netzeitung.deAnd the winner is – Hans Meyer

 Herausgeber: netzeitung.de

Ein kleiner Schritt für Hans Meyer (l.), ein großer für den 1. FC Nürnberg: der DFB-Pokalsieg 2007. (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ein kleiner Schritt für Hans Meyer (l.), ein großer für den 1. FC Nürnberg: der DFB-Pokalsieg 2007.
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nürnberg verdirbt Stuttgart das Double und gewinnt erstmals seit 45 Jahren den DFB-Pokal, aber für Hans Meyer kann von Höhepunkt der Karriere keine Rede sein - den gab’s im Sozialismus, wie Markus Wanderl berichtet. Bilderschau: Nürnberg verhindert Stuttgarts Double

Weit verbreitet ist die Auffassung, dass Hans Meyer lustig ist. Sehr lustig sogar. Der lustigste Trainer von allen. Und so war die Vorfreude groß auf die Pressekonferenz in den Tiefen des Berliner Olympiastadions, das einmal mehr Stätte des Pokalendspiels gewesen war. Doch dazu später.
Knapp, aber verdient
Knapp zwar, mit 3:2 (2:2; 1:1) nach Verlängerung, aber bei Betrachtung aller Details doch verdient, war sein Team, der 1. FC Nürnberg, als Pokalsieger aus den 120 Minuten hervorgegangen. Anno 1962 war es gewesen, als ein Mensch namens Tasso Wild, nicht verwandt und schon gar nicht verschwägert mit Gina Wild, dafür aber später in Diensten von Hertha BSC, in Hannover das 2:1 gegen Düsseldorf sicherte und der Stadt Nürnberg einen Autokonvoi bescherte.

Nun, 45 Jahre später, wird es am Sonntag zum nächsten blechernen Stelldichein aus Anlass eines Pokalsiegs kommen. Ein gerührter Michael A. Roth versprach noch tief in der Nacht. «In Nürnberg wird’s eine Feier geben, wie sie es noch nicht gegeben hat.» Nur allzu gern, das war herauszuhören, hätte der Präsident gesagt, «wie es die Welt noch nicht gesehen hat». Bescheidenheit ist eine Zier, und manchmal ist es besser, auf dem Teppich zu bleiben.

Des Dänen Traumtor
Der kleine Mann, Boss der Teppichfirma Aro, und als solcher einst Retter des Vereins vor dem finanziellen Kollaps, und 74.419 andere Menschen im ausverkauften und lange nicht mehr so stimmungsvollen Olympiastadion wollten ihren Augen nicht trauen, als Nürnbergs Jan Kristiansen in der 109. Minute ein Schuss gelang, «den er nur einmal in seinem ganzen Leben so trifft», wie Stuttgarts Mario Gomez später weissagte. Timo Hildebrand, im gelben Trikot (steht das eigentlich für Doping und gehört damit verboten?), streckte sich ein letztes Mal für den VfB. Vergebens. Der Schuss des Dänen schlug ein wie die Blitze, die Tief Lothar noch zwei Stunden zuvor über Berlin losgelassen hatte. Zum FC Valencia, zu Milan, wohin auch immer, wird der Nationaltorwart nun zwar als «Meister» wechseln, nicht aber als Double-Gewinner.

Er kann sich dafür auch bei Mitspieler Cacau bedanken.

Das Pokalfinale war schön anzuschauen gewesen. Ein Duell auf Augenhöhe lieferten sich die Franken und der frisch gekürte Meister. «Einen Fight, ein sehr intensives Spiel», wie Armin Veh später urteilte, «sicherlich eines der besseren.» Veh muss es wissen. Er sah zum 18. Mal, «wenn ich mich recht erinnere» (Veh), ein Pokalfinale vor Ort.

Aber dieser Bärendienst. In der 31. Minute stutzte sich Cacau vom möglichen Helden zum tatsächlichen Bösewicht, als er sich zu einer Tätlichkeit gegen Nürnbergs tapferen Andreas Wolf hinreißen ließ. Dabei hatte der Brasilianer noch elf Minuten vorher aus kurzer Distanz die Führung für sein Team erzielt, die allerdings durch Marek Mintal bald darauf schon wieder egalisiert worden war (27.). Später trafen noch Marco Engelhardt (47.) per Kopf und Pavel Pardo mit Foulelfmeter (80.). Jedenfalls hieß Rot für Cacau, dass seine Mannschaft bestenfalls 60 Minuten, schlimmstenfalls jedoch 90 Minuten in Unterzahl würde spielen müssen. So sollte es dann ja auch kommen. Die Favoritenrolle, so der VfB sie denn überhaupt inne gehabt hatte, hatte sich in diesem Moment jedenfalls endgültig erledigt.

