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Lupe Felix Sturm sucht Gerechtigkeit

Boxer Felix Sturm will sich am Samstag den WM-Titel zurückholen. Der neuerliche Gegner, Javier Castillejo, hatte den Leverkusener vor neun Monaten zwar fürchterlich zugerichtet, dennoch könnte das klappen, meint Perikles Monioudis .

Ungern erinnern wir uns an den 15. Juli 2006 zurück. Der spanische Herausforderer Javier Castillejo setzte mit seinem harten linken Haken den stark favorisierten Weltmeister Felix Sturm bei dessen erster (freiwilliger) Titelverteidigung in der Hamburger «Color-Line-Arena» außer Gefecht. Dabei hatte der Leverkusener die bis dahin ausgetragenen neuneinhalb Runden mehrheitlich gewonnen.

Die folgenden Aufwärtshaken Castillejos und der Schlag gegen die Leber richteten bei Felix Sturm eine Verheerung an, die nur gerade dazu taugen, jeden Boxsport-Enthusiasten diesen seinen Enthusiasmus beargwöhnen zu lassen. Sturms Gesicht war sofort stark angeschwollen. Die Anmutung, der kluge Kopf des jungen Mittelgewichtlers habe die Ausmaße einer Wassermelone angenommen, muss viele der bestürzten Zuschauer überkommen haben.

Den Weltmeistergürtel nach Version der WBA war der damals 27-Jährige mit dem Fachabitur in Betriebswirtschaft nach einem beiderseits technisch hochstehenden Kampf erst einmal los. Nun will er den Gürtel wiederhaben. Samstag Nacht fordert Felix Sturm (26-2-0, 12 K.o.) den 38 Jahre alten WBA-Weltmeister Javier Castillejo (62-6-0, 41 K.o.) in der Oberhausener «König-Plisener-Arena» zum Rückkampf heraus. Das ZDF überträgt zeitgleich.

Sturm sucht Gerechtigkeit
«Ich werde den größten Kampf meiner Karriere liefern», sagte Sturm kürzlich bei der Pressekonferenz. Man ist geneigt, ihm zu glauben. Sein ungeklärtes Verhältnis zum Publikum macht ihm zu schaffen – grundlos. Er ist ein hervorragender Taktiker, der einen Vorsprung geduldig auszubauen versteht, wie zuletzt Anfang Dezember 2006 gegen den Australier Gavin Topp.

Nach dem Sieg durch technischen K.o. in der sechsten Runde war Sturm im Berlin-Neuköllner «Estrel-Convertion-Center» allerdings ausgebuht worden. Das war ihm schon vor einem Jahr – beim Titelgewinn – in Hamburg gegen den Samoaner Maselino Masoe widerfahren, als er seinen Punktevorsprung am Ende nur noch verwaltet hatte. Zu angriffig gestaltete er in der Folge den Kampf gegen Castillejo.

Tadellose rein taktische Leistungen sind im oft zirzensischen Profi-Box-Business nicht gefragt. Das musste neulich auch wieder der nicht etwa passiv, sondern defensiv agierende Henry Maske nach dem siegreichen Re-Match mit Virgil Hill erfahren.

Das Publikum mag einerseits kein Taktieren im Ring, andererseits ist es über schnelle Knock-Outs regelmäßig enttäuscht. Das Zermürben und umgekehrt das schnelle Besiegen des Gegners muss Sturm noch in ein Gleichgewicht bringen, das vom Publikum akzeptiert wird. Als Weltmeister würde ihm das sicher leichter fallen denn als Herausforderer, der er am Samstag ist.

Sturms schnelle Beine
Obwohl Sturm an der Treffsicherheit und Kraft seiner Schläge gearbeitet hat, wird aus ihm wohl kein «Knocker» mehr werden. Er legt es nicht auf den entscheidenden Schlag an – was in diesem Sport ohnehin nie gutgeht. Statt dessen vertraut er auf die Variabilität seiner Schläge und vor allem auf seine ausgefeilte Beinarbeit, die ihn öfter auch in eine Rückwärtsbewegung treibt. Darin bleibt Sturm (1,81 m) trotzdem sehr beweglich.

Der etwas kürzere Castillejo (1,78 m) hingegen «marschiert», er hält nichts von Distanz und zwingt seine Gegner in den Clinch. Seine 41 K.o.-Siege sprechen von einem Mann, der sich der Taktik des unausgesetzten Angriffs verschrieben hat, falls das, zumal im Mittelgewicht, als Taktik bezeichnet werden kann. Zwar nimmt er manchmal etwas Tempo raus, deckt anschließend seinen Gegner aber wieder mit Schlägen ein – eine Taktik, die sich für beide Kämpfer zermürbend auswirkt.

Ein bewährtes Rezept
Felix Sturm kann sich gegen den Spanier auf keinen Schlagabtausch einlassen. Zwar hat er Kämpferherz bewiesen, als «El lince» («Luchs») Castillejo ihn im vergangenen Juli bereits in der zweiten Runde auf die Bretter geschickt und er sich dennoch bis zur zehnten Runde nach Punkten hatte absetzen können. Trotzdem wird der Ausgang des Kampfes davon abhängen, wie viel Sturm einstecken kann – eine furchterregende Aussicht.

Um Castillejo niederzuschlagen, bedarf es einer endlos wirkenden Kombination von harten Schlägen, wie sie etwa Mariano Natalio Carrera im vergangenen Dezember in Berlin anbringen konnte. In der elften Runde holte sich der junge Argentinier nach einem spontan angesetzten Schlaghagel den WBA-WM-Gürtel von Castillejo. Mit viel Gelduld, im Rückwärtsgang und mit guter Deckung, aus der Distanz mit der Führhand, mit gelegentlichen Angriffen und Kombinationsversuchen suchte und löste Carrera seine Chance gegen den favorisierten Castillejo ein. Das könnte auch ein Rezept für Sturm sein – wenn auch ein übermenschlich anmutendes. Carrera wurde der Titel denn auch wegen Dopings (Cenbuterol) aberkannt. Nur deswegen kommt es nun überhaupt zum Titelkampf Castillejo-Sturm.

Der Schriftsteller Perikles Monioudis wurde 1966 in der Schweiz geboren. Seine Sportaufsätze sind unter anderem in der «Neuen Zürcher Zeitung» und in «El País» erschienen.