Tyson, wir vermissen Dich
Genug der Nostalgie: Tatsache ist, dass im Schwergewicht Athleten von außerordentlichem Format seit geraumer Zeit vergeblich gesucht werden. Seit wann genau? Heute, da auch kein Larry Holmes mehr boxt, kein Evander Holyfield und kein Lennox Lewis in seinem letzten Kampf am 21. Juni 2003 regelkonform siegreich gegen Wladimirs älteren Bruder Witali Klitschko , haben wir es etwa mit einem Nikolai Walujew zu tun. Walujew ist ein Hüne, der nur gerade dieser seiner Hünenhaftigkeit den WBA-Weltmeistertitel verdankt.
Vor kurzem ist der Russe dem Basketball-Publikum in der Berliner Max-Schmeling-Halle noch als zirzensische Pausen-Attraktion verkauft worden. Walujew erntete keinen Szenen-Applaus, sondern Gelächter, als er sich einen Balljungen auf die Schultern setzte. Der Junge wirkte dort so groß wie ein Basketball.
Bum-Bum-Becker hat das Serve-and-Volley perfektioniert. Becker ging es nicht länger um eine geeignete Spieltaktik, sondern um die krude Zerstörung jeder möglichen Reaktion seines Gegners. Ein Aufschlag, ein Rush ans Netz, ein Volley das musste reichen, und oft genug reichte das ja auch.
Dieselbe Hast trieb Tyson an, der sich am 22. November 1986 mit zwanzig Jahren im Hilton Hotel zu Las Vegas zum jüngsten Schwergewichts-Weltmeister (Version WBC, gegen Trevor Berbick) machte. In der Art eines Straßenkämpfers drosch Tyson auf seine Gegner ein, er suchte stets den schnellen Knock-out. Bevor Tyson auf den Plan getreten ist, galt die Suche nach dem schnellen K.o. als Anfängerfehler.
Im Unterschied zum Tennis findet sich im Schwergewichts-Boxen zurzeit kein Roger Federer, kein kompletter, zutiefst rational und zugleich genauso ästhetisch veranlagter Athlet, der die Sportart wiedererwecken könnte. Die Klitschkos galten zu Beginn ihrer Karriere zumindest als hoffnungsvolle Anwärter.
Beide Boxer gelten als ziemlich schlagstark, mit diesbezüglichen Vorteilen bei Klitschko. Klitschko gewann denn auch 42 seiner 47 Kämpfe durch K.o. (bei drei Niederlagen), Austin immerhin 16 seiner 24 Kämpfe (bei vier Niederlagen). Beide Boxer sind hochgewachsen (200 cm). Und beide Boxer vertragen Wirkungstreffer schlecht. Klitschko wird sogar ein «Glaskinn» nachgesagt. Soweit die Gemeinsamkeiten.
Klitschko aber boxt als Olympiasieger schulmäßig, während Austin die Straßen von Cleveland, Ohio, als Boxschule angibt: Boxerisch ist Klitschko seinem Gegner weit überlegen. Er wird sich Austin mit Führhand-Schlägen («Jabs») vom Leibe halten wollen und gelegentlich seine gefürchteten Doppelschläge (Jab, dann Schlaghand) anbringen. Zeigen seine Schläge Wirkung, wird Klitschko mit viel Geduld den langsamen K.o. anstreben. Kann das kurzweilig sein?
Ein schöner Kampf wird das nicht werden, bestenfalls ein irgendwie spannender, im Falle, dass Klitschkos Cutman in der Ringecke schlecht arbeitet und mögliche kleine Cuts um die Augen seines Kämpfers mit dem bewährten Vaseline-Adrenalin-Gemisch nicht rechtzeitig zu schließen vermag. Daraus könnten wieder einmal Kalamitäten für den Champ entstehen.
Wladimir Klitschko wird seinem Ziel, die WM-Gürtel aller vier wichtigen Verbände zu erobern, am Ende womöglich ein Stück näher gekommen sein. Dazu sind 19 TV-Kameras aber nicht unbedingt nötig.
Der Schriftsteller Perikles Monioudis wurde 1966 in der Schweiz geboren. Seine Sportaufsätze sind unter anderem in der «Neuen Zürcher Zeitung» und in «El País» erschienen.