Cacaus Kopf bleibt dran
«Es tut mir sehr Leid für die Mannschaft, sie hat super gekämpft, aber leider hat es sich nicht gelohnt», entschuldigte sich Cacau, einst vom früheren «Club»-Trainer Augenthaler aus Nürnberg vergrault, später. Trainer Veh wollte sich erst noch die Fernsehbilder ansehen, um den Fauxpas seines Angreifers endgültig beurteilen zu können, kündigte aber schon mal an, seinen Stürmer gnädig davon kommen zu lassen: «Cacau hat eine super Saison gespielt, wenn er da einen Fehler gemacht haben sollte, werde ich ihm dafür nicht den Kopf abreißen.» Besser so. Bei jetzt 1,79 Meter Körpergröße könnte dann von Kopfballgefährlichkeit beim Brasilianer endgültig keine Rede mehr sein.

Doch was ritt eigentlich Fernando Meira? Kaum war Cacau voller Scham vom Platz geschlichen und das Spiel wieder freigegeben, foulte der Portugiese, vom dem Veh so viel hält, Marek Mintal grob (32.). Ausgerechnet Mintal, den eben erst Genesenen. Der Slowake habe in der Kabine bitterlich geweint, erzählte sein Trainer, er kam noch in der Nacht ins Krankenhaus. Laut erster Diagnose ist Mintal glimpflich davon gekommen mit einer «schweren Innenbanddehnung im rechten Knie», wie Harald Stenger, DFB-Direktor für Kommunikation, mitteilte. Warum Schiedsrichter Michael Weiner nicht den zweiten Platzverweis aussprach, war selbst dem Übeltäter ein Rätsel: «Ich hatte Glück, dass ich keine Rote Karte bekommen habe», wunderte sich Meira im Gefühl des sicheren Verlierers. Da fällt Einsicht schon mal leichter. Es blieb der Trost, dass die Meisterschaft «einen höheren Stellenwert hat», wie es Veh stellvertretend formulierte, «auch wenn wir das Pokalfinale auch noch gern gewonnen hätten.» Er versprach: «Feiern werden wir trotzdem.»

Zurück zu Hans Meyer. Der hatte sich bald nach Schlusspfiff in Richtung Tribüne aufgemacht, um seine Enkelkinder zu herzen. «Davon habe ich viele», verriet der 64 Jahre alte Fußballlehrer, der sich im Spätsommer letzten Jahres von seiner Frau scheiden ließ. Nach über 40 Ehejahren. Doch kein Gedanke daran. Doch nicht jetzt. Schmunzelnd bilanzierte Meyer vielmehr seine auch schon über 35 Jahre währende Trainer-Tätigkeit. Immerhin steht in seiner Vita nun: Erster in der DDR ausgebildeter Trainer, der den DFB-Pokal und den der DDR gewann. Und «so sehr viel sind ja nicht mehr in der Lage dazu. So langsam sterben wir ja aus», grinste Meyer.

Meyers letzter Titel?
Dass es inklusive des Pokalsiegs allerdings bisher nur zu vier Titeln gereicht hat, wurmt Meyer dagegen schon ein bisschen. «Nicht so toll» sei das ja wohl, sagte er. Zumal ihm schwante, dass «so sehr viel mehr nicht möglich ist als der Pokalsieg» - mit dem «Club».

Gemach, gemach.

Als Meyer gefragt wurde, ob der Pokalgewinn ihm mehr bedeute als einst der Einzug mit Carl Zeiss Jena ins europäische Endspiel der Pokalsieger, antwortete er: «Mit Jena habe ich drei Mal Weltklasse geschlagen (AS Rom, FC Valencia, Benfica Lissabon). Auch wenn wir den Titel dann nicht geholt haben» (nach einer 1:2-Niederlage im Finale gegen Dynamo Tiflis), bedeute ihm das schon noch mehr. Ihn habe damals nur «getröstet, dass unsere Freunde aus der Sowjetunion das gewonnen haben». Meyer grinste noch mal und verließ die Bühne. Schließlich warteten die Feierlichkeiten.

Am 20. September und 4. Oktober dieses Jahres wird erstmals seit 20 Jahren wieder die erste Runde im Uefa-Pokal mit dem «Club» ausgetragen. Den Nürnberger Spielern muss jetzt schon Angst und Bange sein, so sie den Anspruch haben, die 81er Niederlage Jenas gegen Tiflis im Sinne Meyers toppen zu wollen. Allerdings: Nur einmal angenommen, die Franken gewönnen den Uefa Cup, dann hieße das noch lange nicht, dass Meyer von einem neuen Karriere-Höhepunkt sprechen würde. Dafür müsste man auf dem Weg ins Endspiel schon Weltklasse-Mannschaften schlagen.

Zum Beispiel die des FC Bayern.