netzeitung.de«Ich bin Beckenbauer, nicht Beckham»

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Mark Warnecke (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Mark Warnecke
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Mark Warnecke tritt bei der WM in Melbourne als ältester Titelverteidiger der Geschichte an. Marc Ellerich sprach mit dem Schwimmer über Höhen und Tiefen, sportliche Bankangestellte und darüber, warum er kein Leistungssportler ist.

Bei der Schwimm-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Montreal sorgte Mark Warnecke für die Sensation. Mit 35 Jahren wurde der gebürtige Bochumer über die 50-Meter-Bruststrecke ältester Schwimm-Weltmeister der vergangenen 30 Jahre. Für den studierten Mediziner war es der späte Höhepunkt einer bewegten Karriere. Bereits 1996 gewann Warnecke bei den Olympischen Spielen in Atlanta die Bronzemedaille, er war mehrfach Weltmeister, Weltcup-Sieger und Weltrekord-Inhaber. Aber auch bittere Rückschläge prägten die Laufbahn des Westfalen, etwa als er bei den Spielen von Sydney im Vorlauf Wasser schluckte und ausschied. 2004 verpasste er die Qualifikation für Olympia in Athen.

Das falsche Pferd
Bei der WM in Melbourne (17. März bis 1. April) tritt «der liebenswerte Chaot», wie Warnecke von einem ehemaligen Trainer einmal genannt wurde, als ältester Titelverteidiger der Schwimm-Geschichte an. Im Interview mit Netzeitung.de spricht der 37-Jährige über seine lange Karriere, ein zufälliges Comeback und Leistungsport in biblischem Alter.

Netzeitung.de: Zur Weltmeisterschaft nach Melbourne fahren Sie als ältester Titelverteidiger der Schwimmgeschichte - mit 37 Jahren. Jemals an so etwas gedacht zu Beginn Ihrer Karriere?

Mark Warnecke: Um Gottes Willen, natürlich nicht. Wenn ich überlege: Mit 18 war ich das erste Mal bei Olympia. Damals dachte ich, dass man mit 24 klinisch tot ist als Schwimmer. Das war meine feste Überzeugung. 1996, nach Atlanta, glaubte ich endgültig, dass das nun das Limit wäre. Seinerzeit habe ich schlecht Sponsoren gefunden. Alle dachten, der ist zu alt. Seither sind elf Jahre vergangen, und ich habe seither mehrere Schwimmerkarrieren überlebt. Jeder Sponsor, der sich damals gegen mich entschieden hatte, hat aufs falsche Pferd gesetzt.

«Wie ein Experiment»
Netzeitung.de: Endgültig am Ende schien Ihre Karriere, als Sie die Qualifikation für die Spiele in Athen verpasst hatten.

Warnecke: Richtig. Und mein Comeback im Jahr darauf war gar nicht geplant. Das hing damit zusammen, dass ich meine Ernährung umgestellt hatte und merkte, wie toll sich meine Leistung entwickelt. Das war wie ein Experiment für mich: Sehen, wie weit ich es treiben kann. Irgendwann war ich auf einem sehr guten Niveau. Und dann habe ich mir gesagt: Jetzt kannst du auch noch mal angreifen.

Netzeitung.de: Haben Sie eine Erklärung für den besonderen Verlauf Ihrer Karriere?

Warnecke: Ich glaube, das Grundprinzip ist, dass mir der Sport Spaß macht. Ich bin eigentlich kein Leistungssportler. Wobei man das nicht falsch verstehen darf: Spaß hat nichts mit lustig zu tun. Das ist immer das Schwierige, wenn ich sage ich bin kein Leistungssportler. Ich bin noch die alte Schule. Ich bin nicht die Boygroup, wie wir sie heute haben im Sport. Ich bin Beckenbauer oder so was. Aber ich bin nicht Beckham.

Schwimmen mit Herz
Netzeitung.de: Was soll denn das heißen?

Warnecke: Ich bin wie ein Künstler, der Musik studiert hat, keine Boygroup, die eigentlich nicht singen kann. Wo es nur ums Geld geht.

Netzeitung.de: Sie schwimmen mit Leidenschaft wollen Sie sagen?

