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Tyson, wir vermissen Dich

09. Mrz 2007 10:18
Wladimir Klitschko
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Heute verteidigt Wladimir Klitschko seinen WM-Gürtel gegen Ray Austin. Doch das Schwergewichts- Boxen existiert nicht mehr, meint Perikles Monioudis.

Nein, diese Zeilen gehen nicht über die glorreichen Kämpfe in den Siebzigerjahren, als unsere Väter oder wir selbst uns mitten in der Nacht verabredungsgemäß aus den Federn holten, allein um jenen abenteuerlichen Schwergewichts-WM-«Bouts» beizuwohnen. Die Zeiten der spektakulär begabten Boxer ist, was das Schwergewicht anbelangt, vorbei.

Kein neuer Louis oder Ali in Sicht

US-Schwergewichtsboxer Muhammad Ali (r.) 1974 im historischen WM-Kampf mit George Foreman.
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Die nostalgische Schilderung jener meist aus den USA übertragenen Titelkämpfe, mithin die schwärmerische Erwähnung Muhammad Alis, Leon Spinks’, George Foremans, Joe Fraziers, mündete schon wenige Jahre später in der Ungeduld und schließlich Larmoyanz dessen, der dem Bild eines wendigen, technisch und taktisch ausgefeilten, vor allem schnellen, austrainierten und dann auch noch inspirierten Schwergewichtlers an- oder nachhängt, einem Joe Louis in seinen besten Tagen, dem großen Muhammad Ali.

Der Schwede Ingemar Johansson (l.) 1960 im WM-Fight gegen seinen Herausforderer Floyd Patterson.
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Hätte Ali über eine größere Schlagkraft verfügt, wäre er wohl der ultimative Boxer gewesen. Dasselbe Problem hatte Olympiasieger Floyd Patterson, während der unbesiegte Rocky Marciano und Sonny Liston, der 1970 im Alter von 38 Jahren vermutlich an einer Überdosis Heroin starb, bei minderer Schnelligkeit starke Puncher abgaben.

Genug der Nostalgie: Tatsache ist, dass im Schwergewicht Athleten von außerordentlichem Format seit geraumer Zeit vergeblich gesucht werden. Seit wann genau? Heute, da auch kein Larry Holmes mehr boxt, kein Evander Holyfield und kein Lennox Lewis – in seinem letzten Kampf am 21. Juni 2003 regelkonform siegreich gegen Wladimirs älteren Bruder Witali Klitschko –, haben wir es etwa mit einem Nikolai Walujew zu tun. Walujew ist ein Hüne, der nur gerade dieser seiner Hünenhaftigkeit den WBA-Weltmeistertitel verdankt.

Vor kurzem ist der Russe dem Basketball-Publikum in der Berliner Max-Schmeling-Halle noch als zirzensische Pausen-Attraktion verkauft worden. Walujew erntete keinen Szenen-Applaus, sondern Gelächter, als er sich einen Balljungen auf die Schultern setzte. Der Junge wirkte dort so groß wie ein Basketball.

Die Tyson-Faust

Mike Tyson
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Seit wann also bietet das Schwergewicht den Sportästheten keine Nahrung mehr? Seit Mike Tyson ab 1992 sechs Jahre lang wegen Vergewaltigung im Gefängnis einsaß. Man mag von dem verwirrten, gefährlichen Tyson als Person halten, was man will, für das Schwergewichts-Boxen hat er soviel getan wie Boris Becker für den Tennis-Sport. Tyson wie Becker haben ihre Sportart finalisiert. Nach ihnen war das Boxen und der Tennis-Sport zu einem Ende gekommen.

Bum-Bum-Becker hat das Serve-and-Volley perfektioniert. Becker ging es nicht länger um eine geeignete Spieltaktik, sondern um die krude Zerstörung jeder möglichen Reaktion seines Gegners. Ein Aufschlag, ein Rush ans Netz, ein Volley – das musste reichen, und oft genug reichte das ja auch.

Dieselbe Hast trieb Tyson an, der sich am 22. November 1986 mit zwanzig Jahren im Hilton Hotel zu Las Vegas zum jüngsten Schwergewichts-Weltmeister (Version WBC, gegen Trevor Berbick) machte. In der Art eines Straßenkämpfers drosch Tyson auf seine Gegner ein, er suchte stets den schnellen Knock-out. Bevor Tyson auf den Plan getreten ist, galt die Suche nach dem schnellen K.o. als Anfängerfehler.

Im Unterschied zum Tennis findet sich im Schwergewichts-Boxen zurzeit kein Roger Federer, kein kompletter, zutiefst rational und zugleich genauso ästhetisch veranlagter Athlet, der die Sportart wiedererwecken könnte. Die Klitschkos galten zu Beginn ihrer Karriere zumindest als hoffnungsvolle Anwärter.

Wer boxt wie?

Wladimir Klitschko (r.) und Ray Austin.
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Am Samstag wird Wladimir Klitschko zum ersten Mal seinen Schwergewicht-Titel nach Version der IBF gegen Ray Austin verteidigen. Klitschko wird aller Voraussicht nach siegreich aus der Begegnung hervorgehen. RTL will den Kampf mit 19 Kameras einfangen, drei davon sind im Ringboden versenkt. Doch kein Fernseh-Regisseur dieser Welt wird eine Paarung wie Wladimir Klitschko gegen Ray Austin (36) zum perfekten Sport zusammenschustern können.

Beide Boxer gelten als ziemlich schlagstark, mit diesbezüglichen Vorteilen bei Klitschko. Klitschko gewann denn auch 42 seiner 47 Kämpfe durch K.o. (bei drei Niederlagen), Austin immerhin 16 seiner 24 Kämpfe (bei vier Niederlagen). Beide Boxer sind hochgewachsen (200 cm). Und beide Boxer vertragen Wirkungstreffer schlecht. Klitschko wird sogar ein «Glaskinn» nachgesagt. Soweit die Gemeinsamkeiten.

Klitschko aber boxt als Olympiasieger schulmäßig, während Austin die Straßen von Cleveland, Ohio, als Boxschule angibt: Boxerisch ist Klitschko seinem Gegner weit überlegen. Er wird sich Austin mit Führhand-Schlägen («Jabs») vom Leibe halten wollen und gelegentlich seine gefürchteten Doppelschläge (Jab, dann Schlaghand) anbringen. Zeigen seine Schläge Wirkung, wird Klitschko mit viel Geduld den langsamen K.o. anstreben. Kann das kurzweilig sein?

Ein schöner Kampf wird das nicht werden, bestenfalls ein irgendwie spannender, im Falle, dass Klitschkos Cutman in der Ringecke schlecht arbeitet und mögliche kleine Cuts um die Augen seines Kämpfers mit dem bewährten Vaseline-Adrenalin-Gemisch nicht rechtzeitig zu schließen vermag. Daraus könnten wieder einmal Kalamitäten für den Champ entstehen.

Wladimir Klitschko wird seinem Ziel, die WM-Gürtel aller vier wichtigen Verbände zu erobern, am Ende womöglich ein Stück näher gekommen sein. Dazu sind 19 TV-Kameras aber nicht unbedingt nötig.

Der Schriftsteller Perikles Monioudis wurde 1966 in der Schweiz geboren. Seine Sportaufsätze sind unter anderem in der «Neuen Zürcher Zeitung» und in «El País» erschienen.


 
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