass das drittgrößte Sportspektakel der Welt am Samstag tatsächlich mit dem Prolog in London beginnt, bei all den Schlagzeilen, alle Achtung. Und in den kommenden drei Wochen wird das Fernsehen gewiss wieder die bekannten Bilder zeigen von jubelnden Menschenmassen an den steilen Anstiegen in Alpen und Pyrenäen, die schmerzverzerrten Gesichter der Radprofis, den Kampf um Sekunden und Minuten und das Scheitern daran. All jene Eindrücke also, die den eigentlich wunderbaren Radsport ausmachen, die den Mythos der Tour de France und der «Giganten der Landstraße» einst begründet haben.

6000 Aktenseiten
Aber sind die faszinierenden TV-Bilder gut für den Radsport? Natürlich nicht. Viel ist unternommen worden nach dem Fuentes-Dopingskandal, der im vergangenen Jahr die Frankreich-Schleife im Vorfeld erschütterte und das Fahrerfeld um viele prominente Namen wie den Jan Ullrichs ausdünnte.

Die Veranstalter der Tour haben Ullrich und Konsorten vor Rennbeginn nach Hause geschickt, 6000 Aktenseiten haben die Ermittler während ihrer «Operacion Puerto» angelegt. Radsport-Teams, wie der dänische CSC-Rennstall und die T-Mobile-Equipe haben sich mittlerweile rigide Antidoping-Programme auferlegt. In Italien wurde die Radsport-Größe Ivan Basso aus dem Sattel gehoben. Der Weltverband UCI forderte jüngst von sämtlichen Tour-Teilnehmern schriftliche Ehrenerklärungen gegen den Sportbetrug ein. Fortan haften die Radprofis mit ihrem Jahreseinkommen, sollten sie als Betrüger auffliegen.

«Gerecht, weil alle dopen»
Und? Hat man den Eindruck, das alles hat Wirkung gezeigt? Kaum. Schon im vergangenen Jahr, mitten im Sturm des Fuentes-Skandals zeigte sich Floyd Landis von den Schicksalen seiner dopingverdächtigen Rivalen Ullrich und Basso nur wenig beeindruckt. Er radelte voll bis oben hin zu seinem Toursieg. Dem entgeisterten Publikum dämmerte wie tief er ist, der sprichwörtliche Dopingsumpf. In den folgenden Monaten wurde dieser dann penibel ausgemessen: Ullrich-Rücktritt, Dopingbeichten ehemaliger Telekom-Profis, ein universitäres Dopingsystem in Freiburg und immer wieder neue Dopingfälle, Ausschlüsse und Verdachtsmomente, selbst in der letzten Woche vor dem großen Rennen. Den vorläufigen Abschluss stellten die Enthüllungen des dopenden Radprofis Jörg Jaksche im «Spiegel» dar, der den Zynismus des Radsport-Systems so knapp wie treffend zusammenfasste: «Es ist pervers, aber das Dopingsystem ist gerecht, weil alle dopen.»

Kann man also tatsächlich von einer Erneuerung der zutiefst dopingverseuchten Sportart sprechen?

Nur Medikamente
Nein, kann man nicht! Dass diese Tour de France eine saubere, dopingfreie sein wird, davon gehen nicht einmal mehr die größten Ignoranten aus. «Man kann nicht davon sprechen, dass dieser Sport sauber ist», sagt etwa Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer. Dass der Radsport in seinen Bemühungen um eine Selbstreinigung nicht sehr weit gekommen ist, davon kündet der Eklat, der die Tour-Teams zwei Tage vor Rennbeginn tief spaltet. Auf der Sitzung der 21 Profimannschaften in London entlarvte ein spanischer Teamchef sich selbst und die Denke vieler in seinem Sport: Die in den spanischen Skandal verwickelten Profi-Fahrer hätten nicht gedopt, behauptete der Mann allen Ernstes, sondern lediglich Medikamente genommen. Es fehlen die Worte...

Wie also soll es weiter gehen, wo dem Sport ganz offenkundig die Kraft fehlt, sich aus dem Sumpf zu ziehen? Helfen Antidoping-Gesetze mit ihren Razzien, mit Aktenbergen und Gerichtsverfahren. Gewiss. Die größte Macht allerdings halten die Fernsehzuschauer in ihren Händen: Die eigene Fernbedienung. Wer nicht hinsieht, könnte so jenen wankelmütigen TV-Managern auf die Sprüngen helfen, denen der letzte Mut zum Ausstieg bei der Tour fehlt, für immer oder auch nur temporär. Schlechte Quoten sind ein Argument, das immer zählt bei den Fernseh-Allmächtigen. Und wenn dann das große Sponsorengeld sich davon macht, beginnt im Radsport vielleicht ein neuer Anfang, dann hoffentlich endlich ohne Doping. Also: Schalten Sie ab! Dem Radsport zuliebe.