Warnecke: Ja, ich glaube, das ist der Grund, weshalb ich mich so lange gehalten habe. Es ist immer schwierig zu sagen: Ich mache das, was mir Spaß macht. Das klingt immer so nach sha la la la la. Mir macht es zwar keinen Spaß mehr, täglich zu trainieren. Aber ich bin ein Sportler mit Herz, das muss man so sagen.

Netzeitung.de: Ein Zitat von Ihnen: «Die Tiefen haben meine Persönlichkeit geprägt». Wie wichtig waren die schweren Niederlagen Ihrer Karriere – etwa die verpasste Qualifikation für Olympia in Athen - für Ihren späten sportlichen Erfolg?

Warnecke: Das war das Wichtigste überhaupt. Mich bringt nicht mehr viel aus der Ruhe. Ich weiß, wie kurzfristig Erfolge sind. Ich sehe auch keinen großartigen Sinn darin, ein oder zwei oder drei oder vier Bahnen schnell zu schwimmen. Das hat für mich keine Bedeutung mehr. Das Schwimmen ist eine Herzensangelegenheit. Jeder, der tagsüber in eine Bank geht oder als Journalist arbeitet und nebenher regelmäßig Sport treibt, der macht nichts anderes als ich: Trainieren, weil es Spaß macht und weil man ein gutes Gefühl dabei hat. Und aus den Tiefen hab ich gelernt, dass es genau das ist, worauf es ankommt.

«Hat's noch nie gegeben»
Netzeitung.de: Das heißt für die Titelverteidigung?

Warnecke: Die Titelverteidigung ist angestrebt. Wenn ich einbeinig da stehe und den Arm auf den Rücken gebunden habe, schwimme ich um den Sieg, keine Frage. Aber ich weiß dass es dieses Jahr schwierig wird. Wenn ich den Endlauf schaffe, bin ich super.

Netzeitung.de: Ist es Ihnen wichtig als Weltmeister abzutreten?

Warnecke: Gar nicht.

Netzeitung.de: Gar nicht?

Warnecke: Ich kann nichts mehr verlieren, weil ich alles gewonnen habe. Ich hatte eine Karriere, die einmalig war. Ich habe mir etwas geschaffen, das mir keiner mehr nehmen kann. Weltrekord zu schwimmen, das war für mich als Sportler das höchste Glück. Ich habe eine Olympiamedaille machen können, ich bin dann in einem biblischen Alter Weltmeister geworden. Wie soll ich das noch toppen? Wenn ich noch mal in den Endlauf käme, wäre das für mein Alter ein absolutes Highlight. Hat’s noch nie gegeben im Schwimmsport.

«Ich kotz' mich aus»
Netzeitung.de: Womit Ihre Chancen bei der WM umrissen wären. Das Ziel ist das Finale.

Warnecke: Nee, das Ziel ist der Sieg. Das habe ich doch gerade gesagt. Man muss nur differenzieren. Man darf nicht schreiben: Warnecke will den Titel, und alles andere ist dann Mist. Wenn ich den Endlauf schaffen würde, wäre ich total zufrieden. Dann hätte ich alles erreicht, was man in dem Alter machen kann. Es gibt Grenzen, auch wenn ich die so weit verschoben habe, dass ich nicht mehr weiß, wohin ich sie noch schieben soll.

Netzeitung.de: Wie lief die Vorbereitung?

Warnecke: Ich bin im Training schnellere Serien geschwommen als vor Montreal. Leider hat mich mein Trainer in der letzten Woche mit der Grippe angesteckt. Ich hatte richtige Muskelschmerzen. Davor habe ich an meinem persönlichen Limit trainiert: Einmal am Tag schwimmen und viermal pro Woche Krafttraining, mehr als vor Montreal.

Netzeitung.de: Wenn Sie das in Relation zu Ihren Konkurrenten setzen.

Warnecke: Ein Drittel der Quantität, aber doppelt so viel Qualität. Ich kotz’ mich genauso aus. Ich bin im Training viermal hintereinander die Zeit von den Deutschen Meisterschaften geschwommen. Das heißt, ich gehe richtig ans Limit und liege dann auch hinterher absolut tot am Beckenrand. Und das machen die anderen halt nicht.