netzeitung.deMaske: Zwei alte Fäuste für ein Halleluja

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Defensivboxer Maske trifft auf Linksausleger Hill (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Defensivboxer Maske trifft auf Linksausleger Hill
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Henry Maske nimmt es Samstagnacht mit Vergil Hill auf. Weshalb er das tut, ist seine Sache. Aber muss man ihm dabei zusehen? fragt sich Perikles Monioudis .

Henry Maske boxt Virgil Hill – wunderbar fanden wird das damals: Der schulmäßige Rechtsausleger aus Treuenbrietzen war nicht nur fest entschlossen, sondern als ungeschlagener Champ auch in der Lage, den US-Amerikaner Virgil «Quicksilver» Hill zu bezwingen. Wie lange ist das her? Ein Jahrzehnt?

Als die beiden hochveranlagten Boxsportler am 23. November 1996 in der Münchener Olympiahalle in den Ring stiegen, setzten «The Gentleman» Maske seinen Halbschwergewicht-Gürtel nach der Version der IBF und Hill seinen Gürtel nach Version der WBA auf den eigenen Sieg. Diese Zeiten sind vorbei. Maskes Sekundanten werden nach mehr als zehn Jahren mit leeren Händen zum Ring kommen, und Hill, amtierender WBA-Weltmeister im Cruisergewicht (bis 90,71 Kilogramm), lässt seinen Gürtel zu Hause. Samstagnacht geht es um keine Titel.

In welcher Gewichtsklasse würde ein Titel den auch vergeben werden? Die vertragliche Einigung für den Kampf sieht vor, dass die heute 43-jährigen Kontrahenten nicht mehr als 86,18 Kilogramm wiegen dürfen. Diese Obergrenze liegt zwischen der Kategorie des Cruisergewichts, in dem Hill heute boxt, und der des Halbschwergewichts (bis 79,38 Kilogramm), das die beiden vor über zehn Jahren verkörperten. Ein regulärer Titelkampf ist auf diese Weise nicht möglich.

Revanche?
Maske (30-1, 11 K.o.) hat den neuerlichen Vergleich mit Hill (50-5, 23 K.o.) so sehr gewollt, weil dieser ihm die einzige Niederlage (knapp nach Punkten) in seiner Profi-Karriere zugefügt hat – in jener Nacht im November 1996. Maske sinnt auf Revanche. Der flinke, aber ebenfalls nicht sonderlich schlagstarke Virgil Hill hingegen hat Maskes Bitte nur der großen Börse wegen stattgegeben. Er zeigte sich allenfalls ein wenig pikiert darüber, dass Maske nach zehnjähriger Pause ausgerechnet ihn boxen wollte.

Von Revanche kann Samstagnacht keine Rede sein. Selbst wenn Hill seinen aktuellen Weltmeister-Titel zur Disposition stellen, Maske dafür ins Cruisergewicht wechseln und den Kampf auch noch für sich entscheiden würde: Henry Maske hätte einen alternden, müden Virgil Hill geschlagen, mitnichten jenen Hill in der Münchener Toppform von 1996.

Über den Maske abgerungenen IBF-Gürtel konnte sich Hill damals, wir erinnern uns, ohnehin nicht lange freuen. Er verlor den IBF- und seinen eigenen WBA-Gürtel bereits beim folgenden Kampf, am 13. Juni 1997, ausgerechnet gegen Dariusz Michalczewski, der mit insgesamt drei Gürteln – der «Tiger» hatte dabei auch seinen WBO-Gürtel erfolgreich verteidigt – den Ring verließ. Damit hatten wenige gerechnet.

Frieden mit sich selbst?
So könnte man denn annehmen, dass die Genugtuung, die sich Maske, ein wirklicher Sportsmann und würdiger Champ, verschaffen will, indem er Hill nochmals vor die Fäuste bekommt, hätte gesteigert werden können, wenn er gegen Michalczewski angetreten wäre. Den „Tiger“ hat er aber stets abblitzen lassen, ohne große Erklärung, die allerdings vor allem in der Tatsache liegen dürfte, dass er selbst für RTL boxte und Michalczewski für Premiere.

Die Niederlage gegen Hill habe ihn zehn Jahre lang beschäftigt, gesteht Maske freimütig, nur für Hill ziehe er die Boxhandschuhe nochmals an, anschließend sei definitiv Schluss. Der Kampf damals habe im Übrigen gar keinen Sieger verdient, fügt er hinzu. Das mag stimmen, der schlechte Kampf hatte vermutlich keinen Sieger verdient. Maske selbst hatte sich damals bald schon auf die Unsitte verlagert, sich am Gegner festzuhalten, zu «klammern». «The Gentleman» klammerte in den Jahren 1995 und 1996 gern. Und wenn er nicht klammerte, ging er auf Distanz, um seine chirurgisch präzisen Führhandschläge anbringen zu können. Dabei wiegte er sich als Rechtsausleger gegen den Linksausleger Hill und dessen weit entfernt scheinende Schlaghand zu sehr in Sicherheit.

Defensiv zum Ziel
Dieser als Frankfurter Schule apostrophierte defensive, um nicht zu sagen abwartende Boxstil Maskes war eine Entwicklung seines damaligen und heutigen Trainers Manfred Wolke. Wolkes Enttäuschung nach der Niederlage Maskes blieb uns in Erinnerung. Er machte seinem Schützling Vorwürfe, die in ihrer Schwere unberechtigt waren. Maske hat ihm verziehen.

Wer den Schau-Kampf in der ausverkauften Münchener Olympiahalle auch immer gewinnen wird, Maske wird in der Folge wehmütig darüber berichten können, so viel und so lange er dazu Lust hat. Die Gründe dieses Meisters seines Fachs, den Rückkampf gegen Hill, der in diversen Gewichtsklassen schon WM-Gürtel sammeln konnte, zu bestreiten, lassen sich nicht kommentieren – sie sind seine Privatsache. An uns ist es, den Kampf zu verfolgen oder das sein zu lassen. Boxerisch kann man mit Fug und Recht zu Letzterem neigen. Was die Verabschiedung Maskes anbelangt, hat das die Boxwelt bereits vor zehn Jahren in würdiger Form getan.

Ein kurzes Wiedersehen wird es bei Maske gegen Hill immerhin mit dem inspirierten Boxsport-Kommentator Werner Schneyder geben. Er wird am Ring sitzen, allerdings nur im RTL-Vor- und Nachprogramm auftreten, den Kampf also leider nicht kommentieren. So werden wir Samstagnacht auch noch auf unsere unverzichtbare Begrüßung «Liebe Boxfreunde, Boxgegner und Boxskeptiker» verzichten müssen.

Der Schriftsteller Perikles Monioudis wurde 1966 in der Schweiz geboren. Seine Sportaufsätze sind unter anderem in der «Neuen Zürcher Zeitung» und in «El País» erschienen.