22.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Dreimal 10,0 - Olympiasieger Hary wird 70
Er ist bis heute der einzige deutsche Olympiasieger über die prestigeträchtige 100-Meter- Sprintdistanz. Es gab eine Zeit, da hat Armin Hary diesen Triumph sogar bereut.
Als erster Mensch der Welt rannte er die 100 Meter in 10,0 Sekunden, und bis heute ist er der einzige deutsche Olympiasieger auf dieser so prestigeträchtigen Distanz. Sein Leben verlief jedoch nicht geradlinig wie ein Sprint, sondern häufig im Zickzackkurs. Armin Hary, ein Jahrhunderttalent der Leichtathletik, feiert in Landshut seinen 70. Geburtstag. «Ich kann nicht jeden Tag sagen, vor 40 oder 50 Jahren warst du ein toller Hecht - da werde ich ja wahnsinnig», sagt er. «Mein Lebensmotto lautet: Morgen ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.»
Dreimal 10,0 Für Heinz Fütterer, der 1954 den Weltrekord von Jesse Owens (10,2 Sekunden) eingestellt hatte, ist Hary «die größte Sprintbegabung aller Zeiten». Dessen internationale Karriere dauerte nur vier - rasante - Jahre. «Der blonde Blitz» wurde 1958 Europameister über die 100 Meter und mit der Staffel. Drei Mal musste er die 10,0 Sekunden laufen, ehe sie als Bestmarke anerkannt wurden. «Das war ein harter Weg», meint er noch heute. Am 6. September 1958 rannte er sie bei einem Provinz-Sportfest in Friedrichshafen zum ersten Mal. Aber die Aschenbahn wies ein Gefälle von 10,9 Zentimeter auf, erlaubt waren 10.
Am 21. Juni 1960 schrieb Hary in Zürich Sportgeschichte - mit einem bühnenreifen Spektakel. Der kurzfristig eingeflogene Sprinter, den der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) wegen eines Hickhacks um die Olympianorm zunächst nicht starten lassen wollte, siegte in 10,0 Sekunden, doch das Rennen wurde wegen eines angeblichen Fehlstarts annulliert. Der Starter im Letzigrund-Stadion hatte sich nicht getraut, das Feld zurückzuschießen. Der deutsche Journalist Gustav Schwenk brachte Hary darauf, eine Wiederholung des Rennens zu fordern - was dieser wutentbrannt tat. Und er lief 35 Minuten später noch einmal die 100 Meter in - 10,0 Sekunden.
Olympiasieg in RomBei den Olympischen Spielen 1960 in Rom produzierte Hary im Endlauf erneut einen Fehlstart - siegte dann aber vor dem zeitgleichen Amerikaner Dave Sime (beide 10,2). Das Zielfoto zeigt, dass der Deutsche wegen seiner weit vorgestreckten Brust vorne lag. Eine Woche später holte Hary zusammen mit Bernd Cullmann, Walter Mahlendorf und Martin Lauer Staffel-Gold in der Weltrekordzeit von 39,5 Sekunden. Das US-Quartett war wegen eines Wechselfehlers disqualifiziert worden. «Zu meinem Geburtstag habe ich ein paar Freunde in ein Lokal eingeladen. Die Staffel ist komplett dabei», sagt Hary.
Nicht nur eine Knieverletzung, die er sich bei einem Autounfall zugezogen hatte, beendete viel zu früh seine Karriere: Der DLV, mit dem der gebürtige Saarländer immer wieder im Clinch lag, sperrte ihn für ein paar Monate, weil er in einem Interview Sätze gesagt hatte wie: «Die Funktionäre sollten für die Athleten da sein und nicht umgekehrt.» Zudem soll er bei Spesenabrechnungen getrickst haben. Hary galt - im Gegensatz zu dem so beliebten Manfred Germar - als Rebell mit losem Mundwerk. Er selbst wiederum, zumal Sohn eines Bergmanns und nicht Akademikers wie viele andere Athleten, fühlte sich selten richtig anerkannt, mitunter als «Gaukler» herabgestuft.
«Mir geht alles zu langsam»Beruflich schoss Hary, der Feinmechaniker, Sportstudent, Tellerwäscher, Kaufmann, Immobilienmakler und Baustoffgroßhändler war, einmal übers Ziel hinaus: In den 80er Jahren rückte er bei einem Prozess wegen Beihilfe zur Untreue an der katholischen Kirche bei Grundstücks-Geschäften so in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, dass er sagte: «Wäre ich doch bloß nicht Olympiasieger geworden.» Er wurde auf Bewährung verurteilt.
Heute widmet sich Hary mit Feuereifer seiner «Initiative zur kommunalen Förderung jugendlicher Sporttalente», kurz AHA-F. Dabei sollen sportbegeisterte Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien finanziell unterstützt werden. Manchmal schimpft seine Frau Christina, dass er nicht mal mehr für Tennis oder Golf Zeit hat. «Aber das hier ist meine Lebensaufgabe geworden und mehr als ein Fulltime-Job. Ich bin bis in die Haarspitze motiviert», sagt Hary und stöhnt: «Mir geht alles zu langsam.» (Ulrike John, dpa)