netzeitung.deUllrichs Anwalt rät weiter zum Schweigen

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Jan Ullrich (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Jan Ullrich
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Nach den Doping-Geständnissen seiner früheren Kollegen ist eine Beichte von Jan Ullrich weiter unwahrscheinlich. Sein Anwalt sieht den Tour-Sieger von 1997 nach den Offenbarungen von Zabel und Co. «etwas entlastet».

Ein halbes Dutzend seiner ehemaligen Teamkollegen hat Doping gestanden, doch der ehemalige Telekom- Kapitän Jan Ullrich bleibt weiter in Deckung. «Er tut nur das, was in der jetzigen Verfahrenssituation zweckmäßig ist», erklärte Ullrichs Anwalt Peter- Michael Diestel am Donnerstag im «ZDF-Morgenmagazin». Mit Hinweis auf mögliche strafrechtliche Konsequenzen meinte er: «Ein Auspacken bei Jan Ullrich gibt es in diesem Sinne nicht.» Es sei nicht dessen Absicht, etwas zu verheimlichen, sagte Diestel: «Er ist nur im Augenblick von Strafverfahren und Prozessen bedroht, deshalb ist sein Verhalten einfach anders.»
«Viel weitgehenderen Vorwürfe»
Er habe niemanden betrogen, hatte der 33-jährige Ullrich noch bei der Pressekonferenz zu seinem Karriereende am 26. Februar betont. «Jan Ullrich ist ja viel weitgehenderen Vorwürfen ausgesetzt», so Diestel am Tag weiterer Geständnisse. Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt im Betrugsfall gegen den Olympiasieger von Sydney zum Nachteil seines früheren Arbeitgebers T-Mobile. Der hatte Ullrich nach dessen Verwicklung in den Skandal um den mutmaßlichen Dopingarzt Fuentes im Sommer 2006 fristlos gekündigt.

Diestel sieht sich als Strafverteidiger von Ullrich nach den Offenbarungen der Ex-Telekom-Profis Bert Dietz, Christian Henn, Brian Holm, Udo Bölts, Rolf Aldag und Erik Zabel «etwas entlastet». Denn wo sei die Basis von Betrug, wenn Doping, «wie von Herrn Dietz und Henn dargestellt, bei Telekom Gang und Gebe war». Seine Schlussfolgerung: «Wenn es so ist, dass es bei Telekom üblich war, dann ist richtigerweise für Betrug keine Substanz gegeben, dann müssen die Akten zugeschlagen werden.» Er wolle dem Team Telekom aber nicht unterstellen, ein betrügerisches System gewesen zu sein.

In der Tat könnten sich die Doping-Geständnisse seiner ehemaligen Telekom-Kollegen für Ullrich positiv auswirken. Bei der Staatsanwaltschaft Bonn wird derzeit geprüft, ob die dort anhängige Anzeige gegen den früheren Telekom-Mannschaftskapitän noch aufrechterhalten werden kann. «Wir sind bislang immer davon ausgegangen, dass das jetzige T-Mobile-Team nichts von Doping wusste. Es gibt nun sicherlich Überlegungen, ob jetzt immer noch so gedacht werden kann», sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bonn am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa.

Als einziger durch Verfahren bedroht
Die generelle Abkehr vom Schweigen beurteilte Diestel durchaus positiv. «Wenn alle anderen jetzt meinen, jetzt etwas zugeben zu müssen, dann ist das ein richtiger, logischer Weg, um dem Doping in Gänze Kampf anzusagen. Ich glaube schon, dass es der richtige Weg ist», sagte Diestel. Für seinen Mandanten müsse er das jedoch anders sehen: «Er hat eine andere Situation wie Herr Dietz, Herr Henn und viele andere, weil er als Einziger, als Galionsfigur des deutschen Radsports bedroht ist durch Verfahren.»

Die zuletzt veröffentlichten Darstellungen von «Masseur und einzelnen Radsportlern» des damaligen Team Telekom würden ihn nachdenklich und allergrößte Befürchtungen wach machen. «Was mein Mandant zu diesem Zeitpunkt dort wusste und was er eingenommen hat, ist nach meinen Dafürhalten ganz anders zu bewerten», unterstrich Diestel. Ullrich, Tour-de-France-Sieger von 1997, hat bisher immer bestritten, jemals illegale Mittel zur Leistungssteigerung genommen zu haben.

Runder Tisch gefordert
Alle, die jetzt einen Beitrag leisten können, müssten im Kampf gegen Doping zusammen stehen, forderte Diestel und setzte sich für einen Runden Tisch ein, an dem auch die beschuldigten und betroffenen Leistungssportler sowie verurteilte Trainer teilnehmen sollen. Dazu würde sicher auch sein Mandat bereit sein. «Das kann man nur, wenn die Betroffenen nicht sofort einem Strafprozess oder einer zivilrechtlichen Forderung entgegen sehen.» Die Gesetzgeber müssten einen Zustand erreichen, der ein solches freies und offenes Mitwirken möglich mache. «Dann wird man auch die Hintermänner des Dopings- Systems hilflos machen», glaubt Diestel.

Ein Umdenken für den gesamten deutschen Sport ist für Diestel unausweichlich. «Wir müssen begreifen, dass man nicht mit 40 km/h über die Pyrenäen fahren kann, dass man 250 Kilo ohne Stimulanzen nicht hochheben kann. Wir müssen uns vom Rekorddenken verabschieden.» Derzeit scheint ein Hochleistungssport ohne Stimulanz-Mittel aber gar nicht möglich. «Das sage ich, das sagen alle Trainer, das wissen auch alle in der Sportpolitik Tätigen, dass wissen auch alle Funktionäre.» (nz/dpa)